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Heute ist der: 26.04.2018. --> Bis heute wurden 1069 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview

Dr. Manfred Hattendorf ist beim SWR für den TATORT-Krimi verantwortlich. Bild: © SWR/ Gitzinger

"Der Mord muss immer
in den ersten 10 Minuten passieren"

Dr. Manfred Hattendorf ist beim SWR verantwortlich für Fernsehfilme und damit auch für die TATORT-Krimis. Dieter Oßwald traf den "TATORT-Chef vom Ländle" zum Interview.

Und läuft und läuft und läuft. Und sein Kultstatus wächst stetig. Über 700 Folgen von TATORT gibt es mittlerweile, das Krimi-Flaggschiff der ARD holt Sonntag für Sonntag die Spitzenplätze bei den Einschaltquoten. Mit Stuttgart, Konstanz und Ludwigshafen darf der SWR gleich drei Ermittler ins Rennen schicken. Während Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts im Herbst ihr 20jähriges Dienstjubiläum feiert, wurde in Stuttgart mit Richy Müller und Felix Klare ein neues Kommissar-Team etabliert. Verantwortlich für den TATORT aus dem Südwesten ist Dr. Manfred Hattendorf, Abteilungsleiter Film und Planung beim SWR.

 Vor kurzem kamen zwei TATORT-Folgen aus Hessen, gefolgt von zwei Episoden aus Österreich. Nun gibt es gar dreimal TATORT vom SWR in Serie - ist der Zufallsgenerator der ARD defekt?

Wenn zweimal hintereinander eine Folge mit Lena Odenthal käme, wäre das sicher ungünstig. Aber bei den Tatorten aus dem Südwesten handelt es sich ja um drei ganz unterschiedliche Formate. Dass unsere Teams so kurzfristig hintereinander im Einsatz sind, dürfte also kaum jemanden stören.

Ihr Kollege Gebhard Henke vom WDR erklärt, mit dem Titel "Tatort Koordinator" könne er sogar vor seinen Kindern angeben - geht es Ihnen ähnlich?

Beim Begriff TATORT glänzen tatsächlich die Augen von ganz vielen Menschen. Dabei freut uns besonders, dass wir mit dem TATORT eine der jüngsten Sendereihen in der ARD haben. Dafür tun wir auch viel, etwa mit dem neuen Ermittler-Team in Stuttgart, Richy Müller und Felix Klare - letzterer ist so jung wie einst Ulrike Folkerts, als sie vor 20 Jahren begann.

Manfred Hattendorf verantwortet die Krimifolgen dieser drei sehr unterschiedlichen Teams: Klara Blum und Team aus Konstanz, Thorsten Lannert und Team aus Stuttgart und die Kommissarin Lena Odenthal mit Kollegen aus Ludwigshafen. Bilder: SWR-Fotostelle

Wie wird man der TATORT-Chef fürs Ländle?

  Ich bin in der Abteilung Film und Planung für die fiktionalen Filme des SWR zuständig, damit auch für den TATORT. Ich hatte mich im Studium sehr mit dem Dokumentarfilm beschäftigt, darüber auch promoviert. Nach dem Volontariat beim damaligen SWF war ich Kulturjournalist und Redakteur für Dokumentarfilme, in denen ja auch Geschichten über die Wirklichkeit erzählt werden. Dabei hat mich auch meine langjährige Leidenschaft für das fiktionale Erzählung begleitet. Als dann diese neue Stelle ausgeschrieben wurde, bewarb ich mich und hatte eben Glück.

 Mit über 700 Folgen ist TATORT eine der ältesten Serien - woher kommt diese Popularität seit 35 Jahren?

  Es zahlt sich aus, dass die Marke Tatort die Zeit hatte, sich zu entwickeln. Zudem war es eine gute Entscheidung, den Sonntag in der ARD als Krimi-Tag zu etablieren. Durch diese Regelmäßigkeit ist das Format zum Lebensgefühl geworden: Sonntag ist TATORT-Tag.

 Das Lebensgefühlt hat sich längst zum Kult entwickelt - der TATORT wandert von der heimischen Mattscheibe inzwischen auf Großleinwände diverser Kneipen. Wie weit will die ARD sich dabei engagieren?

  Ich finde es großartig, dass Leute sich den TATORT gemeinsam mit Freunden anschauen. Es gibt auch Überlegungen, dass der SWR sich dabei in Zukunft verstärkt engagiert. Schon jetzt finden bei ausgewählten Anlässen besondere Präsentationen statt: Bei der "Kriminale" im Mai in Singen wird es eine Vorab-Premiere mit Klara Blum geben. Im Herbst wird in Ludwigshafen das 20 Jahre Jubiläum von Lena Odenthal gefeiert. 

 Wer sind die typischen TATORT-Zuschauer? Eher Frauen oder Männer?

  Der TATORT erreicht nicht mehr Frauen als Männer, er ist für Frauen wie Männer gleichermaßen Kult. Allerdings ist es so, dass bei Fernsehfilmen generell  das Publikum prinzipiell überwiegend weiblich ist. Wir wissen also auch bei der Entwicklung von Krimis, dass wir die Frauen mit ins Boot holen müssen.

 Mit welchem Vorlauf werden die Themen entwickelt? Wie lange wird es dauern, bis die Bankenkrise in den TATORT findet?

  Die Entwicklung eines Drehbuchs dauert im Durchschnitt gut ein Jahr. Bisweilen hat man ein gutes Näschen oder Glück, so wie beim "Kassensturz" wir hatten gerade mit den Dreharbeiten begonnen, als der "Lidl"-Skandal bekannt wurde.

Sterbehilfe im TATORT - die Autoren können beim SWR ihren eigenen Themen einbringen, hier für die Folge Der glückliche Tod

Bekommen die Autoren thematische Vorgaben oder setzen die auf ihre eigenen Ideen?

  Das ist ein Geben und Nehmen. Die Redaktion hat ihre Ideen, aber unsere sehr erfahrenen Autoren haben natürlich schon auch ihre eigenen Themen, die sie umtreiben - wie vor kurzem beispielsweise der Fall mit der Sterbehilfe. 

 Immer häufiger gerät der TATORT ins Visier von Bedenkenträgern - wer redet bei einem "heißen Thema" alles mit?

  Jeder Sender entwickelt seine Stoffe eigenverantwortlich, es wird dem SWR also niemand von außen in seine Themen hineinreden. Um ärgerliche Doubletten zu vermeiden, hinterlegt jede Anstalt ihre Planungen bei der TATORT-Koordinationsstelle der ARD.

 Wie groß ist die Konkurrenz unter den Sendern? Freut man sich, wenn der eigene TATORT die 8 Millionen Zuschauer-Hürde nimmt, und die Saarländer wie immer unter ferner liefen dümpelt?   

Natürlich ist jedem der eigene Sender am nächsten. Doch die föderalen Teile bilden erst zusammen das Gemeinsame, die ARD - das ist ein spannender Prozess  Und gerade bei einem TATORT möchten  wir immer die gemeinsame Farbe im Ersten hochhalten, Häme gibt es bei uns nicht. Wir arbeiten in den verschiedenen Sendern ja häufig mit denselben Autoren und Regisseuren. Wobei es übrigens gar nicht so selbstverständlich ist, immer den Tagessieg zu erreichen: Die Konkurrenz am Sonntag ist durchaus stark!

Der SWR zeigt sieben TATORTe pro Jahr - hängt die Häufigkeit mit der Quote zusammen?

  Nein, jeder Sender arbeitet entsprechend seiner finanziellen Möglichkeiten dem Programm der ARD zu - das gilt auch für den TATORT. Würde der Erfolg des TATORT nachhaltig nach unten gehen, würden schon früh die Alarmglocken läuten und Krisensitzungen stattfinden.

 Warum sind einige Kommissare erfolgreicher als andere? Münster ist bei Umfragen immer oben, Konstanz erstaunlich nur im Mittelfeld?

  Zum einen gibt es die Popularität der Schauspieler, etwa einer Simone Thomalla, einer Maria Furtwängler oder einer Eva Mattes. Dann gibt es die Figurenkonstellation, die möglichst ungewöhnlich und spannend ausfallen soll, um im Vielerlei der Krimis aufzufallen. Wir arbeiten an den Figuren also immer weiter. Eva Mattes ist mit dem TATORT nicht groß geworden, sie brachte ein anderes Image mit, entsprechend hat sich ihre Figur Klara Blum am Anfang etwas schwer getan. Mittlerweilen hat Klara Blum eine tolle Entwicklung genommen, wir bekommen  sehr positive Rückmeldungen,  Klara Blum ist als Kommissarin also voll angekommen. Mit ihrem Assistenten Kai Perlmann gibt es inzwischen ein schöne Dynamik, die sehr aktuell und modern ist.

Selbst über andere TATORT-Ermittler anderer Sender muss Manfred Hattendorf regelmäßig auf den internen ARD-Konferenzen sprechen - wie hier über Mehmet Kurtulus. Bild: NDR/ Georges Pauly

Wie oft muss und kann sich ein TATORT neu erfinden?

  Es ist immer die Frage: Wie viel setzt man auf Bewährtes, wo muss etwas Neues her. Mit Ulrike Folkerts hat der SWF damals den weiblichen Kommissarinnen den Boden bereitet. Mit Eva Mattes haben wir eine psychologisch agierende Ermittlerin erfunden. Und nun haben wir die Chance genutzt, mit dem Wechsel von Bienzle ein neues Buddy-Team zu etablieren.

 Wenn in Münster der Pathologe zu einer Art "Dr. House" mutiert, wird so etwas vorab von allen  besprochen?

  Wir haben alle zwei Monate regelmäßige Konferenzen, bei denen wir über solche neuen Entwicklungen diskutieren. Dort wurde zum Beispiel dann auch über den neuen verdeckten Ermittler Mehmet Kurtulus in Hamburg gesprochen.

 "Wir können alles außer schwäbisch", könnte die neue Devise nach der Pensionierung von Bienzle lauten - während überall regionalisiert wird, geht der TATORT in die andere Richtung?

  Es war klar, dass der Verzicht auf Dialekt ein Wagnis ist, schließlich handelt es sich dabei um ein großes Gut: Der TATORT will nach wie vor regional bleiben. Für die Abschaffung des Schwäbischen sind wir erstaunlich wenig geprügelt worden, die Resonanz auf das neue Stuttgarter Team war durchweg positiv. Wobei wichtige Nebenfiguren nach wie vor schwäbisch sprechen ? und das nicht in jener Form, über die sich Harald Schmidt einst so köstlich lustig gemacht hatte. 

 Gelten noch immer die ungeschriebenen Gesetze: Der Mord nach 10 Minuten, keine Rückblenden oder der Täter muss immer überführt werden?

  Es gibt eine ungeschriebene Übereinkunft, wie ein TATORT funktioniert und was ihn auszeichnet. Dazu gehört tatsächlich, dass der Mord in den ersten zehn Minuten passiert. Oder dass wir das ?wer war der Täter?-Prinzip bevorzugen. Dabei sind Ausnahmen allerdings durchaus möglich. Bei ?Herz aus Eis? etwa zeigen wir den Mörder bei der Tat.

 Während der "Derrick" in Dutzenden von anderen Ländern ermittelt, ist der TATORT kein unbedingter Export-Schlager - woran liegt das?

  Der TATORT läuft auch in Frankreich oder Holland. Allerdings ist es ein Problem, dass die  Kultreihe mit ihren 90 Minuten nicht in die international üblichen Standards passt. Ein ?Derrick? mit 60 Minuten hat es da viel einfacher.

 Es gibt schon länger ein großes Bieten um die DVD-Rechte - wie ist der Stand der Dinge?

  Wir möchten den TATORT nicht einfach auf dem DVD-Markt verscherbeln, deswegen ist das eine nicht ganz einfache Sache. Hinzu kommt, dass viele Folgen in den Dritten Programmen noch wiederholt werden. Das Problem wird derzeit noch intern geprüft, es wird in absehbarer Zeit sicher zu einer Entscheidung kommen. 

Eva Mattes, die Darstellerin der Klara Blum, mit einem Fan auf dem Hamburger Filmfest im September 2008 bei der Premiere von Herz aus Eis, der derzeitige Lieblings-TATORT vom SWR-TATORT-Chef Hattendorf. Bild: Ronan Kaczynski

Wie teuer ist das Flaggschiff der ARD? Bisweilen hört man Summen von 3 und 4 Millionen Euro?

  Für den SWR kann man das sehr einfach sagen: Unsere TATORTe dürfen das Budget eines normalen Fernsehfilmes nicht übersteigen. Dieser Etat liegt bei rund 1,3 bis 1,4 Millionen Euro. Für die erwähnten 4 Millionen müssten wir also drei  TATORTe liefern.

 Manche der Kommissare sollen allerdings Hollywood-Gagen bekommen?

Das mögen Spekulationen sein, beim SWR gibt es solche Traumgagen nicht, sonst wäre eine Finanzierung gar nicht möglich. Wir liegen in einem sehr gesunden Mittelfeld.

Wenn jemand eine großartige Idee für einen TATORT hat, kann er Ihnen sein Exposé schicken, oder haben Außenseiter keine Chance?

  Wenn jemand eine tolle Idee für einen TATORT hat, kann er natürlich das Exposé dem SWR anbieten. Wer als Anfänger allerdings keine Drehbuch-Erfahrung hat, wird jedoch mit Sicherheit kaum Chancen haben. Dafür ist der TATORT zu bedeutendsam und bedarf professioneller Autoren. 

 Wenn schon nicht als Autor, hat man wenigstens als Komparse eine Chance beim TATORT?

  Man kann sich auf alle Fälle bei uns als Komparse bewerben, das finde ich auch fairer als die Versteigerung von solchen Rollen. Der Statistenjob ist schließlich eher harte Arbeit als ein Vergnügen. Zudem hat man keine Sicherheit, wie viele Sekunden man später im Bild sein wird.

 Welches ist Ihr persönlicher TATORT-Liebling?

  Mein derzeitiger Liebling ist auf alle Fälle "Herz aus Eis", weil es einem dabei absolut eiskalt über den Rücken läuft.

 

Das Interview führte Dieter Oßwald.  
Es erschien bereits im Januar 2009 in einer gekürzten Fassung in der Südwestpresse. Der tatort-fundus druckt das Interview vollständig ab.



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