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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Rezension des TATORT-Buch: "Mord beim NDR"

Anatomie eines Krimis

Kalauer, gepfefferte Dialoge und natürlich Gesangseinlagen - so kennen und lieben Millionen von Fernsehzuschauern das TATORT-Duo Manfred Krug und Charles Brauer alias Paul Stoever und Peter Brockmöller, das sich Anfang 2001 in den Ruhestand trällerte. Wie sich der Hamburger TATORT seit Mitte der 80er Jahre entwickelte, beleuchtet der Medienwissenschaftler Christian Pundt in seinem neuen Buch "Mord beim NDR - TATORT mit Manfred Krug und Charles Brauer".

Pundt, Christian: Mord beim NDR. TATORT mit Manfred Krug und Charles Brauer. Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte, Bd. 15, Münster 2002, 176 S., 17.90 EUR, br., ISBN 3-8258-6388-3

Mord beim NDR

Wer hinter diesem Titel ein Fanbuch a la "Swinging Cops" von Almut Oetjen und Holger Wacker oder ein Werk mit bislang unbekannten Hintergrundinformationen vermutet, dürfte enttäuscht sein: "Mord beim NDR" ist eine rein wissenschaftliche Publikation, die in der Reihe "Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte" erscheinen ist. Am Beispiel des NDR-TATORT wird gezeigt, wie die Reihe - auch vor dem Hintergrund der massiven Umwälzungen des Fernsehens seit Einführung des Dualen Systems - Schritt für Schritt zu einem "Format des modernen Unterhaltungsfernsehens" umgebaut wurde.
Pundt skizziert zunächst Ursprung und Niedergang des Fernsehspiels sowie die Entwicklung der TATORT-Reihe von ihrer Entstehung 1969/ 70 und der ersten Generation der Kommissare ("Vaterfiguren") über Krise und Umbruch Anfang/ Mitte der 80er Jahre bis in die 90er Jahre, als der TATORT immer mehr zu einem auf 90 Minuten getrimmten Standard-Format wurde.

Für TATORT-Kenner ist in diesen Schilderungen kaum Neues zu entdecken; dennoch ist dem Autor eine runde, ausgewogene und (bis auf Marginalien) korrekte Darstellung des TATORTs gelungen. Und das ist schließlich nicht das Einfachste: Alle wesentlichen Entwicklungen, Figuren, Konzepte und Probleme einer Reihe mit mehr als 500 Einzelfilmen anzuschneiden und unter einen Hut zu bekommen, ist fast schon eine Kunst für sich.

Stoever ermittelt bei Dieter Thomas Heck, Bild:NDR
1984 ist das Jahr, in dem der Autor mit seinem Schwerpunktthema einsteigt. Zum einen löste damals Manfred Krug als Kommissar Stoever (damals noch ohne Charles Brauer) in "Haie vor Helgoland" seinen ersten TATORT-Fall. Zum anderen ging in diesem Jahr das Privatfernsehen an den Start - ein tiefer Einschnitt, der über die Jahre drastische Veränderungen des Mediums Fernsehen insgesamt zur Folge hatte. Diese Entwicklung hatte nicht zuletzt Auswirkungen auf Dramaturgie, Erzählweisen oder Themen, wie Pundt anschaulich darlegt. Den erzählerischen und konzeptionellen Wandel von Programm und Inhalt von Mitte der 80er Jahre bis zur Jahrtausendwende zeigt er anhand von vier TATORTen mit Manfred Krug und Charles Brauer auf.

Vier TATORT-Folgen seziert

Den Anfang macht "Leiche im Keller" (1986), der erste gemeinsame Fall des Duos, ein kühler und ästhetisch ansprechend gemachter Film, mit dem der NDR eine Abkehr von gesellschaftskritischen Ansätzen und Geschichten versuchte. Weiter geht es mit der Folge "Armer Nanosh" (1989) aus der Feder von Martin Walser, die einen komplexen Stoff im Gewand eines Unterhaltungsfilms transportieren will und die in ihrem Aufbau (fünf aufeinander folgende "Akte" statt parallele Erzählstränge) ein wohl einzigartiges Experiment innerhalb der Reihe darstellt.

Stoever und Brocki jagen den Mörder, Bild:NDR
"Ein Wodka zuviel" (1994), eher actionorientiert, ist dagegen ein Beispiel für einen schulbuchmäßig konstruierten Krimi ("Schema Hollywood"), der dennoch nicht gelungen ist. "Undercover-Camping" (1997), eine ironische Krimikomödie, steht schließlich für ein neues Kapitel: Die (inzwischen singenden) Kommissare dominieren die Geschichte voll und ganz, die Dramaturgie ist komplexer geworden, das Erzähltempo schneller, statt Sozialkritik und Action durchzieht eine "Feel-Good!"-Atmosphäre den Film, die sich bis in Details wie Farbgebung und Ausleuchtung bemerkbar macht.

Pundt zerlegt in seinen Analysen die Dramaturgie und Erzählstränge in alle Einzelteile, seziert Figuren und einzelne Szenen, richtet den Blick auf kleine, aber wichtige Details, die dem Zuschauer beim einmaligen Betrachten der Filme wohl entgehen dürften. Nebenbei wird deutlich, wie sehr sich die beiden Hauptakteure des NDR-TATORTs im Laufe der Zeit verändert haben. Ursprünglich waren sie als gegensätzliche Charaktere konzipiert: Stoever war zunächst etwas an Peter Falks Columbo angelehnt, während Brockmöller als oftmals schlecht gelaunter, manchmal unbeherrschter Typ daherkam, dem beim Verhör schon mal die Hand ausrutschte. Erst im Laufe der 90er Jahre wurden sie zum singenden "odd couple".

Interview mit der Produzentin

Obwohl sich der Autor in seinem rund 170 Seiten starken Buch einer wissenschaftlichen Sprache und durchgängig Fachjargon bedient, bleibt das Buch, das auf einer Magisterarbeit aus dem Jahr 1999 basiert, auch für den Laien leicht zugänglich und gut lesbar. Abgerundet wird das Ganze durch Daten über die 41 Krug-TATORTe sowie ein Interview mit der Produzentin Kerstin Ramcke, die seit 1993 alle Folgen mit Stoever und Brockmöller betreute. Sie berichtet über die Entstehung eines TATORTs, von der Entwicklung des Stoffs über den Dreh bis zur Abnahme.


Fazit: Wer schon immer mal wissen wollte, wie die Anatomie eines Krimis aussieht und wie Geschichten funktionieren, sei "Mord beim NDR" ans Herz gelegt. Wer eher zu Fan-Büchern mit bunten Bildern tendiert, sollte jedoch die Finger davon lassen.

Dominik Pieper


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