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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT-Literatur

Das Klischee des bösen Unternehmers

Wie wird Wirtschaft im TATORT dargestellt - sind die Szenarien gut recherchiert und realistisch oder werden Unternehmer überwiegend negativ und kriminell inszeniert? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die umfangreiche Studie "Wirtschaftsbilder in der Fernsehunterhaltung", deren Ergebnisse auch in Buchform erschienen sind.

Wirtschaftsbilder in der Fernsehunterhaltung, Tectum Verlag, ISBN 978-3-8288-3234-3

TV-Formate wie der TATORT haben durch ihre große Reichweite auch eine meinungsbildende Funktion. So können Klischees und Vorurteile aufgebaut und bestätigt, aber auch widerlegt werden. Wie es in dieser Hinsicht mit dem Themenkomplex "Wirtschaft" aussieht, wurde in der explorativen Pilot-Studie "Wirtschaftsbilder in der Fernsehunterhaltung" untersucht, die gemeinsam von der Hamburg Media School und dem Institut für empirische Medienforschung durchgeführt wurde. Da der TATORT nicht als alleiniger Repräsentanten für die gesamte Fernsehunterhaltung herhalten kann, wurde als komplementäres Format zusätzlich die Daily-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" untersucht.

Da wissenschaftliche Studien nie die Gesamtheit aller TATORT-Folgen abdecken können, wurde in diesem Fall die zehn Jahre von 2002 bis 2012 herausgegriffen. Die Inhaltsangaben aller in diesem Zeitraum erstgesendeten TATORTe wurden nach Schlagwörtern aus dem Wirtschaftsbereich durchsucht und so 70 Folgen mit einem Wirtschaftsbezug identifiziert - im Schnitt behandelt somit jeder 5. TATORT in einem Haupt- oder Nebenplot ein wirtschaftliches Thema. Die 70 Folgen wurden zunächst einer sehr umfangreichen quantitativen Analyse unterzogen. Dabei wurden Umfang und Intensität der Wirtschaftsdarstellung ebenso untersucht wie die dargestellten Branchen und Berufspositionen.

Harte Arbeitsbedingungen im Discounter "Billy". Bild: SWR/Krause/Burberg

Quantitative & qualitative Analyse der Folgen

Bei der quantitativen Analyse wurde sehr gewissenhaft und detailliert vorgegangen. So wurden etwa sekundengenau die Dialoge mit Wirtschaftsbezug gezählt und verglichen, die quantitative Verteilung der gezeigten Wirtschaftslocations in über 80 Kategorien vom Großraumbüro bis zur Würstchenbude aufgeschlüsselt und alle gezeigten Unternehmen nach Größe und Wirtschaftszweig eingeordnet. Wenngleich der umfangreiche quantitative Teil für nicht-wissenschaftliche Leser etwas langatmig erscheint, sind doch viele interessante Statistiken darunter.

Für die folgende qualitative Analyse wurden die sechs TATORT-Folgen mit dem größten Wirtschaftsbezug genauer untersucht. Dies sind die Folgen Tod einer Heuschrecke, Kassensturz, Die Anwältin, Unter Druck, Im Visier und Schweinegeld. Zu jeder Folge gibt es eine ausführliche Inhaltsbeschreibung sowie ausgewählte Zitate mit Wirtschaftsbezug. Die Folgen wurden auf ihren Realitätsgrad überprüft, was mithilfe von Experten aus den jeweiligen Wirtschaftszweigen geschah. In einem zweiten Schritt wurde das Framing betrachtet, also die Frage, ob die Wirtschaftselemente auf eine bestimmte Art und Weise dargestellt werden - ob positiv, negativ, klischeebeladen oder eindimensional. Im Anschluss wird nach möglichen Gründen für diese Darstellungsformen gesucht. Dazu wurden die Macher der jeweiligen Folgen wie Drehbuchautoren, Redakteure und Produzenten befragt. Hier gibt es einige interessante Einblicke, dieser Teil hätte aber gerne umfangreicher ausfallen dürfen.

Consultants im TATORT "Unter Druck". WDR/Uwe Stratmann

Realistische Darstellung der Wirtschaftsthemen

Im Ergebnis zeigt sich unter anderem, dass der TATORT schon bedingt durch sein Genre die Wirtschaft und ihre Akteure immer wieder kriminell darstellen muss, um so die Grundlage für eine Krimihandlung zu schaffen. In erster Linie sind es jedoch die Manager und Führungspersonen, die unsympathisch dargestellt werden - was jedoch nicht zwangsläufig heißt, dass sie überdurchschnittlich oft Täter sind. Für den TATORT spricht, dass für die sechs genauer untersuchten Folgen eine überwiegend realistische Darstellung der Wirtschaftsthemen konstatiert wird. Zudem wurden über die Jahre fast alle denkbaren Wirtschafts- und Berufsbereiche abgedeckt.

Die Studie "Wirtschaftsbilder in der Fernsehunterhaltung" liefert zwar keine revolutionären neuen Erkenntnisse über den TATORT, zeigt aber viele Statistiken und Besonderheiten auf, die vielen Fans so noch nicht bewusst sein dürften. Gerade der qualitative Teil ist angenehm zu lesen und betrachtet die jeweiligen Folgen aus verschiedenen Perspektiven. Alle Analysen wurden in geringerem Umfang auch für die Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" durchgeführt, wo es schon aufgrund des komplementären Formats zu grundlegend anderen Ergebnissen kommt. Zudem kann die Studie aufgrund ihrer fundierten und genauen Methodik als Musterbeispiel für weitere Studien dieser Art dienen.

Timo Bredehöft


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