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TATORT-Literatur

Sex & Crime in 40 Jahren TATORT-Geschichte

Als erster Band der Schriftenreihe "Ermittlungen in Sachen TATORT" ist im November das Buch "Sex & Crime" im Bertz+Fischer-Verlag erschienen, das einen Streifzug durch die Sittengeschichte des TATORTs unternimmt. Anhand vieler Beispiele wird darin der Zusammenhang von Sex und Verbrechen im jeweiligen zeitlich-moralischen Kontext untersucht.

Dennis Gräf / Hans Krah: Sex & Crime; Bertz+Fischer; 128 Seiten; 9,90 ?; ISBN 978-3-86505-706-8

Seit 40 Jahren wird im TATORT gemordet, und seit 40 Jahren hat dieses Morden sehr häufig etwas mit Sex zu tun. Diese Sexualität kann sich auf Ebene der Täter, Opfer oder Ermittler abspielen, von privater oder öffentlicher Relevanz sein; sie kann im Film verbalisiert oder visualisiert sein, dramaturgisch inszeniert werden oder im Hintergrund stehen. Unter verschiedenen Perspektiven wie den eben erwähnten untersuchen Dennis Gräf und Hans Krah in dem Buch "Sex & Crime" den TATORT im Verlauf der letzten 40 Jahre. Im Wesentlichen nach den 4 Dekaden gegliedert wird dargestellt, wie die Normen und Moralvorstellungen der Gesellschaft dieser Zeit aussahen, wer im TATORT davon abweicht und dafür wie sanktioniert wird. Denn der TATORT handelt, wie Kriminalfilme allgemein, nicht nur von Gesetzesverstößen, sondern auch von Normverletzungen.

Ehebruch in den konservativen 70ern

Lehrer Fichte und Schülerin Sina in "Reifezeugnis", Bild: NDR
Walter Maurer, der Mann aus Zimmer 21, mit seiner Affäre, Bild: WDR

In den 70er Jahren findet sich häufig das Motiv des Ehebruchs und des Fremdgehens im TATORT. Wenn dies heute auch recht unspektakulär wirkt, widersprach dies dem damaligen bürgerlich-konservativen Weltbild und dient somit oftmals als Auslöser für ein aus Eifersucht motiviertes Verbrechen. Besonders werden auch solche Liebesbeziehungen als problematisch dargestellt, die als gesellschaftlich nicht akzeptabel galten. So z.B. das Verhältnis von Frau Doktor Lorenz mit dem Reiseleiter Lüdecke in "Cherchez la femme" oder das wohl bekannteste Beispiel, die Beziehung zwischen Lehrer Fichte und der Schülerin Sina in "Reifezeugnis". Ausführlich im Buch behandelt wird auch die Folge "Der Mann aus Zimmer 22". Nicht der Triebtäter steht hier im Mittelpunkt (und spricht entsprechend während der Folge kein einziges Wort), sondern Walter Maurer, der sein öffentliches Ansehen nicht durch das Offenlegen seiner Affäre schädigen will. Auf Ermittlerebene wird Sexualität kaum thematisiert. Der Großteil der Ermittler repräsentiert eine Vater-Figur, lediglich Kressin weicht als "Lümmel vom Zoll" von dieser Norm ab.

Gelockerte Sexualmoral ab den 80ern

Keine Liebe zwischen Stefan und Natascha in "Peggy hat Angst", Bild: SWR
Odenthal und "Der schwarze Engel", Bild: SWR

Mit den 80er Jahren und besonders mit Schimanski findet ein Wandel in der Sittengeschichte des TATORTs statt. Die rigiden Grenzen der 70er werden geöffnet und auch das Privatleben der Ermittler wird stärker thematisiert. Sex hat sich normalisiert, auch wenn er nur in Ausnahmefällen visualisiert wird. Als Motiv reicht Sexualität nicht mehr aus, sondern es existiert meist eine zweite Dimension, die im professionalisierten, internationalen und organisierten Verbrechen angesiedelt ist. Auch die Trennung zwischen Sexualität und Liebe wird betrachtet und ist z.B. in "Peggy hat Angst" der Auslöser des Tötungsdelikts. Im Übergang zu den 90ern rücken auch Triebtäter, Lust- und Serienmörder, laut den Autoren die "Synthese von Sex & Crime", stärker in den Vordergrund. Lena Odenthal, die entsprechend von der Sitte kommt, muss sich bereits in ihrem ersten Fall auf die Suche nach einem Vergewaltiger begeben. Auch bei ihren späteren Fällen bekommt sie es immer wieder mit starken, männlichen Gegnern zu tun, denen sie wie in "Der schwarze Engel" auch privat und sexuell näher kommt. Die Ware Kind als Sexualobjekt wird in diversen Folgen dieser Zeit thematisiert, so in "Kinderlieb", "Frau Bu lacht" und "Manila". Dabei zeigt sich aber auch, dass die sexuellen Themen generell mehr als politische und weniger als individuelle dargestellt werden und eine klare Meinung zu den Themen kommuniziert wird.

Das 21. Jahrhundert, Homosexualität und nackte Männer

Jennifer mit ihrem Vater, Großvater und Liebhaber in "Der dunkle Fleck", Bild: WDR
Schimanskis schwuler Mitbewohner Ulli in "Der Fall Schimanski", Bild: WDR
Peter Broder: erst nackt, dann tot in "Inflagranti", Bild: RB

Die Autoren stellen fest, dass in den TATORTen des 21. Jahrhunderts Sex gerne in der pervertierten Form auftritt. So finden sich Sado-Maso-Praktiken in "Frauenmorde" oder Inzest in "Der dunkle Fleck". Zum Teil ist jedoch für Sex & Crime gar kein Sex mehr notwendig: In "Borowski und die einsamen Herzen" wird gerade das Fehlen von Sex zum Mordmotiv. In weiteren Kapiteln widmen sich die Autoren speziellen Themen wie der Homosexualität. Sie stellen fest, dass diese seit den 90ern vermehrt thematisiert wird, wobei die jeweiligen TATORTe nur selten ohne Klischees auskommen. Schwule und Lesben tauchen als Mordopfer wie auch als Täter auf, werden teilweise aber nur als Gag verwendet, wie in "Der Fall Schimanski". Daneben machen die Autoren die interessante Beobachtungen, dass Nacktheit für Männer im TATORT oft zum Todesurteil wird: Wenn nackte Männer zu sehen sind, sind sie wenige Szenen darauf meist tot. Diese Phänomen findet sich z.B. in "Falsche Liebe", "Mord in der Akademie" oder "Bienzle und die schöne Lau". Auf Ermittler trifft dies zum Glück nicht zu - Schimanski ist in der fiktionalen Welt immer noch lebendig.

"Sex & Crime" liefert insgesamt auf 128 Seiten einen knappen, reich bebilderten sittengeschichtlichen Streifzug durch die bisherige TATORT-Geschichte. Anhand vieler Beispiele werden Zusammenhänge und Auffälligkeiten auf moralischer Ebene aufgedeckt, die dem Zuschauer beim Sehen der Folgen leicht entgehen können. Der angenehm zu lesende Schreibstil ist weniger wissenschaftlich als beispielsweise in Dennis Gräfs "TATORT - Ein populäres Medium als kultureller Speicher" und macht das Buch somit zu einer kurz(weilig)en Lektüre für interessierte Fans.

Bertz+Fischer ermittelt weiter in Sachen TATORT

Der geplante zweite Band der Reihe: Herrlich inkorrekt

Der Bertz + Fischer-Verlag bietet für TATORT- und Film-Fans allgemein immer wieder lesenswerte Veröffentlichungen. Bereits im Jahr 2000 ist dort eines der umfassendsten Werke zum Thema TATORT erschienen: "Ermittlungen in Sachen TATORT", herausgegeben von Eike Wenzel. Darin hat Hans Krah bereits über "Sex & Crime" in den ersten 30 Jahren TATORT berichtet; das neu erschienene Buch greift z.T. auch auf diesen Artikel zurück. Bertz + Fischer veröffentlicht daneben jährlich den Film- und Drehbuch-Almanach "Scenario", der in seiner letzten Ausgabe beispielsweise Beiträge von Dorothee Schön und Michael Gutmann zum Thema TATORT enthielt.

Mit "Sex & Crime" startet der Verlag eine neue (und damit die erste länger angelegte) Schriftenreihe zum Thema TATORT. Die Paperbacks im handlichen Format 10,5 x 14,8 cm sind für je 9,90 ? erhältlich. Für Mai 2011 ist der zweite Band "Herrlich inkorrekt" geplant, in dem sich Matthias Dell, Filmredakteur und TATORT-Experte des Freitag, mit dem gegenwärtig populärsten Ermittlerteam aus Münster beschäftigt.

Timo Bredehöft

Gewinnen Sie ein Exemplar von "Sex & Crime"!

Der TATORT-Fundus verlost 4 Exemplare des neu erschienenen Buchs "Sex & Crime". Wer ein Exemplar gewinnen möchte, muss die folgende Frage richtig beantworten:

Lediglich ein TATORT trägt das Wort "Sex" im Titel. Welches Team ermittelt in diesem Fall?

Die Verlosung ist beendet, die Gewinner werden in Kürze benachrichtigt.





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