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Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT-Buch "Geographien des Fernsehens"

Eine gesunde Mischung gelingt selten

Vor kurzem ist die Doktorarbeit von Björn Bollhöfer erschienen: "Geographien des Fernsehens" beschäftigte sich mit dem TATORT Köln, den Münster-Folgen, den Produktionsbedingungen und zeitweise sogar mit dem Diskussionsforum des tatort-fundus. Der tatort-fundus hat Dr. Björn Bollhöfer zu seiner Publikation interviewt.

Björn, man muss dich jetzt wohl Dr. Köln-TATORT nennen. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Vielen Dank für die Blumen.

Du hast dich lange mit diesen WDR-Folgen beschäftigt. Wie lässt es sich in einfache Worte fassen, was du untersucht hast?

Mich hat interessiert, was mit einer Stadt passiert, wenn sie filmisch inszeniert wird, oder anders gesagt: wie der Film mit der Stadt umgeht, um seine Geschichten zu erzählen. Ich habe also untersucht, mit welchen Mitteln der Film den städtischen Raum erzählt. Dabei geht es um Bewegungen und Anschlüsse im Raum, um Grenzziehungen und symbolische Ordnungen, um Schnitttechniken und filmische Dialoge. Aber die filmische Stadt ist komplexer, denn es geht ja auch um die Drehorte und um das Zusammenspiel von Ökonomie und Ästhetik hinter den Kulissen. Und schließlich wollte ich die Zuschauer nicht ausschließen, sondern auch ganz bewusst nach ihrem Umgang mit den Filmen fragen. Da kommt dann das TATORT-Forum ins Spiel.

Warum hast du dir dafür ausgerechnet den Kölner TATORT ausgesucht?

Zunächst ging es mir darum, das Thema in einem nationalen Kontext zu verorten, weil sich die bisherigen Untersuchungen überwiegend an amerikanischen Filmen abarbeiten. Der TATORT war da natürlich besonders reizvoll, weil die Reihe einen starken Lokalbezug verspricht und seit Jahren so beliebt und erfolgreich ist. Köln bot sich insofern besonders an, weil ich die Stadt gut kenne und schnell Kontakte knüpfen konnte.

Welches Ergebnis hatte deine Untersuchung?

Am wichtigsten ist vielleicht, dass die filmische Stadt als etwas ungemein Dynamisches und Wandelbares verstanden werden muss. Das fand ich enorm, denn es zeigt, dass es nicht ein festes Muster gibt, nach dem gedreht, geschrieben oder geguckt wird. Natürlich gibt es Konstanten und Zwänge, die sich immer durchprägen , etwa in der Verwendung immer gleicher Wahrzeichen oder im Import von Motiven etc., aber es gibt immer auch Versuche, diesen Rahmen zu durchbrechen oder zu unterwandern, sei es durch alternative Formen der Repräsentation oder durch bewusste Umdeutung durch die Zuschauer. Auf der anderen Seite widerspricht dies natürlich in gewisser Hinsicht dem Reihenkonzept, da es immer wieder zu Verschiebungen und Brüchen in der Kohärenz kommt. Auch das muss man festhalten.

Gilt dies auch für einen anderen TATORT, z.B. den aus München, oder gar eine andere Reihe oder Serie? Und was ist eigentlich mit den TATORTen, die eher im Ländlichen spielen? Ich denke da an die TATORTe mit Charlotte Lindholm, die im ländlichen Niedersachsen angesiedelt sind.

Die allgemeinen Repräsentationsmodi können mit Sicherheit als Folie für andere Folgen verstanden werden, wenn es etwa um räumliche Abgrenzungen und Stereotype oder um die regionalen Labels und Zeichen geht, also um die Einbindung von Wahrzeichen und Alltagssignale wie Nummernschilder, Tageszeitungen, regionale Küche usw. Die Produktionsbedingungen dürften aber von Stadt zu Stadt variieren. So macht es schon einen Unterschied, ob die Produktionsfirma vor Ort angesiedelt ist oder nicht. Ich habe das in der Arbeit anhand des Münster-TATORTs kurz dargelegt, und da sieht man sehr schön, wie sich die veränderten Rahmenbedingungen nicht nur auf die Ästhetik der Reihe, sondern auch auf die Inhalte und Handlungsorte auswirken.

Die eher ländlich ausgerichteten TATORTe arbeiten natürlich mit anderen Inhalten und entsprechend mit anderen Stimmungen, Bildern und räumlichen Kontrasten. Die Anreicherung mit Lokalkolorit gleicht aber dennoch ähnlichen Mustern und auch die Verwendung von Klischees und Stereotypen funktioniert "auf dem Dorfe" prinzipiell gleich.

Du hast viele Personen befragt, die den TATORT in Köln verantworten und gestalten, zum einen die Redaktion aber auch die Produzentin von der Produktionsfirma oder Regisseure oder Location-Scouts. Was konnten dir diese TATORT-Macher erzählen? Und wie hat dir das bei deiner Untersuchung geholfen?

Die Menschen hinter den Kulissen haben mir vor allem damit geholfen, dass sie mir eine andere Brille aufgesetzt haben, mit der ich die Zwänge, Bedingungen und Praktiken der Filmproduktion erkennen konnte. Dadurch haben sich unglaublich viele Verbindungslinien zu der filmischen Darstellung der Stadt aufgetan, die mir bis dahin verschlossen waren. Spannend waren natürlich die vielen kleinen Anekdoten, die verdeutlicht haben, dass auch Kommissar Zufall eine wichtige Rolle am Set spielt.

Du stellst in deinem Buch die Frage, ob Münster nicht das schönere Köln ist, in Anlehnung daran, dass ein Großteil der Folgen ja nicht unbedingt in der Stadt gedreht werden, in der sie spielen (sollen)? Oft ist ja Geld der eigentliche Grund. Hast du noch andere Gründe gefunden, wissenschaftlich haltbare Gründe?

Eng verbunden mit den ökonomischen Aspekten sind logistische Faktoren, die den Produktionsablauf bestimmen: man fährt nicht mal eben für eine Szene nach Münster, nur weil dort ein bestimmtes Haus steht. Man dreht dann lieber in Köln, weil man eh schon da ist, und sucht sich ein passendes Motiv in der Nachbarschaft. Wichtiger als die reale Geographie ist daher die Ästhetik, also das einzelne Motiv und das, was es über die Figuren oder die Geschichte ausdrücken kann. Und dabei spielt die konkrete Stadt eine eher untergeordnete Rolle.

Du schreibst auch, der Trend beim TATORT geht aufgrund von Einsparzwängen hin zum Kammerspielartigen. Kannst du uns das veranschaulichen?

Wer die letzten Köln-TATORTe aufmerksam verfolgt hat, konnte sehen, dass die Kommissare gerade in neue Büroräume ziehen. Dies ist keine inhaltliche Weiterentwicklung des Settings oder der Figuren, sondern hat von Seiten der Produktion allein den Grund, dass man die alten Räume finanziell nicht mehr halten wollte. Und da der neue Studiokomplex teurer ist, aber auch die Möglichkeit bietet, die Gerichtsmedizin, Ballaufs Hotelzimmer und andere variable Kulissen hier gleich mitzudrehen, wird man konsequenterweise dieses Angebot stärker nutzen müssen. Das bedeutet aber letztlich, dass mehr Innenaufnahmen abgedreht werden.

Ein kleiner Teil deiner Studie beschäftigt sich mit unserem Forum. Was genau haben dir unsere Teilnehmer durch Ihre Aussagen verraten? Wie bist du vorgegangen?

Methodisch war mir wichtig, die Diskussion nicht durch gezielte Fragen oder Hinweise zu beeinflussen, denn ich wollte ja zunächst erst mal wissen, ob die Darstellung von Köln bzw. von räumlichen Inhalten überhaupt eine Rolle in dem Forum spielt. Dann habe ich gemerkt, dass das Themen Authentizität und Lokalkolorit sehr wohl und heftig verhandelt werden. Interessant fand ich dabei, dass der Anspruch der Reihe auf "Realität" bei den Usern meist absolut gesetzt wird und die Filme an der Wirklichkeit gemessen werden - obwohl alle wissen, dass jeder Film fiktiv ist. Aber vielleicht ist genau das der Knackpunkt: Die Reihe verspricht etwas, was sie nicht halten kann und je weiter sie sich davon entfernt, umso kritischer wird sie beäugt.

Ein wichtiger Punkt für die Krimireihe TATORT ist ja das Lokalkolorit, es gehört zum Konzept der Reihe. Selbst in unserem Forum meinen einige ernsthaft, das sei gar nicht so entscheidend für die Filme. Stimmt das deiner Meinung nach?

Vielleicht täte es dem TATORT gar nicht schlecht, die Grundidee über Bord zu werfen, denn momentan haben wir doch eigentlich eine paradoxe Situation: einerseits sollen die Geschichten und die Figuren im Mittelpunkt stehen, andererseits muss der Ort - gerade im internationalen Kontext der Ausstrahlung - erkennbar sein - und das erfolgt eben über die Klischees. Mir scheint, dass eine gesunde Mischung selten gelingt - vielleicht weil der Ansatz nicht konsequent "lokal" gedacht ist, solange die Autoren aus Berlin kommen oder allgemeine, gesellschaftskritische Themen wie Rechtsradikalismus und Prostitution besser zum überregionalen Publikum der ARD passen.

In deinem Resümee schreibst du, dass es dem TATORT gut anstehen würde, die Stadt nicht nur als Schauplatz irgendeinen Geschehens darzustellen, sondern sich auch von ihr thematisch oder topographisch inspirieren zu lassen. Was meinst du damit, was heißt das genau? Und was würde das bedeuten, für den Krimi TATORT?

Es gibt da das sehr schöne Beispiel des Münchener TATORTs Das Glockenbachgeheimnis. Da spielt die Stadt, ihre Geschichte und Topographie eine so zentrale Rolle, dass sie aufs Engste mit dem Verbrechen verbunden ist. Der Film könnte unmöglich woanders spielen. Oder der erste Schimanski: Duisburg-Ruhrort. Hier gelingt es dem Regisseur, das Bild einer tristen Industriestadt in einer ganz eigenen ästhetischen Gestaltung zu reflektieren, die Parallelen zum film noir aufweist. Dadurch übt die Stadt einen enormen Sog auf den Zuschauer aus. Man denke nur an die zweite Einstellung, wo Schimanski im Schneetreiben durch seine Straße läuft, das wirkt nicht künstlich oder geschminkt, das ist die Inszenierung einer rauen, dreckigen, aber liebgewonnenen Heimat. So etwas würde ich mir mehr wünschen, für jeden TATORT.

Gestatte noch ein paar kurze Fragen zu dir, zu deinem Erleben mit dem TATORT. Hast du eine Lieblingsfolge?

Aus geographischer Sicht sicher die eben genannten.

Welchen Ermittler oder welches Team magst du besonders gerne? Warum?

Von den aktuellen Reihen haben die Münchener Ermittler die Nase vorn, nicht zuletzt wegen der gestalterischen und ästhetischen Ideen. Von den Klassikern bleibt Haferkamp immer wieder in guter Erinnerung.

In welche Stadt würdest du deine Lieblingsermittler schicken, wenn du das bestimmen könntest? Welche Stadt würdest du aussuchen?

Wie wäre es denn mal mit einer Insel, Ostsee z.B., und mehr als zwei Hauptfiguren. Wie wäre es, wenn immer wieder dieselben Nachbarn, Geschäfte und Routinen aufeinander träfen. In Köln nennt man das dann "Veedel" - in den Filmen findet man dies aber nicht.

Vielen Dank für das Gespräch

Interview: Francois Werner


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