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TATORT-Literatur

Föderalismus in Serie: Die Einheit der ARD-Reihe TATORT im historischen Verlauf

„Wissenschaftlich bewiesen! Nie war der TATORT besser. Warum die Krimireihe gerade ihr goldenes Zeitalter erlebt“ titelte die Programmzeitschrift TV-Spielfilm im letzten Jahr (Nr. 16) und verwies mit dieser Headline auf den vorliegenden Band. Dies zeigt einmal mehr, dass die anhaltende Popularität der Krimireihe dazu führt, dass die Arbeiten von TATORT-Forscher_innen erfreulicherweise auch außerhalb der "scientific community" wahrgenommen werden. Das umfangreiche Buch ist ein Produkt des Teilprojekts „Formen und Verfahren der Serialität in der ARD-Reihe TATORT“ der DFG-Forschergruppe „Ästhetik und Praxis populärer Serialität“.

Föderalismus in Serie, Verlag Wilhelm Fink, ISBN 978-3-7705-5661-8

In ihrer mit "Föderalismus in Serie" betitelten Monografie zielen die drei Autor_innen darauf ab, „die historischen Verfahren populärer Serialität im TATORT sowohl in synchronen als auch in diachronen Vergleichen zu untersuchen“ (Codebuch Folgen, S. 5). Dabei interessieren sie insbesondere Verfahren der Serialisierung und deren Funktionen. Die Besonderheit der Studie liegt mithin in der Betrachtung der TATORT-Reihe als Verbund unter dem Dach einer starken Marke, der aus abgeschlossenen Einzelfolgen temporär aktueller Teilserien (TATORT Kiel, TATORT Franken usw.) besteht und seit 1970 spezifische Formen intra- und interserieller Zusammenhänge ausgebildet hat.

Von der methodischen Anlage her handelt es sich um eine Kombination aus inhaltsanalytisch angelegter Empirie und Hermeneutik, ausgehend von einem großen Materialkorpus bestehend aus 488 TATORT-Sendungen und unter der (bewährten) Einbeziehung entsprechender Fernsehkritiken. Dem wissenschaftlichen Kriterium der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit genügen Christian Hißnauer, Stefan Scherer und Claudia Stockinger vorbildlich, indem sie ihrer gemeinsamen Monografie eine Daten-CD mit drei Codebüchern beilegen, die statistische Daten und Berechnungen umfassen. Neben der gemeinsam verfassten Einleitung ist das Werk in zehn Kapitel gegliedert, in denen jeweils Erkenntnisse zu einzelnen Teilaspekten darlegt werden. Dabei erleichtern viele interne Querverweise das Navigieren und sorgen für eine Verknüpfung der einzelnen Abschnitte.

Religion im TATORT - z.B. in "Ein ganz normaler Fall". Bild: BR/Barbara Bauriedl

So befasst sich Claudia Stockinger materialreich mit dem gesellschaftspolitischen Thema ‚Religion‘ (S.383ff.) im TATORT und liefert spannende Erkenntnisse, indem sie unter anderem „Religion als bedrohlich Abweichendes“ (S. 393ff.) identifiziert oder „Religion als Reflexionsmedium für anthropologische Fragen“ (S. 413ff.) untersucht. Christian Hißnauer sorgt mit sämtlichen seiner Beiträge für eine kenntnisreiche medienhistoriografische Kontextualisierung und verortet den TATORT in der „Fernsehlandschaft der Bundesrepublik Deutschland“ (S. 57ff.). Er informiert die Leser_innen zum Beispiel darüber, dass es in den „1980er Jahren auffällig viele Ermittlerinnen und Ermittler [gab], die nur in einem einzigen Fall ermittelten“ (S. 89), und legt unter anderem eine umfassende Fallstudie zum gesellschaftspolitischen Thema „Extremismus und Terrorismus“ im TATORT vor. Stefan Scherer beschäftigt sich mit „Bildästhetik und Selbstreferentialität“ und ist dabei unter anderem darum bemüht, „den ›ganz frühen‹ Tatort mit dem aktuellen Diskurs über das so genannte Quality-TV abzugleichen“ (S. 250).

Materialfülle, Umfang und Ertrag der vorgelegten Analysen sind insgesamt beeindruckend, wenngleich auch diese Studie an vorangehende anschließt und keineswegs ausschließlich Neues bietet (vgl. Brück, Ingrid/Guder, Andrea/Viehoff, Reinhold/Wehn, Karin: Der deutsche Fernsehkrimi: Eine Programm- und Produktionsgeschichte von den Anfängen bis heute. Stuttgart: Metzler, 2003). Zu kritisieren ist, dass die qua Zahlenreichtum schwer lesbaren, dem rein quantitativen Paradigma verschriebenen Passagen in ihrem Erkenntniswert hinter den davon bereinigten zurückbleiben. Aus dezidiert medienwissenschaftlicher Sicht erscheint es fragwürdig, wenn in Föderalismus in Serie davon die Rede ist, dass der TATORT „mentalitäts- und gesellschaftsgeschichtliche Veränderungen widerspiegelt“ (S. 64, vgl. S. 14), können die Sendungen doch lediglich re-präsentieren und den Zuschauer_innen komplex gestaltete, ausschnitthafte Erlebnisangebote unterbreiten.

Ebenfalls analysiert: "Borowski und der stille Gast". Bild: NDR/Marion von der Mehden

Wiederum aus kulturwissenschaftlicher Sicht kritikwürdig wirkt die Argumentation mittels der überwunden geglaubten binären Opposition von „high culture und low culture“ (S. 199) im Kontext der Frage nach der Verortung der TATORT-Reihe als „Serie und/oder Werk“ (ebd.). Eine ordentliche Zitation des Begriffs der „Themen-TATORTe“ und Verweise auf einschlägige Forschungen im Hinblick auf den Zusammenhang von populärkulturellem Mainstream, brisanten Stoffen und Konsenstauglichkeit (u.a. S. 450, 517; vgl. Buhl, Hendrik: Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe Tatort. Konstanz/München: UVK, 2013, S. 319) fehlen, ebenso der Rückgriff auf die Bände Authentizität, Mimesis, Fiktion: Fernsehunterhaltung und Integration von Realität am Beispiel des Kriminalsujets (München: diskurs film, 1992) von Ludwig Bauer und Die unterhaltsame Aufklärung: Ideologiekritische Interpretation von Kriminalfernsehserien des westdeutschen Fernsehens (Bielefeld: Aisthesis, 1992) von Thomas Weber. Die verrutschten Fußnoten in der Einleitung sind weniger den Autor_innen als vielmehr dem Verlag anzulasten, der es bei einem solch umfangreichen und kostspieligen Projekt in Teilen leider an der Qualitätskontrolle hat mangeln lassen.

Insgesamt betrachtet ist Föderalismus in Serie jedoch ein äußerst ertragreiches Kompendium des Wissens über 40 Jahre TATORT-Geschichte, das einen großen Fundus an Erkenntnissen zu reihen- und (teil-)serienspezifischen Verfahren der Serialität liefert, zu Figurenkonzepten, Raumsemantiken und vielem mehr. Das Buch ist deshalb als Standardwerk zu bezeichnen, an dem noch viele TATORT-Forschende bei ihrer Spurensuche nicht vorbeikommen werden.

Hendrik Buhl (Regensburg)
Zuerst erschienen in: Medienwissenschaft 02/2015, S. 274-276


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