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TATORT-Literatur

Dialektgebrauch und -wandel im TATORT

Das neu erschienene Buch "Die Sprache des TATORT" analysiert den Einsatz von Dialekt in der Krimireihe. Dabei wird zum einen untersucht, welche Figuren in welchen Situationen Dialekt einsetzen und zum anderen, wie sich dies im Laufe von über 40 Jahren TATORT-Historie verändert hat. Die Ergebnisse bestätigen einen grundsätzlichen Eindruck: Lokalkolorit und regionale Individualität nehmen in der Krimireihe kontinuierlich ab.

Maximilian Schneider: Die Sprache des Tatort; Tectum Verlag; 166 Seiten; 29,90 ?; ISBN 978-3828829787

Maximilian Schneider fokussiert in seinem Buch, das auf einer Magisterarbeit beruht, den deutschen Dialekt schlechthin - das Bairische. Dies ist zum einen durch die Herkunft des Autors begründet, zum anderen durch die Verfügbarkeit von TATORT-Folgen. Hier spricht Schneider ein generelles Problem der TATORT-Forschung an: Autoren müssen sich meist auf die von Disney veröffentlichten Folgen beschränken, da die Sender keine günstige Folgenbereitstellung zu Forschungszwecken anbieten. So auch bei dieser Publikation, die einen Korpus von sieben veröffentlichten BR-TATORTen zwischen 1973 und 2001 als Basis verwendet. Um sicherzustellen, dass die Ergebnisse für den Münchner TATORT kein Sonderfall sind, wurden zudem zehn Folgen aus anderen Teilen Deutschlands untersucht.

Bemühungen um objektive Bewertung

Die Wahl einer geeigneten Methodik stellt die erste Herausforderung bei der Analyse dar: Welche Formulierungen sind umgangssprachlich, welche einem bestimmten Dialekt zuzurechnen? Wie kann man Stärke und Häufigkeit von Dialekt sinnvoll und möglichst objektiv messen? Zunächst wird hierzu das Phänomen "Dialekt" in vier Teilbereiche gegliedert - Lexik (Wortschatz), Syntax (Satzgrammatik), Morphologie (Wortgrammatik) und Phonetik (Aussprache). Nach diesen Gesichtspunkten getrennt werden szenenweise die Dialoge aller untersuchten Folgen von drei Personen mit einem linguistischen Hintergrund nach einem mehrstufigen Schema bewertet. Letztlich berechnet sich daraus eine Kennzahl - der Dialektgrad -, der Werte zwischen 1 (keinerlei Dialekt) und 5 (maximaler Dialekt) annehmen kann.

Trend zum Hochdeutschen

Authentischer Bayer, auch in der Sprache: Melchior Veigl. Bild: BR/Foto Sessner

In allen vier Dialekt-Teilbereichen zeigt sich ein mit der Zeit kontinuierlich sinkender Dialektgrad. Während Weißblaue Turnschuhe aus dem Jahr 1973 den höchsten Dialektgrad aller untersuchten Folgen aufweist (2,69), erreichen die betrachteten Batic/Leitmayr-Folgen nur einen Durchschnittswert von 1,64. Ähnlich ist das Bild bei TATORT-Folgen aus anderen Teilen Deutschlands, wenn auch die Bandbreite des Dialekteinsatzes dort geringer ist. Jagdrevier und Der Pott haben hierbei Dialektgrade über 1,5, während neuere Folgen wie Dunkle Wege und Eine Leiche zuviel um 1,2 liegen. Somit zeigt sich auch, dass in den Münchner Folgen generell mehr Dialekt eingesetzt wird als bei anderen ARD-Anstalten.

Bei der Frage, welche Filmfiguren wieviel Dialekt benutzen, kommt das 2011 von Nicole Karczmarzyk adaptierte Aktantenmodell für den TATORT zur Anwendung, das von konkreten Filmfiguren auf Rollen wie "Ermittler" oder "Zeuge" abstrahiert. Besonders wurde hierbei der Aktant des "Sachverständigen" betrachtet. Der Autor untersucht (und widerlegt zum Teil) die These, dass Sachverständige meist Akademiker sind und dadurch weniger Dialekt einsetzen müssten als andere Figuren. Betrachtet man die Ermittler, zeigt sich eine zunehmende Situationsabhängigkeit des Dialekts. Während Veigl nahezu durchgehend Bairisch sprach, wenden Batic und Leitmayr dies überwiegend dann an, wenn der Gesprächspartner ebenfalls Dialekt spricht.

Paradigmenwechsel - jüngere Ermittler, abgeschwächte Dialekte

Carlo Menzinger war der stärkste Dialekt-Sprecher des Münchner Trios. Bild: BR/Manfred Lämmerer

Die Gründe für den abnehmenden Dialektgebrauch sind auf verschiedenen Ebenen zu suchen. Zum einen wurden im Laufe der Zeit immer jüngere Ermittlerfiguren im TATORT installiert - Dialekte sind hingegen eher unter der älteren Bevölkerung verbreitet. Zudem spielt die Herkunft der Darsteller eine wichtige Rolle. Horst Bollmann, aus Dessau stammend, spricht in seiner Rolle als Münchner Kommissar Brandenburg kein Bairisch; Miroslav Nemec als geborener Kroate nur in einem gewissen Umfang. Zuletzt ist es auch Intention der TATORT-Macher, den Dialekt-Einsatz zu kontrollieren. TATORT-Koordinator Gebhard Henke äußerte dazu in einem Interview, "Dialekte werden einfach von vielen Zuschauern abgelehnt. Ein gepflegtes Münchnerisch oder Norddeutsch, wie man es von Jan Fedder oder aus dem Ohnsorg-Theater kennt, ist fast überall akzeptiert. Wenn Sie breites Sächsisch reden oder Ruhrpottslang haben Sie bundesweit größere Akzeptanzprobleme." In bregrenztem Rahmen sollen Dialekte laut Henke aber beibehalten werden, da die Regionalität ja eines der Grundprinzipien des TATORTs darstellt.

Fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema

Dialekt bereits im Titel: A gmahde Wiesn. Bild: BR

Das Buch "Die Sprache im TATORT" genügt allen wissenschaftlichen Maßstäben und wendet eine gut ausgearbeitete Methodik an, um die Forschungsfragen zu beantworten. Dabei werden viele Besonderheiten des Bairischen - etwa mehrfache Negationen oder Vokaldehnungen - im Detail und mit Beispielen aus den TATORTen erläutert. Zurecht weist der Autor darauf hin, dass die Analyse nur einen groben Überblick bieten kann und als erste Publikation in diesem Bereich weitere Detailuntersuchungen motivieren soll. Zwar werden aus sprachlicher Sicht wichtige TATORT-Folgen wie Wat Recht is, mutt Recht blieben aufgeführt, die Eisner-TATORTe als dialektreichste Folgen der aktuellen Ermittlerriege bleiben hingegen unerwähnt. In ähnlicher Manier wird A gmahde Wiesn als Folge mit Dialekt im Titel erwähnt, nicht aber Der oide Depp. Abgesehen von der Einstufung des TATORTs als Serie statt Reihe sind die TATORT-bezogenen Informationen sonst durchgehend korrekt.

Der eigentliche Inhalt des Buches nimmt nur 92 der 166 Seiten ein, im übrigen Teil findt sich ein umfangreicher Anhang, der die detaillierten Bewertunslisten der untersuchten Folgen wie auch exemplarische Transkripte enthält. Eine Lektüre des Buches ohne Kenntnis des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) ist nur bedingt zu empfehlen. Neben dem Anhang sind auch im Text mehr als 50 Dialoge aus den Folgen phonetisch transkribiert, was die Argumentationen unterstützt und anschaulich macht. Für den linguistisch interessierten TATORT-Fan stellt das Buch somit eine Kaufempfehlung dar.

Timo Bredehöft



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