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Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1125 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT-Literatur

Die Strukturformel des TATORTs

Das 2011 erschienene Buch "Der Fall TATORT" hat sich die Entschlüsselung des Kultkrimis zum Ziel gesetzt. Hierbei werden häufige Handlungselemente und Rollen katalogisiert und eine allgemeine Strukturformel hergeleitet. Diese wird auf 43 Folgen aus dem Zeitraum 2000 bis 2006 angewandt, von denen "Nur ein Spiel" im Detail analysiert wird.

Nicole Karczmarzyk: Der Fall Tatort; Tectum Verlag; 110 Seiten; 24,90 ?; ISBN 978-3828822542

Das Ziel der Untersuchung ist es nicht, den idealtypischen TATORT zu finden, sondern vielmehr die Rahmenbedingungen und Konventionen zu beschreiben, in denen sich TATORTe bewegen. Der TATORT wurde deshalb unter der Vielzahl von Krimireihen und -serien als Betrachtungsgegenstand gewählt, da er prägend für das gesamte deutsche Krimigenre war und ist sowie als sehr anpassungsfähig gilt. Die Untersuchungsgrundlage schränkt die Autorin Nicole Karczmarzyk auf TATORTe aus dem Zeitraum 2000 bis 2006 ein, um einen abgeschlossenen und kohärenten Zeitraum zu verwenden. Als Basis der Untersuchung dient die These, TATORT-Filme seien moderne Märchen. In beiden Erzählformen wirke zu Beginn ein Schädling, worauf der Held reagiere und letztlich die gestörte Ordnung wiederherstelle. Darauf aufbauend nutzt die Autorin theoretische Methoden aus der Märchenanalyse, um auf einer allgemeinen Ebene die Wirkenden und die Handlungselemente von TATORT-Folgen zu identifizieren.

Gruppierung der typischen Rollen

Der Aktant "Ermittler" im BR-TATORT, Bild: NDR/BR

Die Wirkenden werden nicht auf der Ebene der Akteure, die konkrete Personen darstellen, sondern abstrakter auf der Ebene von Aktanten beschrieben. Ein Aktant wie "Verdächtiger" kann im Laufe des Films von verschiedenen Akteuren repräsentiert werden, zugleich sind auch abstrakte Größen wie der "Rechtsstaat" als Aktant möglich. Karczmarzyk stellt für den TATORT ein Schema aus sechs Aktanten zusammen. Das Subjekt ist der Ermittler, der im Sinne eines Helden nach dem Objekt, dem Täter, sucht. Unterstützt wird er dabei von Adjuvanten, welche Zeugen oder Sachverständige sein können. Im Gegensatz dazu behindern Opponenten die Ermittlungen, indem sie falsche Aussagen machen oder nicht mit der Polizei kooperieren. Letztlich gibt es die beiden Aktanten Adressant, der die Ermittlungen beauftragt, und Adressat, dem der Täter zugeführt wird. Beides wird in der Regel durch die Staatsanwaltschaft repräsentiert.

Typische Handlungselemente

Die Funktion "Ermittler in Gefahr", Bild: NDR/BR

Da ein Film auf verschiedenen Ebenen Inhalte transportiert, wird im Rahmen des Buches nur die Plotebene betrachtet und die Bild- und Tongestaltung bewusst ignoriert. Die Autorin weist dabei auch auf die unterschiedlichen Erzählweisen und Themenschwerpunkte einzelner Teams hin, stellt jedoch fest, dass sich alle der gleichen Strukturelemente bedienen. Diese sogenannten Funktionen stellen meist konkrete Handlungsbausteine dar, von denen die Autorin 37 Stück in sechs Kategorien identifiziert.

Zu den Funktionen in der Kategorie "Die Tat und ihre Bedingungen" gehört beispielsweise der Fund der Leiche und die Informierung der Ermittler durch einen Sachverständigen wie einen Spurensicherer. Die zweite Kategorie umfasst Elemente eines privaten Konflikts von einem der Ermittler, der in kaum einer neuen Folge fehlt. Die meisten Funktionen fallen in den Bereich der "Ermittlungen". Dazu gehört die Informierung der Angehörigen, routinemäßige Maßnahmen wie Observationen und Hausdurchsuchungen, der Austausch der Ermittler und auch der zeitlich kurze "Aha-Moment", in dem die Ermittler einen wichtigen Zusammenhang erkennen. Zu den dramaturgischen Elementen zählt der Wissensvorsprung der Zuschauer, bei dem Informationen vermittelt werden, die den Ermittlern nicht bekannt sind. Das "Zuspitzen der Ermittlungen" wird durch Elemente wie einen weiteren Tatbestand, eine List der Ermittler oder eine versuchte Festnahme vermittelt. In die letzte Kategorie der "Aufklärung" fallen Festnahme, Geständnis sowie ein abschließender Kommentar der Ermittler.

Flexibel anwendbares Schema

Der TATORT ein modernes Märchen? Zumindest manchmal "ein mörderisches Märchen", Bild: NDR/BR

Die von der Autorin identifizierten Funktionen können in unterschiedlichen Ausprägungen, mit unterschiedlicher Länge und jeweils auch mehrfach in einem TATORT auftauchen. Besonders wird keine Aussage über die Reihenfolge der Funktionen gemacht, sodass das Schema flexibel und universell anwendbar bleibt. Vor allem lassen sich klassische Whodunits wie auch Inverted Stories beschreiben, bei denen der Täter von Anfang an bekannt ist. Im Anschluss an die Auflistung aller Funktionen findet eine Unterteilung dieser in fixe und fakultative Elemente statt, um anhand des Vorkommens der Fixelemente beurteilen zu können, ob ein TATORT dem Schema folgt oder einen bewussten Bruch darstellt, indem z.B. der Täter nicht ermittelt oder festgenommen wird.

Zur Evaluation des Schemas wurden 40 zufällig gewählte TATORT-Folgen analysiert. Die Wahl richtete sich nach der Reihenfolge der Wiederholungen im Zeitraum des zweiten Halbjahrs 2008. Zudem wurden die drei Folgen Ein mörderisches Märchen, Requiem und Der Schächter mit aufgenommen, da die Autorin für diese einen strukturell starken Unterschied zu anderen TATORT-Produktionen attestiert. Nahezu alle untersuchten Folgen enthalten die zuvor identifizierten Fixelemente sowie eine Vielzahl der fakultativen Elemente und lassen sich somit durch das Schema beschreiben. Neben dieser Evaluation erweitert die Autorin das Schema noch durch die Zuordnung der Funktionen zu Aktanten, durch eine Charakterisierung typischer Ermittlerfiguren und eine auf zehn Funktionsgruppen verkürzte Version des Schemas.

Nur ein Spiel

Befragung im TATORT "Nur ein Spiel", Bild: BR / Barbara Bauriedl

Im Detail nach diesem verkürzten Schema analysiert wird die Münchner Folge Nur ein Spiel aus dem Jahr 2005. Batic und Leitmayr müssen hier den Mord an dem Werbechef Rolf Mading aufklären. Zu Beginn der Folge sind Teile der Tat zu sehen und dem Zuschauer wird durch ein Telefonat ein Wissensvorsprung vermittelt. Anschließend folgt die klassische Tatortbegehung, bei der als privates Element der Handlung auch der Urlaub von Carlo kurz thematisiert wird. Danach werden durch Befragungen und Ermittlungsroutinen Informationen gesammelt. Wiederholt wird dem Zuschauer ein Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern eingeräumt, indem Konversationen von Verdächtigen gezeigt werden. Nach zwei Festnahmen wird der eigentliche Täter erst ganz zum Ende der Folge verhaftet. Insgesamt konnte dieser TATORT als Abfolge von 74 Termen aus 15 Termkategorien vollständig beschrieben werden.

Empfehlenswerte Lektüre?

Mit guter Beobachtungsgabe identifiziert die Autorin ein ständig wiederkehrendes Funktioneninventar, in dessen Rahmen sich nahezu alle TATORT-Episoden des untersuchten Zeitraums abspielen. Alle Funktionen werden detailliert mit konkreten Beispielen aus TATORTen vorgestellt. Die Gesamtheit dieser Funktionsbausteine könnten somit gleichsam als Baukasten für unkreative Drehbuchautoren dienen.

In einem Ausblick schlägt Karczmarzyk vor, das Schema auch auf ältere TATORT-Episoden oder andere Krimireihen wie Polizeiruf 110 anzuwenden, da diese der gleichen Grammatik wie beim TATORT folgen könnten.

Das Buch sticht positiv unter anderen wissenschaftlichen TATORT-Veröffentlichungen hervor, da es auf einen vom TATORT unabhängigen Grundlagenteil verzichtet und den TATORT durchgehend miteinbezieht. Das Buch hält somit, was es verspricht: Fachwissenschaftliche Leser und TATORT-Interessierte werden das Buch gleichermaßen mit Gewinn lesen.

Timo Bredehöft



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