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TATORT-Literatur

Die BR-Kommissare im Fadenkreuz

1972 startete der TATORT München mit Kommissar Veigl als traditionell bayrischem Ermittler. Seitdem hat sich vieles geändert: Neben fünfmaligem Wechsel der Ermittler über Lenz bis zu Batic & Leitmayr ist auch die Figur des Ermittlers narratorisch zunehmend in den Vordergrund gerückt. Das 2010 erschienene Buch "Kommissare im Fadenkreuz" von Annette Pajonk befasst sich mit der Entwicklung und Darstellung der Kommissarfiguren am Beispiel des Münchner TATORTs.

Annette Pajonk: Kommissare im Fadenkreuz; VDM Verlag; 172 Seiten; 68 ?; ISBN 978-3639229776

Annette Pajonk führt in ihrem Buch "Kommissare im Fadenkreuz" eine dramaturgische Analyse der Kommissare Veigl, Lenz sowie Batic & Leitmayr des Bayerischen Rundfunks durch. Dies geschieht auf wissenschaftlicher Basis, wodurch der einleitende Grundlagenteil begründet ist, der etwa ein Drittel des Buches einnimmt. Hierin wird ein breiter Bogen geschlagen von der Entstehung des Kriminalromans im 18. Jahrhundert über die Entwicklung von Kriminalfilmen, vor allem bezogen auf das deutsche Kino und Fernsehen, bis hin zur typischen Dramaturgie von Kriminalgeschichten. Besonders fokussiert wird hierbei immer die Rolle des Ermittlers, sei es ein Detektiv oder Kriminalbeamter.

Der Ermittler rückt in den Mittelpunkt

Leitmayr, Menzinger, Batic, Bild: BR / Barbara Bauriedl

Erst mit der Etablierung des Indizienverfahrens ab dem 18. Jahrhundert hat der Ermittler - in der Realität wie in der Fiktion - seine Daseinsberechtigung. Die frühe Kriminalliteratur stellt den Ermittler oft als eher abstrake Funktion ohne besondere Identität dar. Edgar Allan Poe sowie Arthur Conan Doyle mit seiner Figur "Sherlock Holmes" ändern dieses Schema und inszenieren den Ermittler als Held, wobei dennoch der Kriminalfall im Mittelpunkt bleibt. In frühen deutschen TV-Krimiserien scheint die Entwicklung analog zu verlaufen: Sind die Ermittler in "Stahlnetz" austauschbar und ohne besonderes Profil, ist der Ermittler bei "Der Kommissar" bereits titelgebendes Element. Um die Entwicklung der Ermittlerfiguren im BR-TATORT herauszuarbeiten, analysiert die Autorin fünf Folgen aus dem Zeitraum 1972 bis 2007 im Detail nach einem eigens erarbeiteten Schema. Dabei soll der Film ausgehend von der Ermittlerperson beleuchtet werden. Hierzu wird die Selbscharakterisierung der Person betrachtet (z.B. Outfit, Mimik, Gestik), die Fremdcharakterisierung (z.B. Interaktionsverhalten zu anderen Personen) wie auch die Erzählcharakterisierung (z.B. Einstellungsgrößen, Licht, Musik).

Veigl - Der Urbayer

Melchior Veigl mit Oswald, Bild: BR / Foto Sessner

Im ersten analysierten Fall Münchner Kindl hat Kriminalhauptmeister Veigl eine Kindsentführung aufzuklären. Er selbst agiert hier eher im Hintergrund, kennt die Täterin bereits früh und hat das Ziel, diese wie das entführte Kind zu finden. Die in dieser Folge exemplarisch beobachtete Verhaltensweise von Veigl gibt viele Hinweise auf seinen Charakter: er ist ehrlich, friedliebend, direkt, dabei oftmals auch stur oder grantig. Wie viele frühe TATORT-Kommissare repräsentiert er eine Vaterfigur. Seine grundsätzlich gemächliche Art gibt das Tempo der Folge vor. Vieles identifiziert ihn direkt als typischen Bayer: Die Kleidung mitsamt Hut, sein Dackel Oswald, sein Bierkonsum wie natürlich auch sein Dialekt. Oswald nimmt hierbei eine besondere Rolle ein: er ist das einzig nicht-berufliche Element, das von Veigl zu sehen ist. Freunde, Familie oder ein sonstiges Privatleben sind im Film nicht vorhanden. Veigl hat nicht die Hauptrolle des Films inne, in nur neun der 30 Szenen taucht er auf.

Lenz - ein intuitiver Denker

Ludwig Lenz mit Faltermayer und Brettschneider, Bild: BR / Foto Sessner

Ludwig Lenz, im Buch als Komplementärfigur zu Veigl bezeichnet, ermittelte 1981 erstmals eigenständig im Fall Im Fadenkreuz. Mehrere kriminelle Sachverhalte rund um einen angeschossenen Verdächtigen münden hierbei in einem Gesamtzusammenhang. Auch in diesem Fall steht der Täter recht früh fest und es gilt, ihn zu fassen und das Motiv zu klären. Lenz ermittelt hierbei vor allem mit dem Kopf und vertraut durchgängig seiner Intuition, die ihn auch nur selten täuscht. Er kleidet sich elegant und ist weniger bayrisch geprägt als sein vorheriger Vorgesetzter Veigl. Auch bei Gefahr verhält er sich ruhig und souverän. Sein maskenhafter Gesichtsausdruck ist schwer zu durchschauen, was ihm in vielen Situationen zugutekommt. So auch, als er sich undercover als Taxifahrer in Gefahr begibt. Diese verdeckt Ermittlung zeigt, dass Lenz schon stärker im Mittelpunkt des Falles steht: in 25 von 50 Szenen ist er zu sehen. Jedoch werden wie bereits bei Veigl keine Details aus seinem Privatleben gezeigt.

Eine Fußnote der Geschichte

Lediglich einmalig in einer Fußnote erwähnt werden die drei BR-Ermittler, die von 1986 bis 1989 noch für den BR ermittelten. Riedmüller, Vorname Sigi ermittelte 1986 in dem Mordfall einer Prostituierten. In dieser Folge, die seine einzige blieb, zeigt er sich ein wenig unbeholfen und nervös, jedoch durchaus intelligent und mit ironischem Humor. Der Darsteller von Riedmüller, Günter Maria Halmer, ist im aktuellen BR-TATORT Gestern war kein Tag erneut in einer Hauptrolle zu sehen. Ebenfalls eine Eintagsfliege blieb Kommissar Scherrer. In Pension Tosca oder Die Sterne lügen nicht muss er den Angriff uniformierter Rocker auf eine türkische Fußballmannschaft aufklären. Dabei ist er mit seiner Tätigkeit in der der Mordkommission nicht glücklich, ermittelt aber zielstrebig und kollegial. In zwei Fällen ermitteln durfte Otto Brandeburg. In Programmiert auf Mord ist er mit dem Doppelmord an einem Ehepaar konfrontiert, in Bier vom Faß ist der Mord an einem Bierzeltbetreiber aufzuklären. Brandenburg ist aus Berlin nach München zugereist und muss innerlich den Tod seiner Frau verarbeiten. Trotz dieser Traurigkeit erledigt er seinen Dienst routiniert und etabliert eine stärkere Teamarbeit in der Münchner Mordkommission.

Sigi Riedmüller, Bild: BR / Foto Sessner
Karl Scherrer, Bild: BR
Otto Brandenburg, Bild: BR / Foto Sessner

Batic & Leitmayr - jung und im Team

Batic und Leitmayr in "Gestern war kein Tag", Bild: BR / Barbara Bauriedl

1991 ermittelte im BR-TATORT erstmals ein gleichberechtigtes Team, bestehend aus Ivo Batic und Franz Leitmayr. In ihrem dritten Fall Die chinesische Methode müssen sie den Mord an einem chinesischen Studenten aufklären und werden dabei erstmals von Carlo Menzinger als Assistent unterstüzt. Das Team wirkt jung und dynamisch, Batic wird als der temperamentvolle Teil dargestellt, Leitmayr als eher wortgewandt und einfühlsam. Sie erscheinen dem Zuschauer auch dadurch sympathisch, dass sie offen, spontan handeln und menschlich inszeniert werden, indem private Elemente wie beispielsweise Essen, Schlafen oder Freundschaft gezeigt werden. So ist Leitmayr in mehreren Szenen mit seiner Freundin zu sehen, die auch für die Ermittlungen instrumentalisiert wird. Die Sticheleien zwischen den beiden Ermittlern und Menzinger werden ebenfalls, in dieser wie in folgenden Fällen, regelmäßig eingebunden. Somit zeigt sich, dass die Ermittler zunehmend in den Vordergund rücken. Dies zeigt sich besonders auch in der Folge Im freien Fall, bei der sich Leitmayr in eine Verdächtige verliebt. Durch seine Verliebtsein handelt Leitmayr hier naiv und irrational, wirkt durch diese Unvollkommenheit für den Zuschauer aber menschlich und sympathisch. In 44 von 50 Szenen ist hier mindestens einer der Kommissare zu sehen. Als fünfte Folge wird im Buch Der Traum von der Au analysiert, in der Batic sowie Menzinger in private Nebenhandlungen involviert sind.

Empfehlenswerte Lektüre?

Das Buch zeigt auf schlüssige Art und Weise die Entwicklung vom väterlichen Kommissar, der ein Ideal verköpert, zu modernen, menschlichen Team-Playern. Durch den Vezicht auf einen komplizierten wissenschaftlichen Schreibstil ist das Buch angenehm lesbar, wobei es durch fundierte Quellenarbeit auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Fachliche Fehler zum Subjekt TATORT sind nur wenige enthalten, eine größere Beachtung der drei weiteren BR-Ermittler aus den 80er Jahren und ein Aufzeigen längerfristiger Entwicklungslinien wäre erstrebenswert gewesen. Ob bei der Wahl der Folgen besonders repräsentative Fälle gewählt wurden, sei dahingestellt. Zumindest ist es konsequent gewesen, die jeweils ersten Fälle der Ermittler (bzw. bei Die chinesische Methode des Teams Batic/Leitmayr/Menzinger) zu analysieren. Durch die gewähle Analysemethode konnten viele Charakteristika der Ermittler erkannt werden. Aspekte wie Raum, Licht und Musik haben hierbei jedoch wenig Aussagepotential und werden im Buch auch meistens nur in Bezug zur Folge oder Thematik interpretiert. Ein Pluspunkt ist im Schlussteil des Buches zu finden: Die Autorin führte Interviews mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, den Redakteuren Silvia Koller und Josy Henkel sowie der Dramaturgin Gisela Weilemann, deren Hauptaussagen in diesem Schlussteil wiedergegeben werden. Als Fazit bleibt ein durchaus lesenswertes Buch, dass jedoch statt vieler Grundlagen und einzelner Fallanalysen die Kommissare und ihre Gesamtentwicklung stärker ins Fadenkreuz hätte nehmen können.

Timo Bredehöft, mit Dank an Achim Neubauer


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