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Heute ist der: 25.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Zur Typologie der Kriminalkommissare


Bild: ARD
Im Kino hatten wir es einfach: Der Sheriff sah aus wie Gary Cooper oder James Stewart, die Schufte grinsten gemein wie Richard Widmark - in den Wildwest-Verbrechern (Viehdiebe, Falschspieler, Eisenbahnräuber, gottlose Indianer) spiegelten sich die Traumata der jungen amerikanischen Pioniergesellschaft, die sich ungeniert ihre Heldenlegenden zusammenlog. Und das Chicago-Kino lebte von All Capone, der Prohibition und den bösen Blondinen.

Der deutsche Fernsehkrimi, viel später erfunden, hatte von Anfang an eine intimere (und zugleich gebrochene) Sheriff-Beziehung zu seinem Pubiikum. Wir waren eine Nachkriegsgesellschaft, voll von Verdrängung, Selbstbetrug und verbiesterter WirÜchaftswunderwut nach der verdienten Hitler-Pleite, und die Kriminalkommissare erschienen in ihrem geduckten Spießer-Umfeld wie ein Regulativ der scheinbaren bürgerlichen Wohlanständigkeit.

In den insgesamt 4oo TATORT-Krimis seit 1970 lassen sich, in der Nachfolge des Urkommissar-Modells Erik Ode (deutscher Lodenmantel und sauertöpfischer Wohnküchenblick), längst Lebensgefühl und Wertbegriffe im Wandel jeder Epoche ablesen.

Im TATORT-Krimi fanden sich Zeit- und Sozialklima, fanden sich die Familien in den Etappen der Frauenemanzipation, der sexuellen Liberalisierung und der Generationenbrüche, fanden sich Ossis und Wessis in den Phasen der Fremdheit und der Wende vom Traum der sozialen Marktwirtschaft zum brutalen Real-Kapitalismus - und parallel dazu entwickelte sich der TATORT-Kommissar vom braven Biedermann und Beamten-Chauvi über den selbstironisch toleranten Pragmatiker bis zum höchst individuellen Winkelspötter oder sarkastischen Antikarriere-Schlamper, der allen Grund hat, braven Siedermännern zu mißtrauen.

Der große Vorteil des ARD-TATORT-Kommissars gegen die lupenreinen Oberlehrerfiguren der ZDF-Bügelfaltenkonkurrenz (Derrick!) ist seine regionale Macke (multipliziert mit den speziellen Schauspieler-Macken): Der einzelgängerische Prolo-Philosoph Lamprecht aus Berlin, der mehr Herz hat als der Job erlaubt; der zum Schimanski/Ruhr mutierte Götz George als "Scheiße-Rache" der Spät-Achtundsechziger; die singenden Kripo-Ehezauseln Krug-Brauer/Hamburg; die München-Generationen Bayrhammer (mit Dackel), Fischer (mit Stenzen-Nimbus), Nemec (mit Balkan-Jähzorn) und Wachtveitl (mit landeseigenem Amigo-Jagdinstinkt); der ruppige Bienzle-Schwabe Steck, der verfressene Saar-Palu Senf, die Ludwigshafener Katzenfutter-Kühltüte Ulrike Folkerts, der Dresdner Frust Sachse Sodann, umstellt von WessiHochmut... - sie alle sind Typen zum Wiedererkennen.

Dieser Text stammt aus der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 400.ten TATORT von 1998
Wer dann die meisten Sympathien bekommt, das ist allerdings irrational. Der Populärste von allen aus der VorSchimanski-Zeit blieb auf ewig Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp. Denn durch den Haferkamp schimmerte immer noch Felmys erzdeutsche Gutmenschenfigur aus Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder": Der grundehrliche Kerl, den das Leben beutelt und den der schlaue AltnaziOpportunist immer übervorteilt. Haferkamps Lebensschrammen waren Jedermanns Schrammen; außerdem sah er gut aus, war lieb zu seiner Geschiedenen und als gemäßigt konservativer Trockenzyniker ein bescheidener Bulettenfresser wie du und ich. Der Kommissar Finke von Klaus Schwarzkopf tat sich da schon schwerer mit der norddeutschen Muffligkeit eines intellektuellen Serpentinendenkers.

Ganz leicht aber hatten es die Wiener: So eine Type wie Fritz Eckhardt als Kommissar Marek und seine Kieberer mit dem Giftmaul und der Sozialhäme im Zyankali-Humor - die hatten so einen richtig schönen Ruch von Sachertorte und Harry-Lime-Kanallsation. Der ärgste Reaktionär, Weiberfeind Fichti (Michael Janisch), durfte dann als Nachfolger sogar zum humanen Liberalen reifen (pädagogische Donau-Neuzeit!).

Eine Menge Kommissare freilich kamen und gingen, ohne daß sie sich nachhaltig ins Ge dächtnis gegraben hätten, einer so wacker (oder fad) wie der andere. Die Frauen gar wurden im Polizeidienst systematisch vernachlässigt. Wenn Odenthal/Folkerts nicht so ein dynamischer Besen wäre -wer bliebe da noch übrig? Karin Anselm durfte sich als Kommissarin Wie gand bald wie eine Drehbuch-Mumie fühlen, denn man ließ ihr nur die Grämlichkeit eine tapferen Pflichterfüllerin. Ähnlich erging es Nicole Heesters als Kommissarin Buchmüller: Zur Persönlichkeit muß "Weiblichkleit" reichen, basta. Hier hat der TATORT noch viel Brachland zu beackern die starken Weiber wurden bisher nur außerhalb derTATORT-Reihe tätig: Hogers "Bella Block", Iris Berbens "Rosa Roth" und Hannelore Elsners "Kommissarin". Das Chauvi-Zitat "Die Frau gehört nicht an die Leiche, sondern in die Küche" (von Karin Anselm als Frohsinn des Münchner Polizeipräsidenten Mitte der Achtziger überliefert) stinkt jedenfalls schon wie ein alter Hering.

Zur Charakteristik deutscher TATORT-Kommissare gehört auch die eiserne Gewißheit, daß der Vorgesetzte ein Blödmann ist. Chefs sind entweder inkompetente Besserwisser oder feige MinisteriumsSchleimer: Der Kommissar läßt die Karriere-Idioten schwätzen und macht seine Arbeit. Zumal jüngere Nachwuchskommissare auch noch vom modernen Beziehungs-Chaos heimgesucht werden: DiE (erle sind meist Scheidungskrüppel und haben mißratene Kinder am Hals.

Am schärfsten aber kann man den Wandel der Zeiten an der Leserbrief-Empörung testen. Injenem als Fernsehen noch als Gemeinschaftserlebnis funktionierte (BR-TATORT von 1975, (Als gestohlen gemeldet, Einschaltquote 67%), wurde dem Sender mitgeteilt: "... diese schmutzige Sendung war eine Beleidigung allen Fernsehteilnehmern gegenüber. In der Hoffnung, daß wir im Fernsehen nicht mehr allzuoft das Wort Sch... oder andere gemeine Ausdrücke hören,.. " Auch "pornographische Bilddarstellungen" wurden beanstandet: "... insbesondere der Tochter der Witwe Stumm die diese nackt und zusammen mit dem Kfz-Meister zeigten,wurde derTatbestand nach § 184 Abs. 3 Ziff. 1 und 2 StGB erfüllt"

Auch die Wahrnehmung von Sch ... hängt halt vom Lifestyle-Trend ab. Darauf könnten Stoever & Brockmöller ein Kommissar-Liedlein singen.

Ponkie, Film- und Fernsehkritikerin


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