Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)
Sie sind hier:  TATORT-FUNDUS > Medien > Broschüren > Folge 400 (1998) > 400 Jahre TATORT! > 

400 Jahre TATORT!


Bild: ARD
Am Denkmal, das dem unbekannten Zuschauer der Filme des deutschen Kinos und des deutschen Fernsehens zweifellos irgendwann errichtet werden muß, da sollte ganz unten auf dem Sockel gewissermaßen der Traum der Zuschauer von diesen Filmen eingraviert werden. Es gab ihn stets und gibt ihn immer noch: Der Traum besteht darin, sich in den Geschichten und Figuren unserer Filme ebenso zu Hause fühlen zu können, wie von ihnen mitgerissen zu werden. Es ist der Traum von erkennbarer Wahrheit in den erzählten Situationen, von Vertrautheit und Faszination gleichermaßen, in den Gesichtern und in den Konflikten, von Rhythmus, Schwung, Humor, von Melancholie und Lebensfreude. Und nicht zuletzt davon, daß die Orte, an denen diese Geschichten spielen,wahrhaft wiedererkennbar sind und uns somit neu zurückgegeben werden.

Das Fernsehen ist längst die Basis des deutschen Kinos geworden - im Guten ebenso wie im Mittelmäßigen. Es hat uns Regisseuren ungeheure Chancen eröffnet. Nicht die jahrzehntelang gediegenen Lesebuch-Mehrteiler, nicht die jahrzehntelang spröden Fernsehspiele bargen die großen Entfaltungsmöglichkeiten - nein, ich glaube, die größten Chancen, das deutsche Einerlei erzählerisch voranzutreiben, lagen lange Zeit in den Serien und "Reihen" der ARD und des ZDF. TATORT und andere, manchmal noch kleinere Vorabend-Konsorten haben nämlich jahrelang für uns drei große Freiheiten bereitgehalten: Zwei dieser Vorzüge - die Freiheit eines über schaubaren Budgets und die Freiheit schneller Projektentscheidungen der sehr wenigen Leute, die bei erfolgreichen Serien inhaltlich Einfluß nehmen -werden leider seltener. Das deutsche Funktionärswesen bildet auch im Fernsehen ständig neue einflußreiche Wasserkopf-Gremien für ihre Programme. Und daneben wachsen die Budgets derTV-Filme-vor allem aufgrund der Darstellergagen - gleichzeitig seit einigen Jahren in schwachsinnige Höhen.

Nur eine Freiheit ist im Moment noch geblieben: die kurze Drehzeit. Das klingt paradox, aber in der zwangsläufigen Vereinfachung und Schnelligkeit aller Inszenierungs,entscheidungen liegt oft der beste Weg für die Sache. Man sieht billigen Filmen im gelungenen Fall das freudige Tempo der Herstellung an, man sieht es an ihrer formalen Flexibilität, an ihrer undogmatischen Phantasie. Undje aufwendigergerade deutsche Filme werden, umso weiter sind sie meistens von ihren wahren Möglichkeiten entfernt. Wie sagte Hajo Gies neulich: "Schimanski im Fernsehen zu machen, hatte eine größere Freiheit als die Schimanski-Filme fürs Kino!' Eben. 400 TATORTe lang gab es also bisher diese Chance, vital, neu, einfach oder labyrinthisch und relativ billig von der "Wahrheit" des Verbrechens und von der "Wahrheit" seiner Bekämpfung in Deutschland zu erzählen. Es wäre bei jedem Film wieder möglich gewesen, den Traum vom "kleinen Kino" zu verwirklichen, geschützt unter dem Dach einer unglaublich langlebigen und beinahe konstant erfolgreichen Serie. Und diese Serie hätte mit ihrer bewußten, sozusagen im Konzept vorgegebenen symbiotischen Beziehung der Hauptfiguren zu ihrem Schauplatz gerade das widersprüchliche Gefühl vom "Zuhause" in ihren Filmen zum Thema machen können.

Die Kommissarsliga

Die wichtigste Voraussetzung zur Erfindung des ersten TATORTs 1970 wurde eigentlich sieben Jahre zuvor geschaffen: im Herbst 1963 begann die erste Saison der Fußball-Bundesliga. Das vorsintflutliche System der Regionalligen, das noch an die Besatzungszonen nach dem Krieg oder gar an die Einteilung in "Gaue" in und vor dem Krieg erinnerte, wurde umgewandelt in ein System der deutschen Fußballzentren. Die Bundesliga als topographisches System der wetteifernden Städte hat seither unausgesprochen unserem inneren Bild der BRD Gestalt gegeben. Das Ligaprinzip wurde beispielsweise sofort mit Freude auf den Zirkus der westdeutschen Theaterbühnen angewandt: In der Theaterliga werden wie beim Fußball die Intendanten, die Regie-, die Schauspielerstars und die Wasserträger der Ensembles untereinander weggekauft und weiterverkauft. Inklusive Österreich.

Die Erfindung des TATORTs spiegelte das neue Liga-zugeschnittene Luftbild der Bundesrepublik: föderal ja, dem Rundfunksystem entsprechend, aber meist auf die großen Sender-Städte konzentriert. Der TATORT hat uns lange vor der Schlacht um Einschaltquoten und Marktanteile die Möglichkeit gegeben, ständige tabellarische Vergleiche und Hitparaden der beliebtesten Kommissare in den Metropolen der Republik aufzustellen.

Dieser Text stammt aus der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 400.ten TATORT von 1998
Von Abwerbungs- und Ankaufsversuchen einzelner, besonders erfolgreicher Kommissare an andere Sender ist bisher aber nichts bekannt geworden. Hätte der SFB beispielsweise nicht irgendwann versuchen sollen, dem WDR Schimanski abzukaufen? Er hätte wohl keine Chance gehabt, nehm' ich an. Es sei denn, Götz George hätte sich seine Heimatstadt Berlin besser als Schauplatz vorstellen können als das ihm ja eigentlich völlig fremde Duisburg. Statt dessen kam dann Heinz Drache nach Berlin, aber außer Drache und Hansjörg Felmy - wieviele bekannte deutsche Nachkriegsfilm-Kommissare hat der TATORT beispielsweise nicht unter Vertrag gehabt? Heinz Rühmann zum Beispiel, Joachim Fuchsberger, Erik Ode - vielleicht hätte der letztere in der ARD auch nochmal öfter bei seinen Ermittlungen tanzen dürfen? Da ist dem TATORT schon einiges an möglichen Stars noch durch die Lappen gegangen. Und er stellte auch nicht alle Tabellenführer der ewigen deutschsprachigen Kommissarsliga: Es fehlen natürlich Größen wie Kottan, Derrick, Beila Block ... Wären die eventuell irgendwann einmal für den TATORT käuflich gewesen? Egal, vorbei ist vorbei.

Das ausgeprägte Ego der Kommissare hat sich ohnehin erst langsam zur großen Erfolgs-Oualität der Figuren entwickelt. Anfangs bestimmten die traurigen, fragenden Augen der Serienheiden das innere Geschehen. Das war auch eigentlich ganz richtig so, denn der Polizeifilm auf der ganzen Weit hat ja den Alltag und den Kodex des kleinen Beamten zum Thema. Das ist die "Pflicht" des Genres. Sie kommt vor der "Kür". Der Polizeifilm feiert die Spürnase, das Ehr- und Treuegefühl, die Moral, die rechtschaffenen Zweifel an der Gerechtigkeit des ausgeübten Gesetzes; er feiert die Professionalität, die Starrsinnigkeit, die Zähigkeit, die Geduld seiner Protagonisten. Die Kommissare sind "Helden der Arbeit", und diese Art Helden in den Vordergrund rücken und darstellen, konnten ja beide politischen deutschen Nachkriegssysteme recht gut.

Manchmal erzählt der internationale Polizeifilm aber auch den Ausbruch der Gewalttätigkeit des kleinen Beamten, wenn er mal groß und stark und der verlängerte Arm des Gesetzes sein will. Wie Inspector Doyie in "French Connection'.
Oder anders gewalttätig und schon geradezu dämonisch verloren wie in "Bad Lieutenant". Oder er erzählt den Kampf gegen die Korruption im Apparat der Polizei selbst wie in "Prince of the City"... Gab es solche TATORTe? Gab es in der Zeit der großen Paranoia, der Zeit der Helmut Schmidts und Horst Herolds Polizistenfiguren in den Filmen, die diese Paranoia spiegelten?

Leider eher weniger. Der deutsche TATORT stellte zumeist die nacherzählbare Story in den Vordergrund, die Dramaturgie einer Geschichte, wesentlich weniger und wesentlich seltener die Figuren, die Charaktere, ihre "Normalität" sowie ihren Wahnsinn, gleichgültig ob auf der Seite des Gesetzes oder auf der der Kriminalität; seiten gab es Einblicke in die alltäglichen Abläufe der Polizei, in die hinderliche Bürokratie, in die schweißtreibende Arbeit der Detektive. Erzählt wurden dagegen viele mehr oder weniger raffinierte Geschichten um Mord und Motive und viele "Wer-war-denn-nur-der-Täter"-Suchen, aber in den allerseitensten Fällen wurden die Hauptfiguren - die Detektive - in den Strudel der Emotionen einer solchen Suche mit hineingezogen.

Der Detektivroman - der Polizeifilm - ist ein zutiefst romantisches Genre. Das ist die "Kür" des Genres. Der PohzeifIlm erzählt auf seine Art nichts anderes als die Suche nach einer auf dem Grunde der Erzählung weit entfernt schimmernden blauen Blume - nach der "Wahrheit": der Wahrheit einer Tat und der Wahrheit der Schuld, wenn es denn eine gibt. Und in dieser schillernden Wahrheit erkennt sich in den besten Fällen am Ende der Suchende - der Detektiv - selbst. oder es reflektiert sich darin der ganze Apparat, der die Wahrheitssuche organisiert, um angeblich Recht und Gesetz zu verteidigen. Diese Suche kann zu einer Art moralischer Topographie dieses kleinen Staats im Staat werden, des Polizeiapparats, sie kann zur Untersuchung über die Psychopathologie des "Suchapparats" selbst werden. Die Anwesenheit des großen Polizeigefüges beschränkt sich aber in nahezu allen deutschen Krimiserien auf die Person eines quengelnden Vorgesetzten.

Manche der Mord- und Totschlag-Geschichten der frühen TATORT-Generation waren allerdings wirklich brillant, und gerade die Unauffälligkeit der beteiligten Kommissare verschärfte dabei die Klasse der Filme, "Reifezeugnis" z.B. Die Veigls, Trimmels und Haferkamps der siebziger Jahre waren interessante und oft imponierende Figuren. In ihren Filmen stellten sie späte Repräsentanten der Nachkriegsmänner-Gesellschaft dar - schweigende Helden. Ob müde, melancholisch oder verschlossen-aufbrausend: Sie schwiegen ein grundsätzliches Schweigen; sie und ihre Generation hatten zuviel gesehen.

Nur ein einziger Eulenspiegel irrlichterte durch diese erste Ära derTATORTe: der absurde Zollfahnder Kressin. Er wird manchmal als ein früher Vorläufer Schimanskis bezeichnet; ich glaube, das ist falsch. Kressin war der einzige etwas amoralische Detektiv, den sich der TATORT jemals leistete. Er stand an der Schwelle zum alles verändernden "Vorzeichenwechsel" der RepublikGesellschaft; er war ein ganz früher Vertreter der "Spaßgeneration", aber er war eben für seine Zeit viel zu spielerisch und zu eigentümlich gleichgültig den Verbrechen gegenüber, die er zu klären hatte, um so langlebig wie seine Nachfolger werden zu können.

Der TATORT funktionierte für seine Hauptdarsteller selbst sowieso niemals nach dem sportlichen Kommerzprinzip - dementsprechend ein guter Film den Wert des Kommissars steigern könnte wie ein gutes Spiel den eines guten Fußballspielers -, sondern eher nach dem Beamten-Renten-Prinzip: wenn ein(e) Schauspieler(in) als Kommissar(in) Abwanderungsgelüste zeigte und schließlich nach meist langen Jahren den Dienst in einer Stadt quittierte, dann war der/die Schauspieler(in) nicht mehr bereit, nochmal irgendwo in seinem/ihrem Leben eine(n ' ) Kommissar(in) zu spielen. Und kaum eine der Kommissarsfiguren durfte im Bild - mithin im Dienst -sterben. Bis heute nicht.

Der deutsche Autorenfilm machte um den TATORT einen Bogen, und das war schließlich ein Fehler. Man vermißt heute die entsprechen-. den Exempel zur Serie von Fassbinder, Hauff, Klaus Lemke etc. Sie hätten vielleicht gut getan in einer Zeit als die Reihe nach zehn

zwölf Jahren gerade ein wenig in Schlaf zu versinken drohte. Wie auch immer- im Oktober 1981 wurde TATORT zu neuem Leben erweckt, und zwar gleich mit einem Jahrzehntsfilm:"Duisburg-Ruhrort". Ab jetzt wurde malocht, aufbegehrt, geackert und geschwitzt. Schimanski trat auf den Plan, mit ihm Humor und Milieu. Theo und Schimanski - das waren zwei Identifikationsfiguren aus dem Ruhrpott zu Beginn der achtziger Jahre. Die deutsche "Neue Welle" hatte den TATORT erreicht.

Worum es genau in den ersten Schimanski-Filmen ging, ist wenig erinnerlich und war auch eigentlich egal. Der Ton der Geschichte traf den Nerv, nicht die Geschichte selbst. Schimanski ließ die Nachkriegsgeneration weit hinter sich, die Väter und Söhne, obwohl Götz George auch in sehr besonderem Sinn ein "Sohn" war. Seine Jugendlichkeit befähigte ihn aber, über seine Identität als Nachkriegs-Darsteller leicht und locker hinweg und in die Achtziger hineinzuspringen. Seine persönliche Herkunft, seine Geschichte - tief in der gesamtdeutschen Filmgeschichte verankert -, die Sympathie, die ihm aus Ost- wie Westdeutschland entgegenbrandete, ließ ihn als Schimanski gewissermaßen zu einem frühen Geheimagenten der Wiedervereinigung werden. Die Ideengeschichte eines Volkes vollzieht sich ja unter der Haut, im Geheimen, in den Träumen. Etwas an Schimanski ließ Hoffnung wachsen und den Glauben an eine andere, neue deutsche Gemeinschaft.

Der Höhenflug beim Publikum dauerte bis zum letzten Film der Serie, etwa zehn Jahre später. Da war dann aber die Schimanski-Serie inhaltlich nur noch ein tönerner Koloß; die Kinofilme hatten die Figur ausgewrungen. Die Wiedervereinigung war zwar geschafft, der eiserne Vorhang war gefallen, aber mit Entsetzen erkannten nun allmählich die vereinigungsfreudigen Brüder und Schwestern, daß der Westen dem panisch vorgezeichneten Klassenfeind ziemlich aufs Haar ähnelte. Lug und Trug allenthalben in der Republik, kein Ort mehr, nirgends für Schimanski. Und Duisburg wurde auch fast ausschließlich nur in München gedreht.

Im Dickicht der Städte

Neben Schimanski schien all die Jahre kaum ein anderer Kommissar im Bewußtsein der Zuschauer noch eine Chance gehabt zu haben. Der Eindruck täuschte. Nach Georges Abgang im Gleitflug-Instrument wurde deutlich, daß inzwischen einige jüngere Kollegen die IATORT-Fackel beim Publikum sehr gut weitertragen konnten: Nemec/Wachtveitl in München, Ulrike Folkerts in Ludwigshafen und Umgebung. Die älteren Kollegen Bienzle in Stuttgart und Stoever in Hamburg zeigten ebenfalls wachsende Beliebtheit, und in Leipzig wurde inzwischen auch polizeilich recherchiert.

Spuren hatte die Schimanski-Figurjedoch bei fast allen hinterlassen: Seine Action und sein Machismo wurden seither sozusagen konterkariert mit geradezu unnatürlicher Friedfertigkeit und Sensibilität der Serien-Polizisten. Andererseits kabbein sich die Kommissare nun dauernd lustig weiter mit ihren Assistenten wie weiland George und Feik, und die ganze Reihe hat inzwischen sozusagen "Leistungskurs Humor" (Günter Schütter) belegt. Der TATORT wird so auch mehr und mehr zur Mannschaftssportart. Der Hauptkommissar ist kaum noch ein Einzelgänger, gearbeitet wird stärker denn je im Team, und gemeinsam witzeit man sich so zur Jahrtausendwende.

4oo TATORTe! Gerade waren es erst 3oo TATORTe. Das war 1995. Aus der immer kürzer werdenden Frequenz derTATORT-Jubiläen loo TATORTe in den letzten vier Jahren, bei zuvor 30o TATORTen in 25 Jahren - ergibt sich rein rechnerisch, daß sich inzwischen die Auftragslage für das Modell TATORT verdoppelt hat. Von etwa einem TATORT zu gut zwei bis drei TATORTen pro Monat ist die Produktionskurve steil angestiegen. Ein Klassiker als Erfolgsmodell. Es ist also damit zu rechnen, daß "Soo TATORTe!" kurz nach der Jahrtausendwende gefeiert werden können. Dann wird aber was los sein! Dann wird das volle Fanartikel-ShopProgramm in jeder Kommissar-Stadt endlich auf Touren kommen, nehm ich mal an.

Die Geschichte des TATORTs, das sind letztendlich seine starken Filme, die es immer wieder gibt und gab, natürlich das "Reifezeugnis" und "Duisburg-Ruhrort", Mer unsichtbare Gegner", "Blutwurstwalzer", "Rot-rot-tat" und unbedingt einer der"Veigl"TATORTe plus einige böse TATORTe aus Wien etc.

Die Geschichte des TATORTs spiegeltjedenfalls nur sehr indirekt - wie am Beispiel Schimanski - die Gesellschaftsgeschichte der Republik wider. Die Filme zeigen an der Oberfläche sozusagen eher eine Historie der wechselnden Bilder vom deutschen Beamten und von deutschen Wohnungseinrichtungen, in denen mittelständische Damen und Herren seit 30 Jahren auf enorm vielfältige Weise nach ihren Alibis befragt werden.

Kaum erzählt sich jedoch durch den TATORT die deutsche Polizeigeschichte, die Entwicklung der Paramilitarisierung gegen Demonstranten in den 7aern, die Bildung der SEKs in den Bundesländern, die wachsende Problematik der Dienststellen in den Metropolen, das schwankende Selbstbewußtsein der Uniformierten, der gerade erst begonnene Kampf gegen das neue organisierte Verbrechen, der Zynismus der Vorgesetzten und Politiker wie etwa neulich nach den Castor-Transporten. Politiker kommen im deutschen Polizeifilm ohnehin kaum vor, und den Politthriller selbst gibt es so gut wie nicht hierzulande. Vielleicht ein Akt der sinnvollen Selbstbescheidung, denn noch immer lügen unsere Schauspieler, wenn sie Politiker spielen sollen, schlechter und durchschaubarer als die echten Politiker.

Und schon gar nicht erzählt der TATORT insgesamt die Städte und Orte, in denen die Filme spielen. Weil die Orte in den überwiegend "Wer-hat-den-Mord-begangen-und-warurr.-Geschichten" keinen wirklichen Platz haben? Das kann nicht se;n, denkt man etwa nur an Maigret und Paris, an die geradezu soziologischen Bezüge der Stockhoimer Geschichten von Sjöwall-Wahilöö, an die Mischung aus jüdisch-magischem Amsterdam und die Hausbesetzerkrawalle in van de Weterings "Tod eines Straßenhändlers". Und, und...

Merkwürdig: Das Verschwinden der Orte, die Beliebigkeit der Szenerien ist die fataiste Schwäche der Serie geworden. Dabei war es die größte Stärke seines Konzepts, die verschiedenen Octe, die unterschiedlichen Räume zu erzählen. Jetzt gibt es noch hie und da mal eine Totale der Städte, und es gibt den einen oder anderen eher folkloristischen Dialekt-Auftritt von Nebendarstellern. Aber es gibt keine Topagraphien, keine Genauigkeiten im Erzählen der Wege durch die Städte, keine Erzählung der Stadtviertel Berlins, Hamburgs, Münchens oder Kölns, keine Bezüge auf Soziographien, keine bewußten Aufbrüche in die unwirtliche Peripherie der Städte, kaum direkte Bezüge auf lokale Geschehnisse, keine saisonaien Stimmungen in den Metropolen, keine Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Schönheit der Alltagssprache der Menschen wer Dialekt spricht, ist in Deutschland nämlich zwangsläufig eine Witzfigur.

Die Filme des TATORTs sind sozusagen vor der Realität der deutschen Städte ein wenig in die Knie gegangen. Sonst müßten die Kommissare ja in ihren Autos genaugenommen auch nur noch im Stau stehen und schreiend mit anderen Verkehrsteilnehmern Parkplatzprobleme austragen. Und die TATORTe, die brisante Themen erzählen, verheddern sich allzu oft in political correctness und leiden unter dem Dilemma jeder engagierten Kunst, der grundsätzlichen Überbetonung des inhaltlichen Diskurses.

In Charies Willefords "New Hope for the Dead" terrorisiert die Stadtverwaltung von Miami ihre Polizisten mit der Maßgabe, sich sofort Wohnungen innerhalb der Stadt zu suchen, weil die Kommune die Kosten für die We-e ihrer Beamten zum Dienst nicht mehr übernehmen will. Das hat zur Folge, daß alle Polizisten während der Geschichte ständig nebenher auf verzweifelter Wohnungssuche sind, und daß der Detektiv Hope Mosley am Ende die Hauptverdächtige laufen läßt - unter der Bedingung, daß sie ihm ifire Wohnung überläßt. Ein wahrhaft verdammt anderer Blick auf den Alltag der Hauptfiguren jedes Polizeifilms.

Der deutsche Film hat sich ja immer mit dem ernsthaften und schlichten Erzählen des Alltags der Menschen besonders schwergetan. Mit dem Alltag der Liebe, mit dem Alltag der Arbeit, dem Alltag der Trauer und des Glücks. Das fatalistische Element, die dunkle Poesie, das Abbild der Städte und eben die Genauigkeit des Abbilds der Arbeit - diese Parameter, die den Polizei- wie den Gangsterfilm der Weit prägen, scheinen fast alle dem Wesen der "deutschen Kinematagraphie" ein wenig fremd. Der deutsche Film ist eher ein Kino der großen Ideen vom Leben, kein Kino des Lebens selbst.

Es gibt einen Traum des "unbekannten Zuschauers" von den Filmen des deutschen Kinos und des deutschen Fernsehens, von dem ich eingangs sprach, der Traum, sich in den Geschichten und Figuren zu Hause zu fühlen und dieser Traum ist immerhin ab und zu auch von den besten Filmen der TATORT-Reihe genährt worden. Also 4oo TATORTe! - und noch hinkt zwar die Ausbeute an tollen Erzählungen etwas hinter dem sportiven Jubel über die Langlebigkeit hinterher; aber mal sehen, vielleicht tut sich ja in absehbarer Zeit wieder was. Die Reihe eröffnet auf jeden Fall weiterhin allen Beteiligten die größten erzähierischen Chancen, die das deutsche TV-Geschäft zu bieten hat. In diesem Sinn: Bis zum TATORT Nummer 500!

Dominik Graf, Regisseur


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3