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Reifezeugnis

Die Waffen der Kommissare: Nicht bloß Grips und Kanonen

?Unsere Polizisten sind keine Idioten?, so machte vor Jahren ein Berliner Polizeipräsident in einer Boulevardzeitung seinem ehrlichen Zorn Luft. Grund für die Entrüstung des Beamten: Er fühlte seine Schutzbefohlenen in einem SFB-TATORT verunglimpft. Auch ein Polizeihauptmeister glaubte einmal,die Ehre seines Berufsstandes verteidigen zu müssen:?Wir sind doch keine Hampelmänner?. Die Proteste von Polizeiverbänden gehörten ebenso zu den regelmäßigen Begleiterscheinungen der Reihe TAT ORT wie die hohen Einschaltquoten.

Wie aber lassen sich derartige Ereiferungen mit dem Prinzip der Reihe, stets realistische beziehungsweise mögliche Geschichten zu er-zählen, in Einklang bringen? Seltsamerweise beschweren sich Förster, Pfarrer und Ärzte viel seltener über ihre Darstellungsweise in Fernsehproduktionen...

Es ist offenbar eine Prise Eifersucht und Neid im Spiel. Die wirkungsvollsten Waffen der Fernsehkommissare haben kaum etwas zu tun mit jenen der wirklichen Ermittler. Nur bei der Bewaffnung haben sich die Autoren stets an den Vorbildern aus der Realität orien-tiert: Auch die TV-Kommissare haben, wenn ich nicht irre, ihre alte Walther PPK gegen eine großkalibrige Heckler & Koch oder eine SIG Sauer eingetauscht.

Dieser Text entstammt der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 300.ten TATORT
Zweites ehernes Prinzip der Reihe TATORT neben dem Bemühen um Realitätsnähe ist, man weiß es, die föderale Produktionsweise. Dies bringt nicht nur die unterschiedliche Regionalität der einzelnen Folgen mit sich, sondern garantiert auch die Vielfalt von Formen. Diese Vielfalt wird noch durch den Umstand verstärkt, daß auch ein-zelne Kommissarsfiguren von immer wieder wechselnden Autoren und Regisseuren präsentiert werden. Das macht es ungemein schwer, ein Konzept zu konstruieren, eine Kontinuität herauszuarbeiten, Ent-wicklungen nachzuvollziehen oder einen Hut zu finden, der auf jeden Kommissarskopf paßt. Natürlich spiegelt eine derart langlebige und gleichzeitig kontinuierlich erfolgreiche Reihe wie TATORT gesell-schaftliche Veränderungen wider. Doch zu jeder Regel, die man auf-stellt, gibt es soundsoviele Ausnahmen - zuviele, um die Regel wider-spruchsfrei zu bestätigen. Ein paar Dinge allerdings lassen sich den-noch konstatieren. Nicht wenige von ihnen hängen eng mit der ein-gangs geschilderten Verunsicherung der Kripo-Vorbilder zusammen.

Wenn die mitunter fast dokumentarisch anmutenden TATORT- Filme in der Lage sind, ein Berufsimage nachhaltig zu prägen, hängt das damit zusammen, daß die Identifikationsfigur der Komissarin oder des Kommissars überwiegend positiv geschildert wird. Es gibt keine Berufsgruppe, die in vergleichbarer Form in der Öffentlichkeit immer wieder kritisiert wird, in Fernsehfilmen und Serien dagegen derart gut wegkommt. Das läßt sich belegen, zum Beispiel mit der ho-hen Aufklärungsquote der TV-Kommissare, die ihre Fälle zudem fast immer mit einem Geständnis beenden. Denn während die TATORT-Täter in der Regel angesichts ihrer aussichtslosen Lage am Ende zusammenbrechen und gestehen, leugnen die Täter in der Realität beharrlich; nicht erst seit der Terroristenbekämpfung entscheiden vornehmlich Indizien über eine Vielzahl von Fällen. Das ist allein statistisch schon völlig unwahrscheinlich; daran stört sich die Polizei aber nicht. Hinzu kommt, daß im wahren Leben die Polizeiarbeit immer mehr mit wissenschaftlicher Kleinarbeit zu tun hat. ?Erkennungs-dienstliche Maßnahmen? gibt es in der Fernsehrealität zwar auch, doch dort sie sind eher Teil eines Rituals; außerdem wurden Finger-abdrücke schon zu Zeiten von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes genommen. Nein, was ein guter TATORT-Kommissar ist, der vertraut auf seinen gesunden Menschenverstand und seinen Einfallsreichtum, der gewissermaßen zur Arbeitsplatzbeschreibung eines TATORT-Ermittlers gehört: Ob nun Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer, BR) seinen Dackel Oswald am Pförtner vorbei ins Polizeipräsidium schmuggelt oder ob der clevere Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy, WDR) seiner Ex-Frau in einer Kneipe einen langen Vortrag über die Vorzüge von Frikadellen hält, während er in Wirklichkeit die verdächtige Bedienung beobachtet (?Treffpunkt Friedhof?)

Das Spiel mit Schein und Sein ist als Waffe im übertragenen Sinne nicht unwesentlich. Dazu gehört, daß gerade die Kommissare alter Schule ihre sehr wohl vorhandenen Emotionen im Verborgenen hielten. Männer wie die Kommissare Finke (Klaus Schwarzkopf, NDR) oder Haferkamp, letzterer die Personifizierung der Einsamkeit des Langstreckenfahnders, ziehen es vor, hinter den Konventionen der Höflichkeit und des korrekten Benehmens in Sicherheit zu bleiben. Biographische Hintergründe lassen sich bei den meisten Kommissaren nur konstruieren; das wäre zwar sicher möglich, würde aber ebenso sicher Widerspruch provozieren.

1977 markierte Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) vom Südwestfunk eine Trendwende: Die Ermittler bemühen sich nicht mehr nur um Verständnis für die Opfer, sondern sind auch bereit, erstmals Gefühle zu investieren. Bei den SWF-Kommissarinnen - neben Marianne Buchmüller noch Hanne Wiegand (Karin Anselm) und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) - wird dies am deutlichsten: Ihre Intuition und ihr Einfühlungsvermögen sind die effektivsten Waffen im Kampf gegen das Verbrechen. Natürlich zeichnen sich auch viele ihrer männlichen Kollegen durch die berühmte Spürnase aus, doch das ist etwas anderes, bleibt mehr darauf beschränkt, zu ahnen, daß etwas im Argen liegt. Die Kommissarinnen jedoch -ihre Vorgängerinnen im Amt etwas deutlicher ausgeprägt als die burschikosere Lena Odenthal - lassen zu, daß ihre Fälle sie stark beschäftigen. Das heißt natürlich nicht, daß ihre Kollegen keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Stärkste Waffe sämtlicher Kommissare ist ihre schier unbegrenzte Verfügbarkeit. An den sogenannten freien Tagen liegen besonders dicke Brocken an, und wenn mal Urlaub gemacht oder in scheinbarer ländlicher Idylle ermittelt werden kann, darf man getrost davon ausgehen, daß der Fall besonders mies wird. Der Ermittler im Urlaub ist ja ein Motiv, daß auch in der Kriminalliteratur von Christie bis Maigret gern verwendet wird.

Diese selbstausbeuterische Berufsauffassung bringt natürlich mit sich, daß ein Privatleben eher nicht stattfindet. Haferkamp versteht sich mit seiner Frau erst, seit er geschieden ist; so gut wie alle anderen Kommissare sind familiäre Einzelgänger, denen die Arbeit Lebensinhalt ist und für die die Kollegen ihre Ersatzfamilie darstellen. Der engste Mitarbeiter wird so zur sozialen Bezugsperson, und bei jenen Teams, in denen keine eindeutige Hierachisierung vorgegeben ist - bei den Kommissaren Stoever und Brockmöller (Manfred Krug/ Charles Brauer, NDR) oder Schimanski/Thanner (Götz George/Eber-hard Feik, WDR) etwa -, sind die Ermittler nicht nur durch Freundschaft verbunden, sondern teilen hin und wieder unfreiwillig auch Tisch und Bett. Der Gerechtigkeit halber sei nicht unterschlagen, daß man auch bei Haferkamp und seinem kuchenfreudigen Assistenten Kreutzer (Willy Semmelrogge) von Freundschaft sprechen kann; allerdings erinnert Kreutzer allein schon physiognomisch eher an einen Sancho Pansa, zumal es zwischen den beiden auch ein eindeutiges Herr-Knecht-Verhältnis gibt. Die Kommissare haben jedoch nicht nur die Fähigkeit entwickelt, tiefgehende Freundschaften zu pflegen.

Die Männer sind mittlerweile von einer Gebrochenheit geprägt, gegen die die frühe Figur eines Trimmels (Walter Richter, NDR)

ein geradezu eindimensionaler Charakter ist. Trimmel ist zwar ein ?einzelgängerischer Bollerkopp, der vieles falsch macht« (Peter Schulze-Rohr), aber er ist - für den Zuschauer -weitgehend berechenbar. Der Gegenentwurf zum sich nur mühsam bändigenden Choleriker Trimmel, zum draufgängerischen Playboy Kressin (Sieghardt Rupp, WDR), zum sensiblen Intellektuellen Finke, zum korrekten, aber mitunter auch sarkastischen Haferkamp, zum gelegentlich genialen, oft auch leicht boshaften Kieberer Marek (Fritz Eckhardt, ORF), zum Pokerface mit Dackelblick, dem lässig-pomadigen Lenz (Helmut Fischer, BR) oder zum ?Wanderpokal? Lutz (Werner Schumacher, SDR), der jedesmal in einer anderen baden-württembergischen Stadt ermittelte - der Gegenentwurf zu all diesen Charakteren ist Horst Schimanski, der bereits mit seinem ersten Fall (?Duisburg-Ruhrort?, 1981) für Furore sorgte. Die Einführung dieses scheinbar undisziplinierten, ungehobelten, attraktiven, psysisch ungemein präsenten Rohdiamanten, gegen dessen sex appeal Kressin ein billiger Aufreißer ist, war wohl der deutlichste Tribut der Reihe an gesellschaftliche Entwicklungen einerseits und die Sehgewohnheiten des Publikums und sein Verlangen nach mehr Romantik andererseits. Stärker als die Berücksichtigung bestimmter gesellschaftlicher Abneigungen oder Liberalisierungen -Zigaretten sind verpönt, aber ein Kommissar darf schon mal zum Joint greifen (Martin Lüttge als Kommissar Bernd Flemming, WDR) - hat vor allem eine Erkenntnis das Kommissarsbild geprägt: Helden sind out; ein Kommissar vom Schlage Kressins - hoppla, jetzt komm? ich - kann heute überhaupt nur noch als Genreparodie ernstgenommen werden.

Mit dem Mut zur charakterlichen Lücke ergeben sich für die Autoren natürlich ganz neue Möglichkeiten, ihre Figuren realistischer, gewissermaßen menschlicher zu gestalten. Verlierer waren die Kommissare immer schon, gelegentlich zumindest. Ein Beispiel von vielen: In ?Kressin und der Mann mit dem gelben Koffer? hat der Zollfahnder endlich den seit Jahren gejagten Waffenhändler dingfest gemacht, da entkommt dieser ihm in letzter Sekunde. Immer öfter umweht die Kommissare die Tragik des Schicksals: Weil ihnen bewußt wird, daß sie zwar einen Täter gefangen nehmen konnten, aber die Hintermänner laufen lassen müssen und die Korrumpierbarkeit des Systems nicht ändern können.

Autoritäre Strukturen haben TATORT-Ausgaben traditionell bloßgelegt und in Frage gestellt; die Auseinandersetzung mit dem fast immer unsympathisch angelegten Vorgesetzten etwa, den wiederum die Angst vor dem Polizeipräsidenten, diversen Ministern oder der Presse umtreibt, gehört zum Standardmuster der Reihe. Kaum ein Kommissar, dem nicht schon ein Fall entzogen oder der sogar suspendiert wurde. Daß aber - hier explizit, dort eher subtil - Gesellschaftskritik nicht nur betrieben wird, sondern fast vorausgesetzt werden kann, ist mittlerweile derart fester Bestandteil von TATORT, daß ganz gewöhnliche Eifersuchtsmorde fast schon altmodisch wirken. Der Disput mit dem Vorgesetzten unterstreicht natürlich die Unabhängigkeit der Polizisten. Ideologisch mögen sie sich zwar gelegentlich für eine Seite entscheiden, in ihren Ermittlungen jedoch lassen sie sich (fast) nie von solchen Entscheidungen beeinflussen, schon gar nicht von politischen Präferenzen. Stellvertretend für sämtliche Kolleginnen und Kollegen beantwortet SWF-Kommissarin Hanne Wiegand in ?Spiel mit dem Feuer? die Frage, wo sie eigentlich politisch stehe: ?Nirgends; das heißt - auf der Seite der Vernunft.?

Erst recht ein Beweis für die Unabhängigkeit der TV-Polizisten ist ihr Gefühl, einer übergeordneten Instanz verpflichtet zu sein. Dieses Wissen um den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit ist nicht zu verwechseln mit jener Spielart des modernen Kriminalfilms, bei der sich Polizist und Gangster nur noch durch die Marke unterscheiden. Abgesehen davon, daß die Kritik an den Umgangsformen des Kommissars Schimanski so sehr zum Selbstläufer geworden ist, daß ohnehin kaum noch differenziert wird, stellte gerade dieser Schimanski immer wieder die Gerechtigkeit über das Gesetz. Andere Kommissare nutzen ihr Verständnis für die Täter, ihre Kenntnis des sozialen Umfeldes (aus dem sie vielleicht sogar selbst stammen) meist dazu, die Delinquenten dingfest zu machen. Ein Herz für Außenseiter haben sie jedoch fast alle; sie sind sich darüber im Klaren, daß Mord oft aus Versehen passiert. Prominentestes Beispiel: ?Reifezeugnis?.

Horst Schimanski hingegen setzt sich über die Paragraphen nicht hinweg, um law and order walten zu lassen was bei seinen Kollegen fast selbstverständlich ist: kaum ein TATORT ohne Hausfriedensbruch der Gesetzeshüter , sondern um Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Nur allzu oft muß Schimanski schließlich mitansehen, wie ihm dienstbeflissene Mitarbeiter einen Strich durch die Rechnung machen, sodaß selbst seine gelösten Fälle kaum einmal Anlaß zum Triumpf bedeuten, sondern oft eher zu Bitterkeit angesichts des Schlechten in der Welt führen, das nicht selten erst durch das Gute entstanden ist.
Was die Kommissare von Anfang an auszeichnete und sie ihren Gegenspielern (und auch ihren Vorgesetzten) überlegen machte, ist ihre Phantasie. Auch dies ist ein Punkt, in dem sie sich von ihren tat-sächlichen Kollegen deutlich unterscheiden, und so manche TATORT -Folge macht deutlich, warum: Weil die Phantasie mitunter mit den Ermittlern durchgeht, was dazu führt, daß sie sich hartnäckig an Phantomspuren festbeißen, obwohl die Lösung eigentlich ganz nahe liegt. Allerdings haben sich die TV-Kommissare das Prädikat ?phantasievoll? erst verdienen müssen. Nicht wenige gerade der frühen Kommissare sind in erster Linie geduldige Arbeiter gewesen, deren pflichtbewußtes Weltbild durch geniale Geistesblitze oder Inspirationen in Unordnung geraten wäre.

Als Peter Schulze-Rohr in den frühen siebziger Jahren den Leiter der Hamburger Mordkommission nach dessen Erfolgsrezept fragte, antwortete dieser Kommissar, der laut Schulze-Rohr ?ganz ungeheuer spießig aussah?: ?Ich habe keine Phantasie. Phantasie ist ganz schädlich in diesem Beruf.« Auf beharrliches Nachfragen erhielt Schulze-Rohr dann doch noch einen halbwegs brauchbaren Hinweis: ?Du mußt immer gucken, wo Weiber im Spiel sind. Da werden die Fehler gemacht.? Die Losung ?Cherchez la femme? wurde sogar zum Titel einer Folge (?Cherchez la femme oder Die Geister vom Mummelsee?). Allerdings bedurfte es nicht erst der SWF-Kommissarinnen, um Redakteuren, Autoren, Regisseuren und natürlich dem Publikum zu vermitteln, daß Frauen keineswegs bloß die schönsten Opfer sind; die Zahl der TATORT-Ausgaben, in denen Frauen auch Täterin oder zumindest Drahtzieherin sind, dürfte derart groß sein, daß zumindest in dieser Hinsicht nahezu Gleichberechtigung herrscht. Auch darüber hört man aus den Reihen der Polizei keinen Kommentar.

TILLMANN P. GANGLOFF IST FREIER AUTOR UND MEDIENKRITIKER UND PUBLIZIERT IN ZAHLREICHEN PRINTMEDIEN DES IN- UND AuSLANDS

Tillmann P. Gangloff


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