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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Populäres Panorama

300 mal TATORT: Starke Vergangenheit, glänzende Zukunft

Bild: ARD
Dreihundert TATORT-Folgen in einem knappen Vierteljahrhundert - das ist eigentlich nicht viel. Die ?Lindenstraße? steuert bereits am Ende ihres ersten Jahrzehnts auf die 500 zu, Daily Soaps werden ihre Jubiläen nach Tausenden berechnen.

Nun ist TATORT alles andere als eine jener üblichen Serien, auf die man sich erst einmal willig oder widerwillig einläßt, deren Mechanismen man bald durchschaut und von denen man dann selten aus Lust, oft aber aus Gewohnheit, nicht lassen kann. TATORT - von den Fachleuten ?Reihe? genannt - folgt einem ganz anderen Muster. Der unverwechselbare Titel ist das Markenzeichen, das Auge im Fadenkreuz und Klaus Doldingers Auftaktmusik laden suggestiv zum Dranbleiben ein, der einzelne TATORT funktioniert wie ein Knallbonbon, das seinen Inhalt erst preisgibt, wenn man es öffnet. Jeder TATORT ist ein Versprechen, das eingelöst werden will, seine Geschichte bleibt unverwechselbar, Originalität herrscht, nicht Serien-Routine. Da die Zuschauer nur selten enttäuscht worden sind, lassen sie sich auf das Abenteuer TATORT immer wieder ein.

Das fing schon so ungewöhnlich an. Im Oktober 1970 stellte die ARD ihre neue Krimi-Reihe vor, doch zum Erstaunen vieler gab es statt der gewohnten durchgehenden Kommissar-Figur neun verschiedene Kommissare, von jedem Sender einen, zusätzlich den kooptierten Oberinspektor Marek vom ORF. Auch brachten anfangs einige Fernsehspielabteilungen in den TATORT ein, was sowieso vorbereitet wurde und irgendwie hineinzupassen schien: der NDR seinen Trimmel, der WDR seinen Kressin, der SDR sogar einen eher sozio-dokumentarischen Film über einen Täter in Mannheim. So richtete man sich vorsichtig auf zwei Jahre Laufzeit für die neue Reihe ein. Doch die Zuschauer erlagen der Faszination des TATORT-Modells sofort. Von den ersten 25 Folgen hatten 22 - die auch seinerzeit exorbitant hohen - Einschaltquoten zwischen 5o und 70 %. Eine Folge kam sogar auf 71 %. Trotz mancher selbstkritischer Reflexionen in den eigenen Reihen, trotz einigen Gemäkels in der Fachpresse war TATORT von Anfang an ein enormer Erfolg und ist es bis heute geblieben.

Die Verabredungen über das Reihenkonzept waren recht locker. Vor allem sollten die Geschichten im regionalen Umfeld des jeweiligen Senders angesiedelt sein. Die sich oft genug als Hindernis erweisende föderale Struktur der ARD konnte so als Stärke genutzt werden. Der unterschiedliche Charakter der deutschen Bundesländer macht einen besonderen Reiz der TATORT-Reihe aus. Außerdem sollten sich die Stories an der Wirklichkeit orientieren, also glaubhaft und nachvollziehbar sein, ohne den Polizeialltag kleinkrämerisch abbilden zu wollen. Ein Kommissar als Hauptfigur war unabdingbar, ob der Fall allerdings aus seiner Perspektive oder der des Täters erzählt wird, blieb der freien Entscheidung von Redaktion und Autor überlassen. in den ersten Jahren mußte in jeder Folge der Kommissar einer anderen Region als Gastkommissar seinen kurzen Auftritt haben, um so das Geflecht der TATORT-Ermittler von Nord nach Süd,von Berlin bis Wien, stärker zu vernetzen. Doch dieses heute eher amüsant wirkende dramaturgische Hilfsmittel erschöpfte sich schnell. Von besonderer Bedeutung war die Entscheidung für das 90-Minuten-Format. Die Spielfilmlänge ermöglichte erst das Konzept dieser Reihe von Unikaten, während etwa die 6o-Minuten-Form eine immer gleichbleibende, sich abnutzende Serienstruktur mit sich bringt. Das 90-Minuten-Format ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg des TATORT. Offensichtlich waren die Zuschauer bereit, das locker gefügte TATORT-Konzept zu akzeptieren,die große Zahl der Kommissare und deren ständigen Wechsel problemlos zu tolerien, TATORT in seiner Vielfältigkeit und seiner Unterschiedlichkeit als Ganzes zu begreifen und anzunehmen.

Dieser Text entstammt der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 300.ten TATORT
Diese 300 TATORT-Folgen sind in ihrer überwiegenden Zahl ein Schatz von unermeßlichem Wert. Interessanterweise galt es - anders als bei üblichen Serien-Produktionen - niemals als ehrenrührig beim TATORT mitzumachen. In zweieinhalb Jahrzehnten wurde mit diesem populären, unterhaltenden Genre ein Panorama von Filmen geschaffen, das durchaus ein Bild unseres Landes in diesen Jahren abgeben kann. TATORT hat ja auch die Kriminalfälle oft in den Kontext zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und politischer Themen gestellt. Da ging es unter anderem um Organschmuggel (Rechnen Sie mit dem Schlimmsten, 1972), Wohnungsbau-Skandal (Tote brauchen keine Wohnung, 1973), Umweltverschmutzung (Gift, 1974, Kielwasser, 1984), Ausländerproblematik (Tod im U-Bahn-Schacht, 1975, Voll auf Haß, 1987), Kinderpornografie (Kinderlieb, 1991) oder Homosexualität und Aids (Mord in der Akademie, 1994). Filme wie Taxi nach Leipzig von Friedhelm Werremeier und Peter Schulze-Rohr (1970), Reifezeugnis von Herbert Lichtenfeld und dem heutigen Weltstar Wolfgang Petersen (1977), Peggy hat Angst von Norbert Ehry und Wolfgang Becker (1983) oder Moltke von Axel Götz, Jan Hinter, Thomas Wesskamp und Hajo Gies (1988) - Moltke wurde übrigens als erster TATORT mit dem ?Adolf Grimme Preis? ausgezeichnet - gehören zu den wichtigsten Hervorbringungen des deutschen Fernsehspiels überhaupt. All die hervorragenden Autoren, Regisseure, Schauspieler und speziell die Kommissare/innen-Darsteller/innen hier zu rühmen, würde Seiten füllen. So sei nur - stellvertretend für viele - darauf hingewiesen? daß sich etwa für die TATORT-Regie immer Spitzenleute aller Generatio-nen interessiert haben: Wolfgang Staudte und Sam Fuller, Axel Corti und Eberhard Fechner, in den letzten Jahren Bernd Schadewald und Wolfgang Becker jr..

So ist TATORT auch nicht Fast Food, wie so manche Serienware? die über die Sender geht. Er hat eher etwas von jenen Weinen, die umso wertvoller sind, je älter sie werden. Einige frühe Folgen sind längst Klassiker, viele von unseren Zuschauern, die TATORT nicht von Anfang an sehen konnten, verspüren offenbar das Bedürfnis, die Reihe in ihrer Gesamtheit kennenzulernen. Besonders junge Zuschauer bemühen sich immer wieder um Material über alle bisherigen Folgen und begrüßen jede Chance, ihr TAT0RT-Bild zu komplettieren. Auch damit erklärt sich der große Erfolg der TAT0RT-Wiederholungen auf allen Kanälen: Auf dem tradionellen Montag-Spättermin in der ARD, in den dritten Programmen und immer wieder bei Sendungen aus besonderem Anlaß.

Mehrfach gab es Versuche, den Kreis der TATORT-Kommissare zu erweitern. Vor Jahren hatten Frankreich und Ungarn Interesse angemeldet. 1989 wurde die Schweiz mit großer Zustimmung aller in den TATORT aufgenommen. Die erste Kooperation der ARD-Fernsehspielchefs mit dem sich öffnenden DFF (dem ?Deutschen Fernseh-Funk« der ehemaligen DDR) nach der Wende galt dem TATORT: Unter Brüdern brachte Götz George und Eberhard Feik mit den langjährigen Darstellern des Polizeiruf 110 zusammen. 1992 erschien mit Kommissar Ehrlicher der erste TATORT-Ermittler aus den neuen Ländern auf dem Bildschirm. Das Gesicht des neuen Dresden ergänzt hervorragend die unterschiedlichen Farben der bisherigen TATORT-Regionen.

Natürlich erreicht der TATORT heute nicht mehr die Traumquoten seiner Anfangszeit. Aber er steht weiter an der Spitze der Hit-listen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat der TATORT es bisher immer vermocht, die Konkurrenzprogramme am Sonntag UM 20.15 Uhr zu überflügeln. Und er hat für?s Erste einige entscheidende Vorteile: Der TATORT in seiner regionalen Struktur läßt sich ebensowenig kopieren wie die ARD. Die private Konkurrenz kann zwar Entertainer und Sportreporter abwerben, Fußball und Tennis wegkaufen, die öffentlich-rechtlichen Sender beim Spielfilmeinkauf überbieten -den TATORT kann sie nicht an sich ziehen, und: Der TATORT ist ein reicher, unerschöpflicher Programmvorrat, dessen Senderechte dem Ersten für alle Zeiten zur Verfügung stehen.

Die ARD hat inzwischen die Prime Time am Sonntagabend zur Krimizeit erklärt. Der TATORT - ergänzt durch den Polizeiruf 110 -wird das Herzstück dieses Sendetermins sein. Die am TATORT beteiligten Sender wollen ihre Aktivitäten für diese zentrale KrimiReihe des Ersten verstärken. Ab 1995 werden es jährlich mehr als 2o Folgen sein. So läßt sich absehen, daß das nächste große Jubiläum des TATORTS, die 500. Folge, schneller auf uns zukommen wird als wir es noch vor Jahren erwartet hatten.

GUNTHER WITTE IST LEITER DEs WDR-FERNSEHSPIELS UND HAT DiE REIHE TATORT INITIIERT UND KOORDINIERT.

Gunther Witte


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