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Methusalems Jugend

Gedanken zum 300. Geburtstag eines jungen, alten Freundes

Dieser Text entstammt der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 300.ten TATORT
Man hätte sie, kurz und bündig wie manche Titel früherer Jahre, "Methusalem" nennen sollen, die uns ins Haus stehende Jubiläumsfolge 300 der Sendereihe TATORT; die Geschichte dazu wäre einem der mittlerweile sechs oder zwölf Dutzend TATORT-Autoren, wer weiß es exakt, sicher genau so eingefallen wie 299 Geschichten zuvor. Man hätte mit alter, nicht rostender Liebe wortspielen und titeln können; gewiß nichts Schöneres, als zu einem so runden Geburtstag nostalgisch zu plotten. Aber Titel - und die Stoffauswahl sowieso -sind nun mal Sendersache, und so greift man als Nur-Autor, immerhin Glückwunschmitautor letztlich in die klassische Zitatenkiste, in der sich dann allerdings spontan die Aussage des damaligen ARD-Fernsehspielkoordinators Horst Jaedicke vom Spätsommer 1970 findet: "Die Planung dieses Projekts TATORT ist vorerst auf zwei Jahre begrenzt!" Sowie, Jaedickes Vorsicht tatsächlich klassisch kommentierend, das Lieblingszitat des ersten TATORT-Regisseurs Peter Schulze-Rohr, ordnungsgemäß mit Quellenangabe: "Ach. Heinrich von Kleist."

24, in Worten vierundzwanzig Jahre also sind ins Land gezogen, seit, ach, "unter beinahe verschwörerischer Funkstille" das erste TATORT-Konzept ersonnen und im Taxi, in meinem "Taxi nach Leipzig", auf seine lange große Reise geschickt wurde. Walter Richter hieß der Protagonist, der es angeheuert hatte, einer der damals bekanntesten schweren Helden des Theaters wie auch des Fernsehens in der Rolle des ersten TATORT-Kommissars Paul Trimmel. Und prominent waren sie fast alle, die TATORT-Polizisten, meist Hauptkommissare, dieser frühen Generation, über die ich berichten kann - und vorrangig lag es gewiß daran, daß der TATORT glanzvoll gleich über die ersten Hürden ging: Kressin und Konrad, Finke und Veigl, der Ur-Münchner mit dem Dackel, die Burg, Staats- und Erfolgsakteure Sieghardt Rupp undKlaus Schwarzkopf, Klaus Höhne und Gustl Bayrhammer. Keine Angst, ich würde ihn jemals vergessen: unseren lieben, grantigen ORF-Hotelportier Fritz Eckhardt als Oberinspektor Marek. Keine Angst zudem,dies vor allem gleich hier, ich würde womöglich die nach und nach in die Schuhe der ersten tretenden und sie ablösenden schweren Folge-Kaliber übersehen. Haferkamp aus Essen alias Hansjörg Felmy, die mutigen und emanzipatorisch geprägten SWF-Kommissarinnen aus Baden-Baden und dessen Vororten Mannheim und Frankfurt, Stoever aus Hamburg alias Manfred Krug aus Berlin, all die drei oder gar fünf Dutzend ' wer weiß es exakt, für deren Nichtnennung ich mich aus Platzgründen entschuldigen sollte - sie werden an anderer Stelle dieser Schrift zu ihrem Recht kommen. Und natürlich vorrangig er, der Star der Stars mit dem Alter ego: Horst Schimanski und Christian Thanner alias Götz George und Eberhard Feik, die auf drastische Weise sogar den Tirolern verklickerten, daß irgendwo eine unerlöste Landschaft Ruhrgebiet existiert. Manchen von ihnen hätte ich gern Rollen und Dialoge auf den Leib geschrieben, wenn eins nicht passiert wäre: das von mir schmerzlich betrauerte Ausscheiden Trimmels nach 990 Minuten TATORT-Einsatz und der folgende Tod seines Darstellers Walter Richter. Mit TATORT 140, mit Trimmel und Isolde bat ich meinen Dienstvorgesetzten Dieter Meichsner um meinen Abschied als Autor der Reihe.

Zurück, demnach, zu den frühen Jahren: spannender war es aus meiner Sicht immerhin nie wieder. Die zitierten Jaedicke-Jahre, nochmals ach, gingen vorbei, und im besten Einvernehmen wurde TATORT zunächst bis 1974 verlängert. Dann bis 1976, dann gleich auch bis zur magischen 100 im Sommer 1979. "TATORT ist quicklebendig", meinte sein Koordinator Gunther Witte, "ein Ende ist nicht abzusehen!" Und einmal mehr, wie recht er hatte damit: schon 1987 ging TATORT 200 über den Sender - TATORT war bereits längst die zwar nicht älteste, aber mit Längen längste Krimireihe im deutschen Fernsehen. Unter 20 Sehbeteiligungschampions allein bis 1983 waren sieben TATORTE. TATORT war und ist eine der tragenden Säulen des ARD -Programms. Und dürfte es, über die Nummer 300 hinaus, offen-kundig noch eine Weile bleiben.

Schauspieler, heißt es im übrigen nicht allein in Hollywood, machen in erster, zweiter und dritter Linie den Erfolg eines Films, einer Serie, einer Reihe aus; wir wollen der Binsenweisheit sicher nicht massiv widersprechen. Im Fall TATORT allerdings zählte, ebenso sicher, schon das erste und bislang wenig geänderte Konzept zu den Vätern und Müttern des Erfolges: es gab die Chance, in eineinhalb Stunden Sendezeit auch komplexe Geschichten mit den reicheren und reizvolleren Möglichkeit des Spielfilms zu erzählen, wie es Witte überzeugend formulierte. Es gab das föderalistische Prinzip, daß alle ARD-Anstalten eigene Kommissare an den TATORT entsandten, was landschaftlich wechselnde Schauplätze implizierte und außerdem dafür sorgte, daß sich ein einzelner Ermittler nicht zu schnell verbrauchte. Vor allem aber kommen wir im Endeffekt nicht an gewichtigen Worten wie "Paradigma des Kriminalsujets" und"Mimesis" vorbei, der Beziehung zwischen erfahrener Realität und ihrer künstlerischen Gestaltung. Dazu, nochmals, Jaedicke als einer der Urväter: "Die Stoffe sind dokumentarisch und fiktiv (zugleich). Das Dokumentarische ist so verändert, daß sich niemand erinnert fühlen wird, wenn er es nicht will. Fiktives (jedoch) ist so realistisch, daß es passiert sein könnte, auch, wenn es gar nicht passiert ist!«

Realitätsbezug also von Anbeginn an - Stallgeruch aus den Mordkommissionen von Hamburg, München, Essen und Frankfurt, Stuttgart, Westberlin und schließlich Duisburg. Gefärbt allenfalls in der Wolle, geschönt, mit Maßen, wie es bei Filmen nicht anders sein kann. Ein soziologisch geprägter Medienwissenschaftler aus Berlin staunte sichtlich über seine Erkenntnis: "Absolut unübersehbar schätzt unser Fernsehpublikum den TATORT und dessen Kommissare ganz erheblich mehr als die reale Polizei!« Und sogar reale Polizisten machten da selten Ausnahmen.

Reale Beamte sprangen aus realen Polizeiwagen und grüßten - voller Respekt, ich schwör's, denn ich war dabei - Paul Trimmel auf seinem Weg zum Set: "Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!« Der verzweifelte Vater eines real ermordeten Mädchens flehte Marek an: "Ich weiß ja, daß Sie Schauspieler sind, aber nur Sie allein können den Täter fassen!" Hauptkommissar Finke, Gott hab' Klaus Schwarzkopf selig wie Trimmel und so manch anderen < in 24 Jahren TATORT, sinnierte vor der laufenden Kamera: "Was hat man nicht alles gespielt, warum ist man dann erst als Polizist ein gescheckter Hund?« Und letztlich passierte auch noch diese Fast-Tragödie an der Hamburger Kuhmühle.

Vorausgegangen waren amtliche Proteste der realen hanseatischen Polizei: Im Dienst wird nicht, wie bei Trimmel und seiner Mordkommission, geflucht und erst recht nicht gesoffen! Doch, behauptete der Autor, er kenne da eine Reihe von Fällen, und überdies sei ein gelegentlich von Trimmel ausgegebener Korn wohl kaum Saufen zu nennen. Sei dem, wie es wolle, meinten die Amtsvertreter, entweder höre das auf, oder die reale Polizei werde zu Dreharbeiten keine realen Streifenwagen mehr zur Verfügung stellen. Da stand der Norddeutsche Rundfunk mannhaft zu seinem Autor, besorgte Uniformen aus dem Fundus und Streifenwagen-Attrappen dazu, und dann passierte am Rande des Sets ein realer schwerer Verkehrsunfall. Zwei Darsteller in Polizeiuniform hockten zigarettenrauchend im irrealen Polizeiwagen und schauten zu, wie zwei erheblich, allerdings Gott sei Dank nicht tödlich Verletzte auf eine reale Ambulanz warteten - was hätten sie denn anders tun können? Und zornige Passanten machten Anstalten, die irrealen Beamten aus ihrem Auto zu zerren und zu verprügeln, wenn nicht zu lynchen ...

Der Fall klärte sich gerade noch rechtzeitig, und von nun an leistete das Präsidium doch lieber wieder Amts- und Drehhilfe, Und so ist es geblieben, an nahezu allen Drehplätzen, über alle behutsamen TATORT-Mutationen hinaus und auch über unsere deutsche Wende, die uns, zuweilen quaSi TATORT -alternierend, den Polizeirufbescherte. Real bis aufs Messer, realitätsnah bis an das stehengebliebene Herz des Opfers. Lacht da jemand? Wichtig gerade für Schimanski war stets, so hörte man unlängst wieder, eben jene Realität der polizeilichen Praxis. Daß er dann, auf Geheiß eines TATORT-Starregisseurs, zum Abschied vom Dienst per Drachenflieger von einem Duisburger Hochhaus flog und, wenn mich meine rheinische Erfahrung nicht täuscht, kurz darauf bei guten Winden über das optisch ergiebigere Düsseldorf schwebte...

Laßt es uns vergessen,TATORT-Freunde, oder auch umgekehrt: nimmer und nie. Der TATORT hatte, wie jedes erfolgreich und lange betriebene Handwerk, neben den Selbstgängern immer auch mal Hänger und zuweilen gar Blindgänger: den norddeutschen Stummfilm mit den wortkargen Friesenverdächtigen, denen das Geständnis auf Kosten des Zuschauerverständnisses mit glühenden Zangen aus dem Rachen gezogen werden mußte. Den TATORT Nummer 296, falls ich nicht irre, in dem uns gezeigt wurde, wie es bei der Polizei, vor dem Schwurgericht, in der Klinik oder unter Staradvokaten eben nicht zugeht, gern auch jene Nummer 67, Trimmel und der Tulpendieb, die wegen einiger kaputter und leider nicht nachzudrehender Filmrollen effektiv Stückwerk blieb - all das und noch einiges mehr. Schimmis Drachenflug war, ganz leicht unter dem nostalgischen Strich, ohne jeden vernünftigen Zweifel der absolute Höhepunkt im bisherigen Leben unseres längst erwachsenen mimetischen Sonntagskinds TATORT.

FRIEDHELM WERREMEIER WAR DER AUTOR DES ERSTEN UND ZAHLREICHER WEITERER TATORTE.

Friedhelm Werremeier


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