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Der TATORT als Objekt der Wissenschaft

Dr. Schimanski?!

von Jutta Scherp

Dieser Text entstammt der Jubiläumsbroschüre der ARD zum 300.ten TATORT
Was lange Fernsehkritiken vorbehalten war, der professionelle Umgang mit fertigen Fernseh-Produkten, beschäftigt inzwischen auch die Wissenschaftler. Seit geraumer Zeit bereits kommen die Gelehrten nicht umhin, TATORT-Produktionen zum Untersuchungsgegenstand wissenschaftlicher Forschung zu machen. Dabei sind die Interessen der Forschung so vielfältig wie ihr föderalistisches Analyseobjekt TATORT.

Nicht nur die Medienwissenschaft befasst sich mit dem TATORT; auch die Kriminologie setzt sich im Rahmen ihrer Untersuchungen zur Kriminalität im Fernsehen mit Beiträgen der Reihe auseinander. Oft wird von Kriminologen die unrealistische Darstellung sowohl in der Quantität als auch in der Qualität der Kapitalverbrechen in TV-Kriminalfilmen, vor allem in Serien bemängelt. Wobei der TATORT allerdings positiv gegenüber anderen Krimiproduktionen auffällt. In ihrer Doktorarbeit ?Die Darstellung von Taten, Tätern und Verbrechensopfern im Kriminalfilm des Fernsehens? schreibt etwa Christiane Uthemann der WDR-TATORT-Folge ?Kielwasser? das Verdienst zu, kriminelle Phänomene in einem realitätsnahen gesellschaftlichen Kontext darzustellen.

In der Medienwissenschaft legte Thomas Radewagen mit ?Ein deutscher Fernsehbulle. Trimmel ? Der TATORT-Star und seine Mediengenese? eine frühe gattungsübergreifende Arbeit vor. Er beschreibt den ersten TATORT-Kommissar Paul Trimmel vom NDR als künstlerisches und künstliches Produkt in Roman und Fernsehen. Damit wird ein Beitrag zu einem systematischeren Verständnis des Fernsehkrimis geboten, dessen ?Bauweise? Radewagen als Sach- und Produktionszwang versteht.

Ausschließlich dem ?trivialen Kunstprodukt? TATORT widmen sich die ?Marburger Hefte zur Medienwissenschaft? mit der Ausgabe ?TATORT. Die Normalität als Abenteuer?, in der sich verschiedene Untersuchungsergebnisse renommierter Autoren zu der populären Fernsehreihe finden. Thomas Koebner umfasst mit seinem Aufsatz ?TATORT ? zu Geschichte und Geist der Kriminalfilm-Reihe? die Vorgeschichte des Kriminalfilms im Fernsehens, die Entstehung des TATORT-Konzepts und die TATORTE der jeweiligen Sender. Er erläutert einige Regeln der TATORT-Dramaturgie, porträtiert die Kommissare als epochentypische Kunstfigur und setzt TATORT-Verbrechen in einen Zusammenhang mit dem Wertewandel innerhalb der Gesellschaft. Egon Netenjakob zeigt am Schimanski-Konzept ?Das Vergnügen, aggressiv zu sein? auf und weist auf die Korrespondenz der realen Gesellschaft mit den fiktiven WDR-Kommissaren hin. Unter psychologischen und soziologischen Aspekten erfährt die Figur Schimanski besondere Beachtung, wobei an der Entwicklung des Kommissars von der Randfigur zur Hauptfigur die kritisch-moralischen Züge des Krimis herausgearbeitet werden.

Auch in anderen Publikationen widmet sich Netenjakob den TV-Kriminalfilmen. Als Kenner der Branche erläutert er in ?Der Regionalkrimi und das Publikum. Zwanzig Jahre TATORT? das dauerhafte Erfolgsrezept der Reihe, dessen Hauptbestandteil das föderalistische TV-Konzept und die Darstellung regionaler Strukturen mit regionalen Schauplätzen sind.

Ins Detail geht Kirsten Villwock in ihrer Arbeit ?Schimanski ? in der Fernsehserie, im Kinofilm, im Roman?. Sie untersucht die große Popularität der Schimanski-Figur in verschiedenen medialen Formen. In einer deskriptiven Imageanalyse Schimanskis unter medienübergreifenden Aspekten geht Villwock auf die für den Starruhm verantwortlichen Charakteristika ein. Erhebliche Beachtung erfährt dabei der Schauspieler Götz George, an den die Rolle Schimanski unverwechselbar gebunden ist. Unkonventionelles Outfit und omnipräsente Körperlichkeit erarbeitet sie als wichtigste Imagekriterien Schimanskis.

Einen Teil des Untersuchungsgegenstandes bildet der TATORT in einigen unterschiedlichen gewichtigen Beiträgen zur Kriminalfernsehserie bzw. ?reihe. Durch Detailanalysen zeigt Ludwig Bauer in seiner umfassenden Dissertation ?Authentizität, Mimesis und Fiktion: Fernsehunterhaltung und Integration von Realität am Beispiel des Kriminalsujets? die genretypischen Aspekte des Realitätsbezugs auch am mimetischen TATORT-Konzept auf. Trotz des expliziten Bekenntnisses zur Fiktionalität wird so ein gewisser Realitätsanspruch verfolgt. Der zeigt sich u. a. in dem realitätsnah dargestellten Polizeiapparat und den Ermittlungsprozeduren sowie der realistischeren Konzeption des krimitypischen Figurenarsenals durch die Relativierung unwirklicher ?Gut vs. Böse?-Position. Die realitätsnahen innovativen Inhalte im TATORT werden filmintern bewertet und regen so auch zur Diskussion gesellschaftlicher Normen an.

Thomas Weber kritisiert u. a. in seiner Dissertation über die ästhetische Konstruktion von Krimiserien ?Die unterhaltsame Aufklärung: ideologiekritische Interpretation von Kriminalfernsehserien des westdeutschen Fernsehens?. Er sieht in den Ermittelnden im Kriminalgenre weniger wirkliche Personen als vielmehr abstrakte Prinzipien. Gerade den frühen WDR-TATORT-Fahnder Kressin führt er erstaunlicherweise als Beispiel dafür an, dass ein Ermittler die göttliche Weltordnung darstelle. Den frühen NDR-Kommissar Trimmel mit seinen oft eigenwilligen Handlungen bestimmt er zur Ausnahme gegenüber der sonst üblichen Moderatorfunktion der Kommissare. Als ?Bürgerliche Helden? empfindet Weber die restlichen Individualisten, Originale und ?Männer ohne Eigenschaften? der TATORT-Reihe.

Knut Hickethier und Wolf Dieter Lützen ordnen in verschiedenen Beiträgen zu Krimiunterhaltung und Fernsehserie den TATORT genre- und programmgeschichtlich ein. Sie bescheinigen dem TATORT, gegenwartsnahe Themen in Beziehung zu bundesdeutscher Alltagswahrnehmung zu stellen und dafür dass Figuren, Handlungen und Konstellationen in ihrem Streben nach milieugerechten Geschichten bisweilen realistische Komplexität erreichen. Innerhalb des TATORT-Spektrums setze sich eine breite Differenzierung und Weiterentwicklung des Genres durch, in der besonders Schimanski ?neuer Held? und Identifikationsfigur sei.

Zahlreiche weitere einschlägige Aufsätze, viele auch auf einem ?populär-wissenschaftlichen? Niveau führen ebenfalls den TATORT an. Kein Zweifel: Denn TATORT wird in der wissenschaftlichen Literatur eine besondere Position eingeräumt.




Jutta Scherp hat Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Soziologie studiert und ihre Magisterarbeit zu dem Thema ?Die Fernsehkommissare der Reihe Tatort? verfasst.


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