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Aus Anlass zum 100.TATORT

"Ohne Mord und Totschlag geht es nicht!"

Zum 100.TATORT führte Martin Wiebel, WDR-Fernsehredakteur für "ARD-Fernsehspiel" ein Verhör mit einem Geständigen: mit TATORT-Erfinder Gunther Witte. Bewaffnet mit Tonbandgerät befragt er ihn zu Komplizen, konfrontiert ihn mit einem dringenden Tatverdacht und deckt die Hintergründe auf.

In dieser Ausgabe von "ARD-Fernsehspiel" erschien das Verhör mit einem Geständigen 1979 - anlässlich des 100. TATORTs.
Die Szene ist wie üblich im TATORT: Ein Kommissar betritt - ausnahmsweise ohne Assistenten, aber mit Tonbandgerät - den Arbeitsraum des TAT(ORT)-Verdächtigen, des Fernsehspiel-Dramaturgen Gunther Witte, dessen Büro im WDR-Vierscheibenhaus genau jenen Zellencharakter hat, den Büros heute bei Versicherungen, Finanzämtern und in Kriminal-Kommissariaten haben. Der Kommissar denkt, "das sieht aus wie in allen TATORT-Büros", lässt sich das aber nicht anmerken, und nach den üblichen TATORT-Floskeln - "ich hoffe, ich störe nicht, aber".... "Kaffee oder Tee?", "Bitte keine Telefonate..." beginnt das Verhör

Kommissar: Herr Witte, Sie wissen, unter welchem Tatverdacht Sie hier zur Aussage gebeten werden? Sie stehen im Verdacht, mit Sicherheit zumindest der Anstifter, partiell sogar der Durchführer, in jedem Fall der Koordinator von nunmehr 100 Fällen der erfolgreichsten deutschen Fernsehkriminalreihe TATORT zu sein, ganz abgesehen davon, dass Sie auch noch Wiederholungstäter in ähnlich hoher Zahl sind. Wie und wann ist es dazu gekommen?

Witte: Ich muss zu meiner Entlastung zuerst einmal darauf aufmerksam machen, dass TATORT ein "Verbrechen" von 10 Sendern ist einschließlich des ORF, dass es also noch mehr Täter gibt als den, den Sie vor sich sehen.

Kommissar: Das heißt, Sie sind geständig und Sie geben zu, Komplizen zu haben?

Witte: Ja, nette und kollegiale Komplizen, und ich schäme mich meiner, nein, unserer Taten nicht einmal. Wenn ich mich erinnere an den Anfang von TATORT, dann liegt das zum Glück schon lange zurück. Zum Glück darum, weil es schön ist, dass eine Serie mit viel Erfolg und mit doch relativ wenig und wenn, dann angemessener Kritik läuft. TATORT wurde 1970 begonnen und entsprechend früher vorbereitet.

Das war die Zeit, in der das ZDF die größten Anstrengungen machte, der ARD die Zuschauer wegzunehmen. Die große Unterhaltungswelle rollte, und auch wir im Fernsehspiel standen vor der Frage, wie wir dem begegnen können, weil wir ja, wie alle guten Fernsehredakteure, natürlich auch auf hohe Einschaltquoten sehen. Damals gab es eine Menge von Initiativen, und eine Initiative war, dass wir im WDR sagten, warum soll man nicht auch eine deutsche Kriminalserie machen. TATORT war also zuerst mal konzipiert gegen die massiven Unterhaltungsanstrengungen des ZDF. TATORT ist aber auch konzipiert gegen die Vielzahl von ausländischen Serien, vor allem gegen die amerikanischen Krimiserien mit ihren Klischees, vorgestranzten Handlungsmustern. TATORT sollte eben eine richtig deutsche Serie sein.

Kommissar: Hatten Sie für dieses spezielle Muster förderalistisch-kriminalistischer Vielfalt ein Vorbild?

Witte: Nein, die Idee hat kein Vorbild. Ich habe einfach die Schwächen, die die ARD nun mal hat, und unter denen wir ja auch genug leiden, versucht in Stärken umzuwandeln. Ich dachte, warum soll es nicht möglich sein, dass diese neun Sender (ORF kam ja erst später dazu), ihre Regionalität und ihre regionalen Eigenheiten einbringen in eine gemeinsame Serie?

Ich stellte mir das so vor, dass in einem TATORT in Bayern ein Kommissar mit Münchner Akzent auftritt und ein anderer Kommissar in Hamburg mit seinem Hamburgerisch und in Nordrhein-Westfalen eben ein Rheinisch-Westfälischer, so dass Land und Leute einbezogen werden.

Gunther Witte und "sein" TATORT, hier 2008 auf dem medienforum nrw bei der Premiere des TATORTs "Nachtgeflüster". Bild:© WDR/Herby Sachs
Kommissar: Nochmal zurück zu Ihren Komplizen in den anderen Anstalten und zu den Absprachen und Arbeitsteilungen. Wie stimmen Sie sich ab und worin liegt das Geheimnis der für ARD-Verhältnisse reibungslos funktionierende Koordination? Liegt das an ihrer Genialität, an der politischen Harmlosigkeit oder einfach an der Übereinkunft über den Unterhaltungswert des Krimis?

Witte: Ich glaube, es lag und liegt daran, dass alle Kollegen Komplizen geworden sind beim Versuch, spannende Unterhaltung zu bieten und TATORT für eine gute Sache hielten, und mit wenigen Einschränkungen auch vorneherein bereit waren, mizumachen

Kommissar: Gab es nie Eifersüchteleien, wer welchen Coup durchführt, wer dagegen Schmiere stehen muss?

Witte: Ich glaube, das ist ein sehr gesunder Wettbewerb. Wir wissen, dass uns nur ein bestimmtes Potenzial an Autoren, Regisseuren oder Schauspielern zur Verfügung steht, und der Wettbewerb besteht darin, sich die besten zu sichern. Und die Einfälle, die muss man ja auch erst haben.

Kommissar: Eine Kriminaltheorie besagt, dass der Erfolgstäter an der immer gleichen Handschrift seiner Taten zu erkennen ist. Wie ist das beim TATORT in den 100 Fällen? Gibt es da die immer gleiche Handschrift?

Witte: Keineswegs! Die Handschrift ist außergewöhnlich unterschiedlich in den einzelnen Fällen. Das ist ja gerade das förderalistische Konzept. Ich glaube, dass die Machart der einzelnen Fälle so unterschiedlich ist, dass immer wieder Neues auftaucht, den Zuschauern immer wieder neues geboten wird.

Kommissar: Soll das eine Erklärung für das unheimliche Erfolgsmuster des TATORTs sein? Wo liegt das Prinzip des Erfolgs?

Witte: Ich glaube, das Prinzip des Erfolgs liegt ganz klar an der Serie und an nichts anderem. Die einzelnen Fälle für sich sind so unterschiedlich, dass sie einzeln präsentiert sicher nicht den Erfolg hätten, den Sie innerhalb der Serie TATORT haben.

Kommissar: Wenden wir und mal den Opfern zu. Muss es eigentlich so viele Raub- und Mordgeschichten mit so vielen Leichen geben? Haben Sie mal gezählt, wieviel TATORT-Leichen es in 100 Fällen gegeben hat?

Witte: Ich habe sie nicht gezählt, aber ich nehme an, dass es auch fast 100 sein werden, denn Mord und Totschlag sind doch die Delikte, die attraktiv (in Anführungszeichen) sind, die man verwerten kann in Krimis, während kleine Delikte sich ja kaum für die 90-Minuten-Dramaturgie eignen. Um Ihrer unweigerlichen nächsten Frage gleich zuvorzukommen: Ohne Mord und Totschlag geht es nicht.

Kommissar: Haben Sie kein entwickeltes mediales Unrechtsbewußtsein? Wie halten Sie es denn mit der Gewalt im Fernsehen? Wie Helmut Schmidt, wie Felix Schmidt oder wie wer?

Witte: Ich halte es mit der Gewalt wie ein anspruchsvoller Zuschauer, der auch einen guten Krimi, eine gute Unterhaltung erwartet, und die funktioniert nur, wenn - ich sagte es schon - Mord und Totschlag vorkommen, und wenn halt in diesem Krimi auch einiges passiert. Ich glaube auch gar nicht, dass das das Problem ist. Ich glaube, wir werden nicht verzichten können auf die Darstellung von Verbrechen. Die Frage ist, dass wir mit unseren Regisseuren mal darüber reden müssen, wie sie so etwas filmen. Und da werden wir die kritisieren müssen, die das zu spkulativ machen und so echten Anlass bieten, über Gewaltdarstellung im Fernsehen zu schimpfen.

Kommissar: Wer sind denn eigentlich die härtesten Verfolger ihrer Kriminalfilm-Untaten, die Zuschauer, die ängstliche Programmkonferenz oder die Gewerkschaft der Kriminalpolizei?

Witte: Zu den strengsten Verfolgern müsste man die Gewerkschaft der Polizei zählen, die von uns verlangt, dass wir der Kriminalstatistik folgen, das heisst, dass wir prozentual nur so viele Morde zum Gegenstand von TATORT machen, wie auch in der Wirklichkeit vorkommen. Das aber gelingt eben nicht, weil die kleinen Verbrechen, die die Polizei prozentual besonders ausführlich beschäftigen, kein 90-Minuten-Spiel ergeben.

Für Witte der beste TATORT: Reifezeugnis. Hier eine Szene mit Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke. Bild: NDR
Kommissar: Welchen TATORT unter den 100 würden Sie denn für den gelungensten Coup halten?

Witte: Ich meine, dass die besten TATORT-Sendungen die waren, die das Team Petersen/Lichtenfeld/Schwarzkopf gemacht hat. Vielleicht könnte man davon noch den TATORT Reifezeugnis herausheben, der ja international berühmt geworden ist.

Kommissar: Und die Zukunft? Wollen Sie weitere TATORTe verüben?

Witte: Wir haben gerade die Planung für 1980 fertiggestellt, und es spricht überhaupt nichts dafür, danach aufzuhören. Warum sollte man nicht 10 Jahre weitermachen, was uns fast 10 Jahre gelungen ist?

Kommissar: Sie sind sicher der eigenartigste Täter, der einem Kommissar je vorgekommen ist: Geständig, stolz, ohne Reue und weitere Taten schon im Verhör zugebend. Geloben Sie denn wenigstens Besserung?

Witte: Besserung will ich gern geloben, was die Qualität der Geschichten betrifft. Da ist manches doch noch zu konstruiert und erfunden, und vielleicht kann man da auch noch neue Autoren entwickeln, denen noch besseres einfällt.


Das "Verhör" führte Martin Wiebel. Es ist unter dem Titel "Zum 100. TATORT - Verhör mit einem Geständigen" in der Ausgabe 2 des "ARD-Fernsehspiel" im Jahr 1979, Seite 249-253, erschienen.


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