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Heute ist der: 12.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Sonnenwende

Lohnt sich der 1058. TATORT „Sonnenwende“ heute?

Zum zweiten Mal ermitteln die neuen Schwarzwald-Ermittler Berg und Tobler im TATORT. Wir haben uns den TATORT Sonnenwende vorab angeschaut, um die Frage zu klären: Lohnt sich der TATORT? Lieber einschalten oder wegschalten?



Sonnenwende ist der 2. TATORT für die Ermittler Tobler und Berg aus dem Schwarzwald Bild: Pressemappe SWR

Worum geht es im TATORT „Sonnenwende“?

Im tiefen Schwarzwald bricht ein seltsam aus der Zeit gefallenes Schulmädchen mitten im Unterricht während der Gedichtrezitation zusammen und stirbt bald darauf in seinem Zimmer im heimischen Hof. Diagnose: unbehandelte Diabetes. Aber war das wirklich nur eine medizinische Tragödie? Der behandelnde Arzt jedenfalls ist schon in anderen Fällen ungut aufgefallen. Und die betroffene Familie gibt auch einige Rätsel auf.

Und worum geht es wirklich in „Sonnenwende“?

Öko-Nazis! Die TATORT-Expeditionen ins Reich der wilden Randgruppen haben auf einer nebelumwaberten Schwarzwaldlichtung eine neue Art verhaltensauffälliger Sonderlinge entdeckt und erforschen nun ihre Eigenheiten. Bio-Essen, Globalisierungskritik und lokaler, ressourcenschonender Anbau, also grüne Kernthemen, werden hier zur Propaganda von Blut-und-Boden-Fundamentalisten, die die Ideen der Ökos einfach nur einen kleinen Tick weiterdrehen. Denn wenn schon der Apfel möglichst von einer einheimischen, alten, widerstandsfähigen Rasse sein soll zum Wohl der Umwelt und des Landes – warum dann nicht auch gleich der ihn verputzende Mensch?

Trotz ihres Trauerfalls helfen Jugendfreund Volkmar (Nicki von Tempelhoff) und dessen Familienmitglieder (Mitte: Erntehelferin gespielt von Sibylle Schäfer) dem Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) bei der Ernte auf seinem ererbten Hof. © SWR/ Benoît Linder

Da kämpft der Bio-Bauer dann plötzlich nicht nur gegen die Auswüchse einer industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft, sondern auch gegen parallele Trends in der Bevölkerungsentwicklung. Aus Grün wird Braun – eine grimmige Pointe im stockkonservativen, aber grün regierten Ländle mit Bürgermeistern, die bei einem rücksichtslosen Fahrradfahrer schon allein am dunklen Teint zu erkennen vermögen, dass es sich dabei nur um einen Flüchtling handeln kann.

Wie machen sich die Schwarzwald-Kommissare in ihrem zweiten Fall?

Die angenehm unaufgeregte, kollegiale Art des schon zum TATORT-Start (1029.Folge Goldbach) gut eingespielt auftretenden Gespanns Tobler und Berg wird weitergeführt. Berg erweist sich als traditionsverbundener Gemütsmensch, Tobler als etwas taffere, modernere, kritischere Kollegin. So weit, so gelungen. So könnte es gerne weitergehen. Wenn, ja wenn da nicht eine alte TATORT-Krankheit plötzlich wieder auftauchen würde:

Was machen Privatleben und persönliche Verstrickungen der Ermittler?

Sie werden es nicht für möglich halten: Kommissarin Tobler hat Beziehungsprobleme, weil sie sich mehr für ihre Arbeit als für ihren Partner und dessen Kinderwunsch interessiert. Das gab es ja noch nie! Schön, dass ein Drehbuchautor im TATORT endlich einmal auch auf so eine hübsche Idee kommt! Und womit könnte man das noch toppen? Wir sehen die Stoffentwickler grübelnd und einen Kaffee nach dem anderen trinkend im Writer’s Room, da kommt einem plötzlich die erlösende Idee: Wir könnten ja mal einen der Ermittler privat in den Fall verstricken!

Franziska Tobler (Eva Löbau, links) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) sind auf dem Hof der Böttgers eingetroffen, um die Familie zu befragen. Dazu gehört auch Mechthild (Janina Fautz), die jüngere Schwester der toten Sonnhild. © SWR/ Benoît Linder

Alle schauen verwundert auf, murmeln „Das wäre ja wirklich einmal etwas ganz Neues, das gab’s ja noch nie“, aber auch Skepsis macht sich breit: „Persönlich in den Fall verwickeln? Aber wie soll das denn gehen?“ „Na, wir machen einfach, dass der Familienvater des Opfers ein alter Freund des Kommissars ist! Und dass der Kommissar selbst überlegt, den eigenen väterlichen Betrieb weiter voll öko zu bewirtschaften! Was sich da für spannende Konflikte draus ergeben können!“ „Du kriegst die Tür nicht zu!“, ruft jemand begeistert, und die Sache ist beschlossen.

Wie nervenzerfetzend ist „Sonnenwende“ für den Zuschauer?

Mitunter ziemlich stark. Denn der Fall entwickelt sich ausnehmend langsam. Da kann man schon mal minutenlang darauf warten, dass überhaupt mal irgendwas passiert. Stattdessen bewundert man viel Landschaft im Nebel, hört Erntehelferinnen glockenklar Lieder aus der Nazi-Zeit singen und sieht gestrig Gekleidete mit Handy-Phobie durch die Funklöcher stapfen. Kurzum: „Sonnenwende“ ist eher ein langsames Melodram als ein packender Thriller.

Volkmar (Nicki von Tempelhoff, links) und Torsten (David Zimmerschied) sind sehr unterschiedlicher Meinung darüber, wie sie mit den Polizisten umgehen sollen.© SWR/ Benoît Linder

Kein Thriller? Obwohl es auch um einen rätselhaft verstorbenen V-Mann in der Nazi-Szene geht?

Ja, gut. Ein Polit-Thriller wird sozusagen zwischen den Zeilen auch noch entworfen. Denn ein V-Mann der rechtsextremen Szene ist mitten im Gerichtsprozess seltsamerweise ebenfalls an einer unentdeckten Diabetes gestorben. Diabetes, also Zuckerkrankheit! Kein Wunder, so ungesund sich alle heutzutage ernähren und wo in jedem Fertiggericht der Industriezucker lauert. Vielleicht wundert sich deswegen außer Kommissarin Tobler niemand so recht über die Koinzidenz der Fälle, jedenfalls entwickeln weder die medizinische Gerichtsgutachterin noch der Mann vom Verfassungsschutz großen Ehrgeiz, der Geschichte nachzugehen. Sodass sie auch im Film selbst eher im Hintergrund wabert. Nein, ein Polit-Thriller ist „Sonnenwende“ trotz aller bereitstehenden Zutaten kaum, dafür muss viel zu viel traurig geguckt und heimattümelnd gepredigt werden.

Von Gerichtsmedizinerin Dr. Brunner (Christina Große, links) erfahren Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), dass Sonnhild aller Wahrscheinlichkeit nach eines natürlichen Todes gestorben ist. Was vor allem Franziska kaum glauben kann. © SWR/ Benoît Linder

Wie steht es um das Lokalkolorit?

Der SWR scheint der Linie der Bodensee-TATORTe auch im Schwarzwald treu zu bleiben. Viel Landschaft, die irgendwie über allem dräut, von der Welt entkoppelte Protagonisten, die im Nirgendwo leben – nach 90 Minuten in diesem Märchenwald sehnen wir uns nach ein paar Ampeln, etwas Stau und einer ordentlichen Portion Beton.

Wie glaubwürdig ist das alles?

Das Beunruhigendste an der „Sonnenwende“ ist, dass die Hintergründe rund um die Öko-Nazis und die V-Mann-Affäre absolut denkbar sind. Dafür schleichen sich bei der krimi-eigenen Handlung und Personenzeichnung doch einige Zweifel ein, ob das so wirklich plausibel ist. Hier scheinen die Motivationen einzelner Protagonisten doch etwas konstruiert oder überzeichnet, ganz abgesehen von all den Zufällen rund um die persönlichen Verstrickungen.

Die Ausgestaltung der nächtlichen Trauerfeier für Sonnhild Böttger bringt Friedemann (Hans-Jochen Wagner) ins Grübeln … © SWR/ Benoît Linder

Lohnt sich das Einschalten von „Sonnenwende“?

Zwar sind weder das Thema „irre rechte Randgruppen“ noch der eigentliche Kriminalfall sonderlich originell, aber die spezielle Grün-Braun-Verschiebung ist schon ein interessantes Beobachtungsobjekt. Und natürlich will ein echter TATORT-Seher die Entwicklung des noch frischen Teams erst einmal weiterverfolgen, sodass das Einschalten schon allein für Berg und Tobler lohnt. Die beiden stimmen trotz der erwähnten Kritikpunkte weiter hoffnungsfroh für die Zukunft. Ansonsten dümpelt der Zuschauer trotz brisanter politischer Hintergründe etwas arg langsam durch die diversen Heimatbetrachtungen.

In der TATORT-Rangliste werde ich 6 von 10 Punkten vergeben. Ich verbinde das mit dem Wunsch, das auch im zweiten Anlauf noch erfrischend wirkende Ermittlerteam in Zukunft nicht im üblichen Kleinklein der immer gleichen Privatkonflikte und persönlichen Verstrickungen zu verheizen.

Heiko Werning


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