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Heute ist der: 15.12.2018. --> Bis heute wurden 1087 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Sonnenwende

Das Bio-Obst ist braun geworden

Es ist, als wäre der berühmte Bodensee-Nebel vom alten SWR-TATORT-Revier in Konstanz zum neuen weitergewabert. Malerisch ziehen die Schleier über die Wipfel des Schwarzwaldes hinweg. Man kann die gute Landluft fast riechen, so idyllisch künden die Bilder im Krimi "Sonnenwende" von einem Biotop, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Allerdings nur scheinbar.

Torsten und Volkmar verfolgen nicht nur landwirtschaftliche Interessen. © SWR / Benoît Linder

Die älteste Tochter einer Kleinbauernfamilie ist kollabiert und unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Friedemann Berg, der aus der Gegend stammt, kennt die tragisch verstorbene Sonnhild Böttger noch von früher. Reichlich spät werden dem Landliebe-Kommissar die melancholischen Augen geöffnet. Es geht im zweiten Schwarzwald-TATORT um nicht weniger als eine Neonazi-Verschwörung im Ökobauernpelz. Das ist natürlich ein starkes Stück.

Es sieht erst mal gar nicht nach einem Mordfall aus. Und auch nicht nach Ermittlungen. Friedemann Berg, aus "der Stadt" (Freiburg) eilig angereist, spendet seinem alten Freund Volkmar Böttger und dessen trauernder Familie viel Trost. Man umarmt und herzt sich. Auch Friedemanns naturellgemäß skeptischere Kollegin Franziska Tobler spricht manches Beileid aus, ehe sich doch noch ein Kriminalfall auftut.

Hobbybauer Friedemann Berg. © SWR / Benoît Linder

Wie kann es sein, dass Sonnhild Böttger so plötzlich an den Folgen einer Diabetes-Erkrankung stirbt, von der praktisch niemand etwas wusste? Was ist das für ein dubioser Hausarzt, der über "sexuelle Konflikte" als Krankheitsursache philosophiert? Und was ist das für eine seltsame Sippe, die sich in kleinbäuerlicher Abgeschiedenheit dem modernen Leben mit seinen Handys und Computern grimmig verweigert? Und die auffällig bierernst von Blut, Boden und den Traditionen der Ahnen fabuliert, davon dass Land und Leute zusammengehören?

Hobbybauer Friedemann Berg, der den alten Hof des Großvaters bewirtschaftet, lässt sich lange einlullen von den Predigten seines Freundes aus Jugendtagen. Eine Lebensaufgabe sei es, heimische Arten zu schützen, "unbezahlbares Erbgut aus keltischer Zeit". Wunderbar fließend sind da die rhetorischen Übergänge von den Bäumen zu den Menschen gestrickt. Bis es auch dem naivsten Bio-Romantiker wie Schuppen von den Augen fällt. "Unser Artglaube macht uns zu Wehrbauern im Krieg gegen die Umvolkung, zu einem Bollwerk gegen den Volkstod", wettert der völkische Volkmar auf der Beerdigung seiner eigenen Tochter im dramatischen Fackelschein. "Zu einer Schutzmacht für deutsches Blut und deutschen Boden."

Franziska Tobler und Friedemann Berg. © SWR / Benoît Linder

So forsch die Verschwörungsthese, so entschleunigt die Erzählweise. Gemächlich wie ein Oldtimer-Traktor tuckert dieser Ruralkrimi von Regisseur Umut Dag vor sich hin. Sorgsam wird noch eine V-Mann-Geschichte eingeflochten, die an die skandalösen Verwicklungen des Staatsschutzes in den NSU-Fall denken lässt. Worauf es hinausläuft, ist klar wie Morgentau. Alles liegt ausgebreitet da. Keine schwer begreiflichen Verwicklungen wie im jüngsten Franken-TATORT, der ein ähnliches Thema hatte: die rechtsextreme Unterwanderung der bürgerlichen Gesellschaft.

Nein, ein Spannungskrimi ist der zweite TATORT aus dem Landstrich der Kuckucksuhren nicht. Eher ein Anspannungskrimi, der seine Kraft aus der Beklemmung zieht. Und aus der Tatsache, dass dieses Gruselszenario nicht aus der guten Landluft gegriffen ist. "Rund 1.000 völkische Siedler haben das Bauerntum zur Grundlage ihrer Existenz gemacht", schrieb der "Deutschlandfunk" vergangenes Jahr in einer ausführlichen Reportage über eine hermetische Szene, die sich weitgehend unter dem Radar des Verfassungsschutzes in von Landflucht geprägten Gegenden breitmacht. Was die unterschiedlichen Gruppierungen eine, sei der "Glaube an die Überlegenheit des deutschen Volkes, ein rassistisch-antisemitisches Weltbild und die Ablehnung einer weltoffenen und demokratischen Gesellschaft".



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