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Heute ist der: 23.10.2018. --> Bis heute wurden 1082 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Ich töte niemand"

Lohnt sich der TATORT heute?

Einschalten oder wegschalten? Wir haben den neuen TATORT heute aus Nürnberg für Euch vorgeschaut!



Felix Voss freut sich über seine neue Wohnung und begrüßt seine Gäste zur Einweihungsfeier. Kurze Zeit brechen alle zum TATORT am Nürnberger Stadtrand auf. Bild: BR/Luis Zeno Kuhn

Worum geht es?

Ein aus Lybien stammendes Geschwisterpaar wird in einem Haus am Rande Nürnbergs brutal erschlagen aufgefunden. Die Polizei rund um die Hauptkommissare Voss und Ringelhahn ermittelt unter erhöhtem Druck der Öffentlichkeit, denn das Verbrechen schlägt Wellen und führt zu einer großen Anteilnahme für die Opfer. Darüber hinaus ist der Adoptivsohn des Opfers, ein hochbegabter und umschwärmter Student, spurlos verschwunden. Die Ermittlungen ergeben, dass Ahmad vor wenigen Wochen Hauptzeuge in einem Prozess gegen drei Jugendliche, die wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht standen, gewesen ist. Zeugen berichten, dass er sich einige Zeit vor der Tat verfolgt gefühlt hat. Galt ihm die Tat?

Kurz darauf stirbt ein Polizist bei einem Verkehrsunfall unter Einfluss von jeder Menge Anitdepressiva. Frank Leitner war ein enger Freund von Kommissarin Paula Ringelhahn. Sie kann nicht glauben, dass ihr Kollege unter Depressionen litt. Hängen beide Tragödien miteinander zusammen?

Felix Voss - Hat man den Namen nicht vor Kurzem erst gehört?

Ja, erneut einen schönen Gruß aus der ARD-Programmplanung. Nachdem die ARD zwei aufeinanderfolgende TATORTe (Zeit der Frösche und Unter Kriegern) programmiert hat, in denen sonderbare 12-jährige Jungen eine besondere Rolle spielen und das mit dem ziemlich selben Schlussbild endet, kommt es in Ich töte niemand zur Namensdopplung. In Unter Kriegern von letzter Woche noch der Mörder, ist Felix Voss an diesem Sonntag am TATORT Nürnberg der Ermittler.

Ringelhahn und Voss beim Verhör © BR/Luis Zeno Kuhn

Wie sind die Ermittler drauf?

Zum vierten Mal gehen Fabian Hinrichs als Felix Voss und Dagmar Manzel als Paula Ringelhahn in Franken auf Verbrecherjagd. Die beiden Kommissare agieren zusammen mit ihren Stichwortgebern Wanda Goldwasser, Sebastian Fleischer und dem Leiter der Spurensicherung, Michael Schatz, sehr vertraut und ergänzen sich zu einem eingespielten Team.

Das Team ist weit davon entfernt, einen Polizeipsychologen für Teambuilding-Maßnahmen, wie letztens beim POLIZEIRUF 110 in Magdeburg, einzustellen. Einzig die kleinen cholerischen Ausbrüche des Chefs (Stefan Merki) und die persönliche Betroffenheit Ringelhahns im zweiten Teil des Films erschüttern die harmonische Figurenkonstellation etwas.

Wie hoch ist der humoristische Grad der Folge?

Verhördialoge erhalten einen charmanten Anstrich, wenn Voss im Verhör fragt „Ja, wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken? Im Bierhimmel, oder was?“, beziehungsweise Ringelhahn „Tragen Sie falsche Linsen? Oder leiden Sie unter sporadischer Blindheit?“ Ansonsten sehen sich die ZuschauerInnen mit einem Potpourri an Ernsthaftigkeit konfrontiert.

Frank Leitner verfolgt schockiert die Nachrichten im Fernsehen. Seine Frau Gudrun Leitner versucht mit ihm zu sprechen, doch er reagiert nicht. Wenig später ist Frank Leitner tot. Bild: BR/Luis Zeno Kuhn

Was macht der Rest des Schauspielpersonals?

Deren Rollen sind geprägt von Hass, Wut, Trauer und großem Schweigen. Je mehr die Wahrheit ans Licht (und davon gibt es ziemlich wenig in Ich töte niemand) kommt, desto offener und tabuloser entfaltet sich die Gewalt, von der am Ende sogar die Ermittler Gebrauch machen. Rache als handelndes Motiv etabliert sich recht früh in der Handlung und kann auf einige Figuren plausibel angewandt werden. Mit der Zeit wirkt diese Motivation wie auf dem Reißbrett entworfen und durch den zeitlichen Rahmen, den das TATORT-Format vorgibt, nicht ganz schlüssig.

Kann ich den TATORT nebenbei schauen?

Auf keinen Fall.

Regisseur und Autor Max Färberböck verlangt, wie bei seinen bisherigen drei TATORT-Arbeiten (2 mal München: Am Ende des Flurs, Mia san jetzt da wo`s weh tut, 1 mal Franken: Der Himmel ist ein Platz auf Erden), seinem Publikum viel ab.

Das Drehbuch von Färberböck, das er mit Catharina Schuchmann geschrieben hat, ist nicht wendungsreich und die Erzählweise ist nicht sehr flüssig, was durch abrupte Schnitte untermalt wird. Dadurch wirkt auch der Spannungsaufbau sehr holprig und die ZuschauerInnen werden ein wenig in der Luft hängen gelassen. Hinzu kommen Parallelerzählungen und Rückblenden.

Im TATORT "Ich töte niemand" geht es düster und brutal zu. © BR/Luis Zeno Kuhn

Was bleibt nach "Ich töte niemand" hängen?

In jedem Fall die Musik. Zu Beginn schmettert Patti Smith ihren Klassiker „Because the Night“ während Voss´ Einweihungsparty. Ferner spiegeln die Titelsongs „So Far“ von Ólafur Arnalds und „Nightfalls“ von Willy deVille das dunkle Szenario sowohl in Hinblick auf die Lyrics als auch auf die durch die Lieder hervorgerufene melancholische Stimmung wider.

Wird der TATORT im Nachgang für Aufregung im Netz sorgen?

Mit Sicherheit. Ich prophezeie sogar, dass während des Filmes bei manchen ZuschauerInnen die Emotionen in den sozialen Netzwerken hochkochen werden. Es gibt einiges im Angebot: Ermordete Migranten, Verdächtige aus dem rechten Lager, die zugebenermaßen stereotyp plumpe Darstellungsweise eines angesiedelten Fußballvereins und platte Herangehensweise an das Thema Islam. Dinge, die in der Vergangenheit unschöne Reaktionen gegenüber der TATORT-Reihe hervorgebracht haben.

Die Kommissare sorgen für ein bisschen Normalität in diesem düsteren TATORT. Bild: BR/Luis Zeno Kuhn

Lohnt sich das Einschalten bei „Ich töte niemand“?

Durchaus, wenn man bereit ist, den TATORT auch ein zweites Mal zu schauen, um alle Zusammenhänge und jedes Detail mitzubekommen. Ausgiebige Toilettengänge oder Gespräche mit Freunden oder der Familie sind währenddessen nicht vorteilhaft. Die Ermittlungsarbeit ist interessant und nachvollziehbar erzählt, nur bleiben die Motive der handelnden Episodenfiguren ein wenig auf der Strecke. Zudem hält sich der Spannungspegel im mittleren Bereich mit Tendenz nach unten.

Fazit:  Der TATORT Ich töte niemand ist ein düsteres Kapitel, der die ZuschauerInnen unentschlossen und hoffnungslos zurücklässt. Einzig die - mit Abstrichen - ambitionierten und authentischen Ermittler sowie die sympathische Perückenverkäuferin („Ich hab da mal was vorbereitet“), zeigen in diesem Film, dass es in Franken neben Rache und Gewalt auch friedlicher zugehen kann.

Der vierte Franken-TATORT ist kein Highlight der Reihe. Die überambitionierte Story wird durch die Eigenheiten des Regisseurs künstlich aufgeblasen, was das erstmalige Sehen eher zu einer Tortur als zu einem Filmgenuss zum Wochenendausklang macht.

Ich gebe in der TATORT-Rangliste 4,5 von 10 möglichen Punkten.

Rene Ploß


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