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Heute ist der: 07.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Unter Kriegern"

Lohnt sich der TATORT heute?

Einschalten oder wegschalten? Wir haben den neuen TATORT heute aus Frankfurt für Euch vorgeschaut!



Unter Kriegern ist der 7. Fall für Janneke und Brix Bild: HR-Pressemappe

Was für einen Mordfall müssen die Frankfurter TATORT-Kommissare lösen?

In den Kellerräumen des Sportleistungszentrums wird die Leiche des kleinen Malte Rahmani gefunden. Betroffen beginnen die Hauptkommissare Anna Janneke und Paul Brix mit den Ermittlungen. Schnell finden die beiden heraus, dass sich der Hausmeister des Sportleistungszentrums, Sven Brunner, öfter mit Malte abseits des Zentrums getroffen hat. In den folgenden Vernehmungen Brunners suchen Janneke und Brix eindringlich nach der Wahrheit. Das Sportzentrum wird von Joachim Voss äußerst streng und leistungsorientiert geführt – er strebt einen hohen Sportfunktionärsposten an. Auch bei seinem zwölfjährigen Stiefsohn Felix legt Voss großen Wert auf allerhöchstes Niveau, sowohl beim Sport als auch in der Schule. Felix‘ Mutter Meike kann sich gegen die verbalen und körperlichen Demütigungen ihres Ehemanns Joachim kaum wehren – bei denen auch Felix gern mitmacht. Die beiden „Männer“ haben sich gegen sie verbündet. Voss kontrolliert und manipuliert Meike und Felix, indem er Aggressionen schürt und Angst verbreitet, die letztlich in Gewalt münden.

Worum geht’s im neuen Frankfurter TATORT?

Es geht um Leistung, aber vor allem auch um Ängste. Und um die Gewalt, die daraus entsteht. Nicht zuletzt um die Kälte und Lieblosigkeit der Gesellschaft. Ein weites Feld also, dieser Frankfurter TATORT. Damit haben sich die Hessen mal wieder ein gesellschaftliches Thema vorgenommen, das aber recht geschickt verpackt ist, weil es von starken Figuren – allesamt behandlungsbedürftigen Menschen – transportiert wird.

Die Leistungsgesellschaft und einige ihrer Auswüchse zeigt dieser TATORT erschreckend deutlich. Das ist kein „Themen“-TATORT a la Ballauf mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein recht spannungs- und wendungsreiches Familiendrama mit einem kleinen Anteil Mörderraten. Ein klassischer Whodunit, wo sich ein sehr früher Verdacht immer deutlicher abzeichnet – auf erschreckende Weise.

Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch)© HR//Bettina Müller

Spukt es wieder im Frankfurter TATORT?

Nein, die Frankfurter müssen diesmal keine Geister jagen wie in der letzten Folge Fürchte Dich. Aber um mal im Bild zu bleiben: Die Geister, die unsere schonungslose Leistungsgesellschaft gerufen hat, sind jetzt da. Und die spuken jetzt in den Menschen rum, die in Unter Kriegern agieren. In der Schule, im Leistungszentrum, beim Sportbund. Alle wollen weiterkommen. Um jeden Preis und wenn es nicht anders geht: mit Gewalt. Schlapp machen gilt nicht. Die Signale des Körpers, der Umwelt werden ignoriert, Ängste werden weggedrückt. Bekanntlich machen solche Strategien krank und einsam, und das nicht nur in der Schulkantine. Das sehen wir in diesem TATORT eindrucksvoll. Das ist der reinste Horror. Und damit wären wir doch wieder beim letzten Frankfurter TATORT.

Meike (Lina Beckmann) und Joachim Voss (Golo Euler). © HR/ Bettina Müller

Was sind die Stärken dieser Folge?

Die Intensität, die vielen guten Schauspieler und deren Figuren. Die sind zwar alle krank und ziemlich gestört, aber das macht diesen Film stark. Keine Figur bleibt wirklich oberflächlich, auch wenn der Film auf ausschweifende Erklärungen verzichtet, warum diese Figuren genauso geworden sind. Sie handeln einfach und das ist nachvollziehbar. Großartig spielen Line Beckmann und Golo Euler das unglückliche und gestörte Elternpaar. Er will im Sportbund Karriere machen und ist getrieben von einer Kontrollwut, damit ja nichts dazwischenkommt – die Panikattacken seines Körpers als Alarmsignal ignoriert er, wie auch die Tatsache, dass immer mehr schiefläuft und sich seine größte Angst bestätigt, nämlich am Ende doch die Kontrolle zu verlieren.

Meike Voss hat nur ihren Gaul im Kopf - der als einziger Nicht-Fiesling im Film übrigens auf den Namen „Halunke“ hört - und ist sonst als Mutter und Ehefrau den üblen Beschimpfungen von Sohn und Vater ausgesetzt, was sie sehr verunsichert und psychisch labil(er) werden lässt.

Juri Winkler als Sohn Felix spielt seine Figur so unübertroffen gut, dass es einem kalt den Rücken runter läuft. Er ist die zentrale Figur des Films, die aufgewachsen ist in anfangs unsicheren Verhältnissen, auch und gerade emotional gesehen. Er tut alles, um oben zu bleiben, zu bestehen, anerkannt zu werden. Die zielstrebige Kaltblütigkeit, die er ausstrahlt, ist unglaublich.

Der furchtlose Marek Harloff und der brüllende Stefan Konarske überzeugen in ihren Nebenrollen trotz ihrer vordergründigen Eindimensionalität. Sie sind die Reibungsfläche für die Voss` und die Ermittler.

Natürlich überzeichnet der Film die Figuren, er bedient so einige Klischees, aber das wirkt nicht so, als wäre das unrealistisch oder übertrieben. Die kranke kaputte Welt könnte tatsächlich so sein, da draußen.

Sven Brunner (Stefan Konarske), Kristof Waldner (Marek Harloff) und Meike Voss (Lina Beckmann). © HR/ Bettina Müller

Wo liegen die Schwächen dieses Krimis?

Auf der Seite des Polizeiteams, denn das wird kaum bedient.

Janneke und Brix laufen diesmal den Ereignissen nur hinterher, sie beobachten eigentlich nur die ganze Zeit. Anfangs emotional gepackt von dem ersten Mord taktieren sie schnell nur noch rum, schnauzen Verdächtige an und spielen „Good cop, Bad cop“. Mehr gibt das Drehbuch in der Mordsache für sie nicht her. Die private Wohnungssucherei von Brix und Fanny läuft dann nebenbei noch mit, auch die nicht ohne einen gereizten Unterton. Immerhin: Brix will die „Bestie“ fangen, die einen 11-jährigen Jungen qualvoll sterben ließ. Guter Polizist, seine Arbeit ist ihm wichtig!

Meike Voss (Lina Beckmann) und Felix (Juri Winkler). © HR/ Bettina Müller

Für Isaak Dentler als Ermittler-Assistent blieb diesmal fast gar kein Platz und das Drehbuch bedient schon zum dritten Mal in Folge den Chef des Teams, Fosco Cariddi, nicht ausreichend. Wie ideenlos muss man sein, wenn das Drehbuch ihm einfach nur die Fresse polieren lässt und er in einigen Szenen nur schweigend und betreten zuschauten darf? Das hat der Darsteller Bruno Cathomas nicht verdient und man beginnt zu verstehen, warum Roeland Wiesnekker als sein Vorgänger nach 4 Folgen das Handtuch geworfen haben könnte.

Felix (Juri Winkler), Meike Voss (Lina Beckmann) und Paul Brix (Wolfram Koch). © HR

Lohnt sich das Einschalten bei „Unter Kriegern“?

Ab 20.15 Uhr sollte man dabei sein, genügend Getränke und Knabberzeug bereithalten. Pinkelpause verboten! Denn langweilig ist der Film nicht. Es ist ganz spannend, den Entwicklungen zuzusehen und zu beobachten, wie sich eine Familie selbst zerstört. Ein Krimi, wo alles Schlag auf Schlag geht, aber auch nicht so schnell, dass man den Faden verlieren könnte. Aber an dem man dranbleiben möchte.

Zugegeben, der Film wirkt anfangs nicht nur durch Einsatz des Farbfilters vielleicht etwas wirr und abgehoben, aber das verliert sich schnell. Dass wie letzte Woche wieder ein Jugendlicher des Mordes dringend verdächtig ist und sich auch das Schlussbild von letzter Woche nahezu identisch wiederholen wird, ist wohl eher Zufall oder – wieder mal – schlechte Programmplanung.

Dem Film schadet das nicht, im Gegenteil. Der Film leistet sich einen schonungslosen Blick auf Teile unserer empathielosen und krankhaften Leistungsgesellschaft und zeigt, dass wir uns wirklich Unter Kriegern befinden.

Fazit: Ein starkes Stück wie lange nicht mehr. Ein bißchen Gesellschaftsanalyse, ein wenig Krimi, so verpackt sind die Frankfurter TATORTe ja nun schon seit einiger Zeit. Der Film gewinnt durch tolle, intensive Schauspieler und ein wie immer starkes und aufwühlendes Ende bei HR-TATORTen. Da ist auch nach 21.45 Uhr nix mehr in Ordnung!

Mir hat es gut gefallen. Ich spendiere  in der TATORT-Rangliste 7 von 10 möglichen Punkten.

Francois Werner


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