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Heute ist der: 22.06.2018. --> Bis heute wurden 1074 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview

Meret Becker: „Dieses Sodom und Gomorrha – das finde ich unheimlich passend für den Berliner TATORT"

Im Interview mit Meret Becker erzählt die Darstellerin von TATORT-Kommissarin Nina Rubin, wie sie die Figur mitentwickelt hat, warum sie den TATORT "Meta" als "Zwiebel-TATORT" bezeichnet und welche Berliner Folge ihr besonders gut gefällt.

Meret Becker ist seit 2015 in den TATORT-Produktionen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) als Kommissarin Nina Rubin zu sehen. Im rbb-TATORT ermittelt sie gemeinsam mit Kommissar Robert Karow, gespielt von Mark Waschke. Bild: rbb/ Gundula Krause

Wie fühlten Sie sich 2014, als Sie die TATORT-Rolle in Berlin angeboten bekommen haben?

Meret Becker: Man fühlt sich natürlich sehr gebauchpinselt, wenn man da gefragt wird. Aber ich bin nicht jemand gewesen, der sofort Ja geschrien hat. Ich liebe das Kino, ich mach gerne Musik und Kunst. Aber ich bin in einer Familie groß geworden, in der auch Showbusiness sehr gefeiert wird und es auch keine Scheu vor Boulevard gibt. Ich finde ja, dass TATORT tatsächlich Boulevard ist. Als die Anfrage kam, war gerade mein Vater gestorben und irgendwie passte das damals für mich, den TATORT zu machen.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reaktion, als das Angebot kam?

Meret Becker: Die kam über Umwege an mich und deswegen war das nicht so ein plötzlicher Schock. Mich hat jemand über ganz viele Ecken gefragt, der dem Sender ein Konzept für den Berliner TATORT mit mir als Kommissarin vorschlagen wollte. Das Konzept war zwar nicht gewollt, es hieß aber, wir wollen Meret Becker als Kommissarin. So hatte ich mich schon ein paar Nächte vorher mit dem Gedanken beschäftigt und der Frage, wie ich das finde. Danach ging es eigentlich nur noch um das Wie.

Hatten Sie bei der Entwicklung der Figur ein Mitspracherecht?

Meret Becker: Ja. Da gab es schon vorgegebene Dinge – zum Beispiel, dass ich eine Familie, einen Mann und zwei Söhne habe. Was von mir kommt, war der Wunsch, dass die Figur Nina Rubin eine Sexualität hat – und zwar eine möglichst wilde.



Meret Becker über ihren Kollegen Mark Waschke: "Da ist er mir eine Riesenhilfe und ein Geschenk!" Bild: rbb/ Gundula Krause

Warum?

Meret Becker: Ich fand es schon immer komisch, dass TATORT-Kommissarinnen – oder auch Fernseh-Ärztinnen – nicht vögeln. Und wenn, dann nur in Missionarsstellung und alles ganz lieb und brav. Meine Vorstellung von der Arbeit in der Mordkommission war eben auch, dass man diese viele Energie irgendwo abreagieren und loswerden muss und deshalb dieser Wunsch nach einer etwas anderen Darstellung von Sexualität. Das wurde vom Sender dann auch akzeptiert.

... es heißt ja auch, dass Sie Ihre Figur Nina Rubin sehr vehement und immer wieder gegen äußere Einflüsse schützen und sie verteidigen. Stimmt das?

Meret Becker: Ja, wobei wir beide, also auch Mark Waschke, unsere Figuren vehement schützen. Aber es gibt doch noch einen Unterschied. Denn bei mir als Frau, die sich für den TATORT ja eine Darstellung von Sexualität gewünscht hat und der man auch eine sehr spezielle Szene in die erste Folge geschrieben hat, versucht man das oft und sehr schnell wieder wegzunehmen. Ich sollte immer wieder auch typische Frauenbilder spielen. Zumindest gab es diese Versuche. Dagegen wird es meinem Kollegen Mark Waschke ohne große Diskussion und mit einer großen Selbstverständlichkeit gelassen, dass er eine schwule Liebesszene drehen darf. Diese Szene war ja auch toll, weil es noch nie einen TATORT-Kommissar gab, der schwul sein durfte. Ich finde aber, dieses Öffnen steht unseren beiden Figuren zu. Mark hat innerhalb der Diskussion um solche Mißstände eine große Sensibilität entwickelt. Da ist er mir eine Riesenhilfe und ein Geschenk. Es begegnen einem schnell so typische Reaktionen wie "Sei doch nicht so hysterisch" oder "Reg dich nicht so auf". Das ist einfach wahnsinnig anstrengend, das jedes Mal verteidigen zu müssen.

Szene aus Ätzend: Nina Rubin (Meret Becker) und ihr Ex-Mann Victor Rubin (Aleksandar Tesla) haben eine Meinungsverschiedenheit, weil Victor zu spät zum Boxkampf ihres gemeinsamen Sohnes gekommen ist. Bild: rbb/ Volker Roloff

War auch dieses "Gegen den Strom zu schwimmen" der Reiz für Sie, die Rolle anzunehmen?

Meret Becker: Ja, klar. Und dann auch der Reiz, das mit Berlin zu koppeln. Eine Kommissarin in einer anderen Stadt hätte für mich auch gar nicht gepasst. Ich versuche, mit Nina Rubin diese Stadt zu bebildern. Eine Frau zu erzählen, die etwas ruppig und burschikos ist, aber - hoffentlich - das Herz am richtigen Fleck, die eine Familie hat, aber diese Familie nicht wirklich wuppt, die zwischen Beruf und Familie und dieser Stadt aufgerieben wird.

...und eine professionelle Polizistin ist!?

Meret Becker: Genau! Die schafft schon ganz viel, aber sie schafft eben auch ganz viel nicht! Das gehört für mich dazu. Da passt auch sehr schön, dass die Kommissarin jüdisch ist und ein Partytier und Chaot. Und auch dieser Kollege Karow, der schwul oder halbschwul ist, - ich weiß es nicht, ich steck da nicht drin,  jedenfalls dieses Sodom und Gomorrha – das finde ich unheimlich passend für den Berliner TATORT. Es ist auch eine Chance, Regeln aufzubrechen: Wo ist gut, wo ist böse? Dass das fließend ist, das passt ohnehin sehr gut und ganz speziell zu Berlin.

Meret Becker über den neuen TATORT Meta:"META ist eine kleine Verneigung vor dem Kino.", Bild: rbb/ Reiner Bajo

Die neueste Berliner-Folge META haben Sie als "Zwiebel-TATORT“ bezeichnet. Was ist denn ein „Zwiebel-TATORT“?

Meret Becker: Ich habe diese TATORT-Folge mit einer Zwiebel verglichen. Da ist immer noch eine Schicht, die Sie abziehen können und darunter wird etwas Neues zu Tage gefördert. Da kommt erst eine dicke und dann wieder eine dünne Schicht und es hört nie auf. So ist auch unser neuer Film META.

Wie finden Sie META?

Meret Becker: Spannend. Ich denke eigentlich immer, bei Berlin muss man nicht so ausgebuffte Geschichten erfinden, weil Berlin genügend Themen hat. Bei META ist es aber ein wenig erfunden. Es sind natürlich auch viele Wahrheiten drin, aber in dem TATORT geht es diesmal mehr um die Geschichte, als um die Leute in dieser Stadt. Das ist auch sehr schön und auch erlaubt, weil es um die Berlinale geht und die ist ja auch wieder sehr mit Berlin verbunden. META ist eine kleine Verneigung vor dem Kino. Ich finde auch sehr schön, dass das Verhältnis von Karow und Rubin näher beleuchtet wird.

Ach so ein kleiner Einbruch....die Kollegin Rubin geht dem Kollegen Karow in Meta zur Hand. Bild: rbb/ Reiner Bajo

..... um dessen Besserung sich Nina Rubin sehr bemüht in diesem Fall.

Meret Becker: Ja, weil sich Nina Rubin plötzlich ein wenig Sorgen um Karow macht. Die beiden driften ja auch etwas auseinander. Karow hebt etwas ab, während Nina Rubin versucht, auf dem Teppich zu bleiben.

...wobei es gerade die chaotische, emotional-wilde Figur Rubin ist, die rational und nüchtern auf die Fakten reagiert

Meret Becker: Stimmt! Das ist eine neue persönliche Note. Und Karow ist plötzlich seine kalte, kontrollierende Seite los. Da bricht irgendwas auf bei Karow und Nina Rubin versucht, ihn auf den Teppich zurückzuholen.

Regelrecht bewundernswert geduldig reagiert Nina Rubin auf das ewige Geschnippe und Herumkommandieren von Karow. Müsste Rubin da nicht längst mal auf den Tisch hauen?

Meret Becker: Die haut schon mal auf den Tisch, aber gar nicht so viel. Nina Rubin ist ja im Boxstall groß geworden und mit Jungs und Männern aufgewachsen und hat da schon einiges erlebt. Da atmet man ganz schön viel weg, bevor man draufhaut oder zurückschlägt. Die Rubin ist in vielen Situationen einfach auch sehr gelassen und bodenständig. Sie macht ihren Beruf sehr pragmatisch und hält sich an die Regeln, die arbeitet nicht einfach drauf los. Karow ist gerade in diesem Punkt eher wilder, obwohl er ja sonst ein klarer, fast kühler Typ ist.

Meret Becker als Kriminalerin Nina Rubin, Szene aus Das Muli : Meret Becker sagt über sich, dass sie eher dem guten Film als dem Krimigenre verpflichtet ist. Die Klassiker kennt sie aber. Bild: rbb/Frédéric Batie

Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung Ihrer Person geändert, seitdem Sie TATORT-Kommissarin sind?

Meret Becker: Von Null auf 100, gleich nach dem ersten TATORT. Es ist unglaublich, wie viele Menschen den TATORT kennen und schauen. Ich werde zwar noch nicht als "Frau Kommissarin" angesprochen, aber durchaus mal "Du bist doch die Schauspielerin" oder so...

Wie ist das Verhältnis von Meret Becker zum sehr erfolgreichen Krimigenre oder dem TATORT-Hype in Deutschland – Lesen und schauen Sie auch persönlich viel Krimi?

Meret Becker: Also ich kenne viele Klassiker natürlich, ich habe mal Patricia Highsmith gelesen und habe Agatha Christie-Verfilmungen, Miss Marple-Filme, Schirm Charm & Melone usw gesehen, aber sehr krimiaffin bin ich nicht. Ich liebe eher den guten Film und hänge nicht so sehr am Genre Krimi. Als Kind habe ich viel Schimanski gesehen. Den ganzen Kult um den TATORT, dass man das in der Gemeinschaft schaut, habe ich erst viele Jahre später mitbekommen - aber auch nie mitgemacht.

Zum Interview mit dem TATORT-FUNDUS hat Meret Becker ihren abgelaufenen TATORT-Dienstausweis mitgebracht. Bild: FW
Meret Becker hat uns versichert, dass sie einen neuen, gültigen Ausweis besitzt. Bild.FW

Wirklich nicht?

Meret Becker: Naja, ein einziges Mal doch: Als unser erster TATORT-Film ausgestrahlt wurde, haben sich Mark und ich gemeinsam mit Kida Ramadan, der in "DAS MULI" mitgespielt hat, verkleidet. Kida hatte damals wieder einen Vollbart und sah aus wie ein Taliban, ich hatte mir einen Schal um den Kopf gemacht wie so eine Öko-Braut und Mark kam mit einer Seemannsmütze und Bart verkleidet. Man erkannte uns also nicht und dann haben wir uns das heimlich in vier Kreuzberger Kneipen angeschaut, wie die Leute auf den TATORT reagieren. In der letzten Kneipe in der Eisenbahnstraße haben wir dann am Schluss Wunderkerzen angemacht. Da waren etwa 30 Leute und das war wie im Kino, ganz toll. Für mich war das spannend zu sehen, wo lachen die Leute oder wo stöhnen sie. Das macht Spaß!

Gibt es unter den 8 abgedrehten TATORTen aus Berlin mit Meret Becker einen persönlichen Favoriten?

Meret Becker: Ganz klar: die Folge „AMOUR FOU“! Das war das erste Buch, das ich komplett an einem Tag durchgelesen habe. Ich habe eine Leseschwäche und deshalb hat das Seltenheitswert für mich und spricht für die sensationelle Geschichte. Der Film ist wunderschön von Judith Kaufmann fotografiert, Vanessa Jopp ist eh eine meiner Lieblingsregisseure und es ist ein wirklicher Film geworden. Für mich ist es auch der TATORT, der am meisten mit Berlin zusammenhängt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview fand am 24. Januar 2018 in Berlin kurz vor der Premiere von META statt. Die Fragen stellte Francois Werner


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