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Heute ist der: 22.06.2018. --> Bis heute wurden 1074 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Im toten Winkel

Lohnt sich der TATORT heute?

Einschalten oder wegschalten? Wir haben den neuen TATORT heute aus Bremen für Euch vorgeschaut!



Im toten Winkel ist ein Fall für Lürsen und Stedefreund Bild: RB-Pressemappe

Worum geht’s in „Im toten Winkel“?

Der Rentner Horst Claasen tötet seine demenzkranke Frau aus Verzweiflung. Die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund werden mit einem gesellschaftlichen Tabuthema konfrontiert, dem unübersehbaren Notstand in der (häuslichen) Pflege. Insgesamt werden drei Familien(schicksale) gezeigt, die mit der Pflege ihrer Angehörigen überfordert sind.

Zentrale Figur des Krimis ist aber der Gutachter Carsten Kühne. Er führt die Zuschauer und die Ermittler quasi in den häuslichen Pflegealltag ein. Ihnen stockt angesichts der Ungerechtigkeit und der persönlichen Schicksale der Atem. Natürlich geht es letztlich um kriminelle Machenschaften eines Pflegedienstes – der Titel „Im toten Winkel“ ist doppeldeutig sehr treffend.

Ist das wieder ein sog. TATORT-Experiment?

Nein, das ist ein sehr konventionell erzählter TATORT. Ein klassischer Whodunit.  Die Geschichte fährt ausreichend Verdächtige auf, die allesamt ein handfestes Motiv haben und von denen jeder der Mörder sein könnte. Neben dem „Krimikern“ wird noch etwas Gesellschaftskritik in den Fall gemischt. Und natürlich spielt auch die private Seite der Ermittler wieder rein, wohl dosiert: Lürsen und Tochter Helen arbeiten sich an dem Thema auch privat ab, sie liefern Standpunkte für eine mögliche (wünschenswerte) Diskussion. 

Mord aus Liebe? Der Fall konfrontiert das Bremer Ermittlungsteam mit Missständen im Pflegesystem. (v.l.: Senta Claasen (Liane Düsterhöft), Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenenr), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen))© Radio Bremen/Christine Schröder

Ist „Im toten Winkel“ spannend?

Sagen wir mal so: es geht in diesem Krimi zwar um die Mörderjagd und die polizeilichen Ermittlungen. Aber das dominiert die Folge nicht; die Stimmung des Filmes, die Atmosphäre, überlagert den "Krimi" leicht.

Trotzdem ist der Mörder in diesem TATORT gut versteckt, ich finde: die Auflösung ist nicht so vorhersehbar wie oftmals in der Vergangenheit: Kein „Besetzungsmörder“, kein demonstrativ eingeblendetes Detail, das den Täter schon nach 20 Minuten verrät. Man wird gut mitraten können und den falschen Fährten des Drehbuchs folgen. Wirkliche, luftzerreißende Spannung will aber nicht eintreten, es plätschert eher vor sich hin. 

Die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) informieren sich über die Pflegesituation, in der sich das Opfer befunden hat. © Radio Bremen/Christine Schröder

Was sind die Stärken des Films?

Das Thema Pflegenotstand ist stark gewählt. Denn das betrifft uns alle, unweigerlich. Der Film zwingt uns, den Blick auf das zu richten, was wir nicht täglich sehen (wollen) und wovon wir irgendwann betroffen sind: wer pflegt unsere Angehörigen? Wie wird das bezahlt und sind die Geldmittel da gerecht verteilt?

Der Film zollt den vielen Pflegern Respekt. Die vielen Menschen in Deutschland, die tagtäglich ihre Angehörigen pflegen, ob nun in der häuslichen oder stationären Pflege, in Krankenhäusern oder Altenheimen, leisten gesellschaftlich eine Menge; es wird ihnen von Staats wegen und gesellschaftlich aber überhaupt nicht gedankt. 

Dieses Thema in einem Fernsehkrimi wird dem Anspruch der TATORT-Reihe gerecht, sich gesellschaftlich relevanter Dinge anzunehmen. Aber eigentlich erwartet man dies eher in einem Dokumentarfilm, und zeitweise kommt der TATORT auch so daher. Das wird nicht jedem schmecken, weil der TATORT auch etwas ungewohnt, zeitweise unwirklich, erscheint.

Dieter Schaad überzeugt als Rentner Claasen auch in diesem Bremer TATORT sehr. 2009 hatte er schon in Altlasten einen dementen Alzheimerkranken Rentner gespielt. Auch damals stammte das Drehbuch von Kathrin Bühlig. Bild: Radio Bremen/Christine Schröder

Im toten Winkel ist wohltuend leise, und dadurch extrem eindringlich. Auf Filmmusik wird fast komplett verzichtet und wenn sie da ist, bemerkt man sie kaum. Nebengeräusche wirken nah und ungewohnt laut, es gibt wenig Reizüberflutung und keine Ablenkung in dem Film. Das macht den Film sehr intensiv.

Die Schauspielerleistungen sind allesamt sehr gut und beeindruckend. Hervorzuheben sind Dieter Schaad als hilfloser Rentner Claasen, der in diesem Krimi genauso überzeugte wie 2009 als dementer Rentner in der Stuttgarter Folge Altlasten – die übrigens ebenfalls schon Katrin Bühlig schrieb. Und sehr schön anzusehen ist auch das überzeugende Spiel von Peter Heinrich Brix als MDK-Gutachter. 

Was sind die Schwächen des Films?

Der Film könnte etwas flotter erzählt sein. Der unterhaltende Wert des TATORTs ist begrenzt: Kein Witz, kein lässiger Spruch, kein Humor keine Entlastung für den Zuschauer. Der Film wollte seinem ernsten Thema treu bleiben, es nicht gleich wieder demontieren. Das ist nachvollziehbar, macht den Film aber etwas langatmig. Man ertappt sich das eine oder andere Mal schon bei der Frage, wie lange er noch geht. 

Der Gutachter Carsten Kühne ist erschüttert, als er vom Mord an einer seiner Klientinnen erfährt. (v.l.: Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen)) © Radio Bremen/Christine Schröder

Fazit: Lohnt sich der TATORT?

Für die „Krimi“-Puristen, die in den letzten Wochen zu viele Herzkasper hatten zwischen Improvisationen in düsteren Schwarzwaldhotels (Waldlust), den windigen Ereignissen auf einer fiktiven Nordseeinsel (Borowski und das Land zwischen den Meeren) oder dem mehrschichtigen Berlinale-Krimi Meta, wird Im toten Winkel sicher eine willkommene Gelegenheit bieten, sich wieder ganz ruhig und wohlig der gewohnten Mörderjagd auf dem Sofa hinzugeben. Der Täter wird gefangen, die Ordnung wird durch die Ermittler pünktlich um 21.45 Uhr wieder hergestellt sein.

Die Kriminalgeschichte des Films ist ganz solide und nicht vorhersehbar erzählt. Das Milieu wird gut ausgeleuchtet, die Bilder und Figuren sind eindringlich. Der Film legt den Finger gesellschaftskritisch in die Wunde, bietet aber neben einem etwas bemüht wirkenden Abhandeln aller gängigen Argumente und Positionen auch keine Lösungen an. Er hat zeitweise Längen und bietet dem Zuschauer keine unterhaltsam aufbereitete Entlastungen an. Trotzdem - oder gerade deswegen - wird der Film sicher vielen unter die Haut gehen. 

Fazit: Mich hat Im toten Winkel nicht vollends überzeugt. Trotzdem ist das "solider Krimistandard" von der Weser geworden, es gab durchaus schon schlechtere Bremen-TATORTe. Ich gebe in der TATORT-Rangliste diesmal 6,5 von 10 möglichen Punkten.

Francois Werner
TATORT: BREMEN

Als der Rentner Horst Claasen seine demenzkranke Frau tötet, sehen sich die Bremer Ermittler Inga Lürsen  und Stedefreund mit einem gesellschaftlichen Tabuthema konfrontiert. Hat sich Horst Claasen die häusliche Pflege tatsächlich nicht leisten können? Der Gutachter Carsten Kühne führt die Ermittler Schicht um Schicht in den Alltag von Pflegenden ein, die sich aufopferungsvoll um ihre Angehörigen kümmern.. 
TATORT-Erstsendung am Sonntag, 11. März 2018

Mein Zuhause, die Hölle - Eric Leimann über den neuen TATORT aus Bremen


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