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Tollwut

Das Schweigen der Hunde

Schon wieder Zombies! Aber nach den ambivalenten Erfahrungen von NDR-Fahnder Falke auf dem Sektor bekommen es seine WDR-Kollegen aus Dortmund diesmal mit tatsächlich lebenden Toten zu tun – nur andersrum. Die Opfer in diesem ziemlich düsteren Psycho- und Gewalt-Gefängnis-Drama sind nämlich zwar noch nicht gestorben, tragen aber ein tödliches Virus in sich. „Ich bin tot, ich atme nur noch“, erklärt eines von ihnen. Und als halbinformierter Laie reibt man sich zunächst ein wenig verwundert die Augen.

Das Dortmunder Team ermittelt. © WDR / Thomas Kost

Dämonen der Vergangenheit

„Tollwut“? – die Krankheit verbindet man ja eher mit Hunden und Füchsen, weniger als reale Bedrohung für den Menschen. Man kennt sie zwar aus allerlei Metaphern, aber als tatsächliche Gefahr ist das Virus vermutlich keineswegs mehr jedermann präsent. Tollwut – gibt’s da nicht auch was von Ratiopharm? Wir zittern dann doch eher vor Ebola. Aber: Tatsächlich hat die Krankheit nichts von ihrer todbringenden Wucht verloren, sie stellt gleichsam einen noch immer gefährlichen Schatten aus alten Tagen dar. Therapien wirken keineswegs zuverlässig, nicht mal die Impfung verspricht sicheren Schutz, und das Gemeine ist: Wer zu spät kommt, den bestraft der Tod. Wenn sich die Krankheit erst mal im menschlichen Körper richtig ausgebreitet hat, ist schon kaum noch was zu machen. Das Opfer stirbt schließlich unter scheußlichen Krämpfen mit dem sprichwörtlichen „Schaum vorm Mund“. Es ist also durchaus geschickt und gut gewählt für einen Krimi, der tief in die Abgründe der menschlichen Psyche hinabsteigt und sich auf der Ebene unterhalb der eigentlichen Handlung vor allem mit den Dämonen der Vergangenheit beschäftigt, ausgerechnet dieses Virus als extravagantes Mordwerkzeug aus dem Bio-Labor zu befreien.

Der inhaftierte Serienkiller Markus Graf. © WDR / Thomas Kost

Aber von vorn: Schon die Eingangssequenz gibt den Ton an. Kalte Gefängnis-Atmosphäre, zähnefletschende Wachhunde, ein schäumender und zuckender Sterbender. Für Zartbesaitete ist diese Folge aus dem Pott einmal mehr nichts. Der Gefängnisarzt – der ehemals in der Gerichtsmedizin gearbeitet hat und als unglücklicher Verehrer von Kommissarin Bensch in Erinnerung geblieben ist – diagnostiziert bei einem Gefangenen den Tod durch Tollwut. Doch wie konnte der sich infizieren? Tollwut ist ja kein Schnupfen, die Infektion erfolgt nur durch direkte Übertragung von Blut oder Speichel eines bereits erkrankten Tiers oder Menschen über eine offene Wunde. Und Füchse, die bei uns als letztes Reservoir lauern, laufen im Gefängnishof üblicherweise ja auch nicht herum. Die Mordkommission wird also eingeschaltet, allerdings eher unterkühlt empfangen von der Gefängnisleitung, die vor allem eine Panik unter den Häftlingen fürchtet. Und bald schon steht der Verdacht im Raum, dass es genau diese Panik das Ziel der Attacke sein könnte.

Tatsächlich stellt sich nämlich heraus, dass ein mit einem Messer ausgetragener Streit zwischen den Gefangenen wohl zur Übertragung geführt hat. Und das Opfer war nicht der Einzige, der damals verletzt worden ist ... Womit wir beim oben schon erwähnten lebenden Toten wären.

Der Gefängnisarzt Zander ist dem Tode geweiht. © WDR / Thomas Kost

Hannibals Erbe

Kommissar Faber aber trägt auch so etwas wie eine tödliche Infektion in sich. Seine Frau und seine Tochter starben einst, vermutlich ermordet. Seither torkelt der Mann selbst wie ein Zombie durch das Leben und vor allem durch seine Ermittlungen, mit beunruhigender Empathie für das Böse im Menschen und mit offensichtlicher Unfähigkeit, normale zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, mit den Kollegen etwa. Über die vergangenen Folgen hat sich daraus ein Konflikt mit dem jungen Kollegen Kossik hochgeschaukelt, der, wir erinnern uns, nicht nur ein Disziplinarverfahren gegen seinen Chef angestrengt hat, sondern in der letzten Folge auch zum Opfer von Terroristen wurde. Ob er überlebt hat oder nicht, wird hier nicht verraten, auf jeden Fall – man wusste es ja schon, weil Darsteller Stefan Konarske seinen Ausstieg öffentlich verkündet hatte – ist er nicht mehr im Team. Was die interne Lage aber keineswegs entspannt, denn Kossiks Kollegin und Kurzzeitgeliebte Nora Dalay scheint Faber für alles verantwortlich zu machen und droht, das Team endgültig zu sprengen.

Während Faber sich abmüht, die Folgen der Verletzungen, die er anderen beigebracht hat, wieder einzufangen, wird er selbst an seine größte eigene Wunde nicht nur erinnert: Sie wird gewaltsam wieder aufgerissen. Denn in eben jenem Knast sitzt ein alter Bekannter ein. Der pädophile Serienmörder Markus Graf ist wieder da, der in den Tod von Fabers Angehörigen zumindest verwickelt war, womöglich sogar als Täter; die Vorkommnisse der Vergangenheit sind auch nach zehn Dortmunder Fällen nicht wirklich aufgeklärt. Graf gibt den kultivierten Psychopathen wie einst Hannibal Lecter im „Schweigen der Lämmer“, und wie Clarice Starling begibt sich auch Faber in den dunklen Keller seiner Ängste und inneren Verheerungen, um mit Graf Kontakt aufzunehmen, dem die Nähe zu seinem Häscher ein psychopathisches Bedürfnis ist. Die Seelenverwandtschaft der gestörten Charaktere diesseits und jenseits der Seite von Recht und Moral – kein neues Motiv, aber wenn es so überzeugend vorgebracht wird wie hier, kann man sich seiner Faszination nicht entziehen. Faber vermutet zum einen, dass die rätselhaften Vorkommnisse um das tödliche Virus mit Graf zu tun haben, zumindest aber, dass die hochintelligente, künstlerisch veranlagte Bestie etwas über die Vorgänge weiß, obwohl sich auf der oberen Ermittlungsebene, die die Kommissarinnen Boenisch und Dalay lieber verfolgen, eher der Verdacht aufdrängt, dass die albanische Mafia, die im Knast ebenfalls vertreten ist, mit dem Bio-Attentat zu tun hat.

Der Strafgefangene Nico Rattay spielt ein dubioses Spiel. © WDR / Thomas Kost

Dunkler Gefängnis-Thriller

„Tollwut“ ist ein dicht gepackter, dunkler Gefängnis-Thriller von teils nervös machender Intensität mit echten Gruselmomenten. Wenn Graf Fabers Tochter in Lolita-Position malt, fühlt man den kalten Schauer aufs gemütliche Sonntagabendsofa kriechen. Die Geschichte ist verwinkelt und wendungsreich, wirkt aber trotz einiger abenteuerlicher Voraussetzungen jederzeit plausibel. Und so sehen wir nicht nur den Tollwut-Infizierten bei ihrem hoffnungslosen Überlebenskampf zu, sondern auch Faber bei seinem nicht minder verzweifelten Ringen um sein psychisches Überleben, sowohl im Kampf gegen seine Dämonen als auch um seine schwer gestörte Ersatzfamilie auf dem Kommissariat. Der Dortmunder TATORT-Ableger beweist mit dieser Folge einmal mehr seine Klasse und zeigt, dass nicht nur horizontales Erzählen über die lange Strecke zwischen den einzelnen Folgen funktionieren kann, sondern auch, dass man selbst mit den zerstörtesten Charakteren mitfiebert, wenn sie so überzeugend dargestellt werden wie Faber und seine Kollegen und Gegner.

Heiko Werning


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