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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Dunkle Zeit

Gespaltenes Land

In gewisser Weise hat das norddeutsche Bundespolizei-Ermittlerduo Falke/Grosz auch in seinem seltsamerweise nur drei Wochen nach ihrem Vorgängerfilm ausgestrahlten neuen Fall gleich wieder mit Zombies zu tun. Aber während die Öko-Groteske auf dem Land eher als ebenso unglaubwürdige wie ungewollt komisch gescheiterte Annäherung an das Reich der Untoten in Erinnerung bleibt, sind die Gestalten, die sich jetzt aus den Gräbern der Vergangenheit erhoben haben, hyperreal: Der NDR widmet sich also der AfD, die mittlerweile mit landesweit zehn bis zwanzig Prozent in den Parlamenten sitzt. Es ist halt wie in jedem klassischen Horrorstreifen: Das Grauen, es lebt mitten unter uns.

Demonstranten beim Parteitag der Neuen Patrioten. © NDR / Christine Schroeder

Brisanter Stoff also für die Leuchtturm-Reihe des deutschen Fernsehens. Aber der TATORT hat schließlich schon immer die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Debatten abgebildet, und nach diversen Filmen über Flüchtlinge, Identitäre und besorgte Bürger ist es nur folgerichtig, nun die parlamentarischen Folgen dieser Geschehnisse ins Visier zu nehmen. Glücklicherweise ist es dem NDR gelungen, dafür den ebenso routinierten wie renommierten Autor und Regisseur Niki Stein zu gewinnen, der sich für den TATORT zuvor u. a. auch schon erfolgreich an das Desaster rund um Stuttgart 21 gewagt hatte. Er ist klug genug, die Geschichte über die Dunkle Zeit mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anzugehen und auf ambitionierte filmische Extravaganzen zu verzichten. Dafür erzählt er vor dem Hintergrund des erstarkenden parlamentarischen Rechtspopulismus einen klassisch gebauten Polit-Thriller.

Prolo-Cop gegen kühle Patriotin

Denn die Erfolge der Rechten (im Film heißen sie „Neue Patrioten“) provozieren Widerstand, auch militanten. Morddrohungen gegen das Spitzenpersonal gehören zur Alltagsroutine, das Web-Video aber, das nun aufgetaucht ist, wird von der Polizei ernst genommen: Denn die Chefin der Neuen Patrioten wurde ganz persönlich ins Visier genommen – das Fadenkreuz schwebt über ihrem privaten Anwesen, die Linksextremisten müssen tatsächlich vor Ort gewesen sein. Daher werden Falke und Grosz zum Schutz der Spitzenpolitikerin abgeordnet, was eine hübsche Konstellation ergibt: Gerade Kommissar Falke, dessen Rollenbiographie ihn von Anfang an als linken, impulsiven, aus dem Brennpunktbezirk Hamburg-Billstedt stammenden Prolo-Cop gezeichnet hat, soll sich nun also schützend vor die elitäre, neurechte, kühle Patriotin stellen, was seiner ohnehin schon mittlerweile berüchtigten schlechten Laune zunächst ordentlich Vorschub leistet, zumal er die Drohungen weit weniger ernst nimmt als seine Vorgesetzten. Zunächst.

Die Parteivorsitzenden vor der Presse. © NDR / Christine Schroeder

Dass polizeiliche Arbeit Not tut, ist dann allerdings kurz darauf nicht mehr von der Hand zu weisen, als eine Autobombe den Wagen der Politikerin in die Luft fliegen lässt. Am Steuer saß allerdings nicht die Patriotin selbst, die kurzfristig einen Termin verschieben musste, sondern stattdessen ihr Mann, der allerdings ebenfalls in der Führungsriege der Partei mitgemischt hat. Wie wir als Zuschauer allerdings wissen, weil wir kurz vor der Explosion Zeuge seines Telefonats mit einem Parteigenossen werden, war er kurz davor, auszusteigen, zum einen wohl aus persönlichen Motiven, denn er zetert über den neuen „Deckhengst“ seiner Angetrauten, ein weiterer Parteifreund, zum anderen aus politischen Gründen. Womit wir endgültig in der Realität der AfD im Jahr 2017 angekommen wären – hier war die Wirklichkeit sogar schneller als die fiktive Handlung, denn bekanntlich ist Frauke Petry, die hier unübersehbar als Vorlage für Nina Schramm (übrigens vorzüglich verkörpert von Anja Kling) diente, zum Zeitpunkt der Ausstrahlung längst Parteigeschichte und hat sich mit ihrem neuen Mann abgespalten, um mit „Den Blauen“ einen weiteren Versuch zu starten. Einen solchen Namen allerdings hätte sich kein TATORT-Autor auszudenken getraut.

Verschwörung, Terrorismus, Eifersucht?

Niki Stein lässt also die Realität in Dunkle Zeit hinter sich und setzt vielmehr auf halbwegs glaubwürdige Szenarien. Waren es also tatsächlich Linksterroristen, die die neurechte Ikone ausschalten wollte? Oder waren es parteiinterne Gegner, die vor allem den Gatten am Austreten und Auspacken final hindern wollten und dabei gleich noch die Gunst der Stunde nutzen, um sich in ihrer liebsten Rolle als Opfer inszenieren zu können? War’s am Ende gar eine größer angelegte Verschwörung, denn im Hintergrund dräut noch ein Steve-Bannon-artiger Rechts-Blogger, der die aus seiner Sicht letztlich doch bürgerlich-verweichlichten Rechtspopulisten nur als Vehikel für die anstehende knallharte rechte Revolution betrachtet – oder ist es am Ende doch sogar nur eine triviale Eifersuchtsgeschichte? Ein klassischer Whodunnit also im Gewand des Polit-Thrillers. Klagen jedenfalls, dass vor Inhalt kein ordentlicher Krimi geboten würde, gehen diesmal ins Leere.

In der Wohnung eines Verdächtigen Linksextremen. © NDR / Christine Schroeder

Niki Stein verzichtet dankenswerterweise auf schablonenhafte Belehrungsdialoge und allzu karikaturenhafte Figuren. Vor allem Nina Schramm als Hauptexponentin wird nicht vorgeführt, sondern sie führt sich und ihre Gesinnungsgenossen selbst vor, in dem sie agiert, wie diese eben so agieren, und spricht, wie Rechtspopulisten sprechen. Mal schimpft sie auf das System und die Polizei, mal versucht sie, die Polizisten zu umgarnen und sich als einzig wahre Interessensvertreterin für die geschundenen Ordnungshüter zu inszenieren. Aber als Falke sich das in einer kleinen Wutrede gegen die Wutbürgerin mit Verweis auf seine Billstedter Herkunft verbittet und dabei eine kleine, rührende Multikulti-Geschichte pathetisch vorträgt, lässt sie ihn ungerührt auflaufen mit dem Hinweis, dass die Neuen Patrioten ebendort eines ihrer besten Wahlergebnisse erzielt hätten. So sieht sie halt aus, die Wirklichkeit da draußen. Kollegin Grosz wiederum lässt die anti-islamischen Parolen schroff abperlen – sie hat in Afghanistan andere Realitäten erlebt. Damit erweist sich das Ermittlerteam als ideal, um stellvertretend  für die Debatten im Land die Auseinandersetzung im Film zu führen. Dass Stein konsequent darauf verzichtet, die Rechtspopulistin zu dämonisieren oder zu überzeichnen, ihr sogar durchaus auch Ambivalenzen und eine gewisse charakterliche Tiefe zugesteht, tut der Sache gut. Gerade diese Normalität führt hier nicht zur Verharmlosung, sondern lässt einen mitunter erst recht einen Schauer über den Rücken laufen.

Bonnie and Clyde an der Elbe

Der Parallelstrang der Handlung widmet sich den Linksextremisten, ohne die übliche und billige Extremismus-Aufrechnung zu betreiben. Auch hier ist der Film etwas von der Wirklichkeit überholt worden – die nachgestellten Protesttumulte angesichts der Patrioten-Veranstaltungen fanden in der Realität zuvor im Zuge des G20-Gipfels tatsächlich statt. Da hätte man vermutlich viel Geld sparen können, wenn man einfach da mitgefilmt hätte. Dass der junge, sich radikalisierende Idealist, der hier filmisch begleitet wird, im Vergleich zur Oberpatriotin etwas blass und schablonenhaft bleibt, ist wohl auch dem für die Stoffmenge zu knappen Zeit-Budget geschuldet. Die kleine Bonnie-and-Clyde-Geschichte, die sich hier entwickelt, sorgt zumindest für die nötige Spannung, wenn der Showdown dann doch auch etwas sehr mit der Brechstange daherkommt.

Aber was soll’s, insgesamt gelingt dem Film der Spagat zwischen dem Anspruch nach Thematisierung der gespaltenen politischen Großwetterlage des Landes und einem durchaus rasanten Krimi. Dass das Team Falke/Grosz dabei eine gute Figur macht, lässt hoffen, dass der NDR sich nicht abschrecken lässt von den zuletzt etwas enttäuschenden Zustimmungsraten für diesen Ableger der TATORT-Familie. Es steckt noch viel Potenzial in Falke & Co.

Heiko Werning
 


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