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Heute ist der: 22.07.2018. --> Bis heute wurden 1075 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Hardcore

Zerstörerisch wie eine Bombe

Wir sind Weltmeister - im Fußball und im Pornogucken: Mit 12,4 Prozent des weltweiten Traffics von pornografischen Inhalten lagen die Deutschen 2015 vor Spanien, England und den USA. Jede vierte Anfrage im Internet dreht sich um Pornografie, Statistiker reden von 68 Millionen Suchanfragen täglich; mehr als zwei Drittel aller Männer sowie ein Drittel aller Frauen besuchen hierzulande mindestens einmal im Monat eine Porno-Webseite.

Frauenleiche am Planschbecken. © BR / Hagen Keller

So viel Hintergrund muss sein, um zu realisieren, dass so ein Milieukrimi überfällig war: Der TATORT "Hardcore" greift ein relevantes, reizvolles, aber auch überaus intimes, hinter Haus-, Wohnungs- und Bürotüren verborgenes, tabuisiertes Thema auf. Heikler geht es nicht. Tatsächlich wird schon nach drei Minuten manchem TATORT-Fan das große Fragezeichen ins rot anlaufende Gesicht geschrieben stehen, und es ist davon auszugehen, dass der Krimi die Google-Statistiken in Sachen Pornografie-Anfragen kurzzeitig weiter in die Höhe treiben wird - oder hätten Sie gewusst, dass das Akronym "ATM" noch auf etwas anderes als Cash-Automaten verweist?

"Let's talk about Sex"? - Das war in den 80-ern. Heute reden wir über Porno, Hardcore und über sehr viel nicht Zitierfähiges, was unter diesen Begriffen subsumiert wird. Der Film kommt zwar weitgehend ohne Sexszenen aus und ist alles andere als eine Einladung zum Voyeurismus, aber man eiert auch nicht um den heißen Brei herum. Mithin wird es eklig. Aber wenn jemand mit unappetitlichen Untiefen umzugehen weiß, dann ja wohl die Münchner Kommissare.

Gespräch unter Männern in der Drehpause. © BR / Hagen Keller

Batic und Leitmayr führen den Zuschauer souverän wie eh und je durch den knietiefen Morast. Was man beinahe wörtlich nehmen kann. Alles beginnt mit der Leiche einer jungen Frau, die in einem kargen Dachgeschossloft gefunden wird. Sie liegt in Dessous neben einem Planschbecken, das mit Ejakulat und Urin gefüllt ist. "Ein Geruch, wie bei uns auf'm Herrnklo", stöhnt Batic. Offenbar wurde das Opfer stranguliert - nachdem es mit Dutzenden Männern Geschlechtsverkehr hatte. Freiwillig? Gipfel der Pikanterie ist jedenfalls, dass der Pathologe ein Gros der Samenflüssigkeit im Magen der Frau ausmacht. Schnell ist klar: Hier wurde ein Liebesfilm gedreht, aber keiner der Sorte Pilcher und Co. Noch Fragen? Ja. Nur, will man die jetzt überhaupt noch beantwortet bekommen? Im TATORT?

Stellvertretend für den unwissenden Teil der Zuschauerschaft erledigen die Kommissare den peinlichen Job nach bester Manier: Sie staunen, aber werten nicht, und arbeiten sich in aller Sachlichkeit hinein ins Epizentrum eines Schmuddeldreiecks aus Porno-Produzenten, -Darstellern und -Konsumenten. Nebenbei führen sie im Dienst-BMW moralische Debatten, weil ein gerüttelt Maß an Didaktik zur Primetime im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei dem Stoff natürlich unerlässlich ist. "Das ganze Scheißzeug ist frei verfügbar für jeden Zehnjährigen auf'm Schulhof. Das versaut die doch für ewig", weiß Batic beizutragen. Die mithin allzu schulmeisterliche Deklination der Materie ist aber das Einzige, was hier stört. "Hardcore" ist ansonsten kein Aufklärungsfilm für Prüde und sexuell Unterbelichtete, sondern ein herausragender TATORT, der sein Thema und seine Protagonisten ernst nimmt.

Stella Harms will mit ihrem alten Leben nichts mehr zu tun haben. © BR / Hagen Keller

Hinter allen Klischees agieren eben auch in der glibberigsten Porno-Szene echte Menschen. Da sind neben einigen großartig schräg angerissenen Fachkräften der Hardcore-Industrie auch reihenweise gebrochene Charaktere zu finden, solche, die ein Doppelleben führen, wie Stella Harms: eine Freundin und ehemalige Kollegin des Opfers, die mit dem Drehen aufgehört hat und mit Mann, Kind und Reihenhaus nun auf Familie macht. Früher schlief und arbeitete sie von Berufs wegen mit Hunderten Männern, auch mit dem selbsternannten "Cumshot-King" Sam Jordan. Nach außen gibt er den Strahleproleten, aber im Grunde ist er genauso eine arme Sau wie sein Kollege Olli Hauer, Chef der Firma "Fickflix", der den Dreh der Mordnacht organisiert hatte und in finanziellen Nöten steckt. Statt Glamour gibt es in dem Milieu nur Existenzängste, der digitale Wandel treibt auch die Pornomacher vor sich her.

Selbstredend sind die Ermittlungen, wenn sie nicht gerade im Verhörraum stattfinden, eine einzige Schau, voller Einstellungen für die TATORT-Ahnengalerie: Batic und Leitmayr auf der Swingerparty - man stelle sich das vor! Viel Brisantes, Packendes, Originelles liegt hier so dicht beieinander, da hätte es den Drehbuchkniff, dass die tote Darstellerin eine Studentin aus gutem Hause, ja sogar die Tochter des Oberstaatsanwaltes Rudolf Kysela ist, wirklich nicht gebraucht.

Beim Ermitteln auf der Swinger-Party. © BR / Hagen Keller

Weshalb der Schmuddelstoff von den Sendern bislang kaum mit der Kneifzange angefasst wurde, liegt auf der Hand. Es galt das ungeschriebene Gesetz, dass es unmöglich ist, Pornografie zugleich realitätsnah und TV-tauglich zu erzählen. Regisseur Philip Koch, der mit Bartosz Grudziecki das Drehbuch schrieb, hat sich der Gratwanderung gestellt, was die BR-Produktion per se zu einem, soll man sagen, Höhepunkt der TATORT-Historie macht. Aber es geht um mehr als das bloße Event: Was der Zuschauer aus diesem Ereignis von einem TV-Krimi mitnimmt, ist die Ahnung, dass Pornografie das zerstörende Potenzial einer Bombe hat. Am Ende ist alles kaputt: Geschäfte, Familien, Seelen, Menschen. Sex und Erotik? Schnee von gestern! Das wäre mehr als genug Stoff für eine ganze Serie gewesen, aber so weit sind wir im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dann doch noch nicht.

"Die Entscheidung für das Thema Pornografie liegt in unserer übersexualisierten Welt nahe", erklärt Produzentin Kirsten Hager. "Das Thema primetimekompatibel zu gestalten, verlangt allerdings viel Fingerspitzengefühl und ist nur in engem Schulterschluss mit Redaktion, Regie und Jugendschutz zu leisten. Wir können mit Sicherheit sagen, dass dieser Dreh sehr skurril war und uns thematisch in ein Universum katapultiert hat, das uns viel Toleranz gegenüber den unterschiedlichen 'Neigungen' der Menschen abverlangt hat."

Frank Rauscher
Teleschau Mediendienst


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