Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und das Fest des Nordens

Wackliges aus Kiel

Hier der Versuch einer Inhaltsangabe mit einfachen Worten: Die Kieler Kommissare suchen einen Doppelmörder. Der Zuschauer weiß, um wen es sich handelt. Die Kamera war schließlich gleich zu Beginn vor Ort, als Roman Eggers in Wut seine Freundin erschlug. Ein weiterer Mord, ebenso im Affekt, folgt. Ganz offensichtlich ist der Mann dabei, seinen Verstand zu verlieren. Wie viele Menschen wird er noch töten? Ist gar ein Anschlag geplant?

Die Kieler Woche hat begonnen. © NDR / Christine Schroeder

Eggers hat ganz offensichtlich bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Sprengstoff mitgehen lassen. Dazu kommt: Es ist Kieler Woche, die Stadt ist voll von Touristen. In mühsamer Kleinarbeit versuchen Klaus Borowski und Sarah Brandt zunächst, die Identität des Mörders festzustellen, um ihn dann dingfest zu machen. So also ließe es sich zusammenfassen, was in diesem TATORT geschieht. Nur: das, was der Zuschauer dann zu sehen bekommt, ist anders. Sehr anders.

Dogma 95, das Manifest der dänischen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg, kommt einem früh in den Sinn. Tatsächlich halten sich Regisseur Jan Bonny und sein Kameramann Jakob Beurle an viele der vor gut 20 Jahren formulierten zehn Regeln des wirklichkeitsgetreuen Films. Hier wird nichts verfremdet, hier gibt's kein künstliches Licht, wenn die Umgebung eben dunkel ist. Und vor allem: Die Handkamera regiert. Tatsächlich sieht das dann so aus, dass sie immer wieder den Figuren hinterhereilt, sie heftig wackelnd von hinten zeigt und jede Sekunde Stillstand als Erholung wahrgenommen wird. Ungewöhnliche Schnitte reihen ungewöhnliche Bilder aneinander.

Roman Eggers hat keine Chance mehr. © NDR / Christine Schroeder

Dazu kommt: Dieser TATORT mit dem so charmanten Titel "Borowski und das Fest des Nordens" ist nichts für schwache Nerven. Nicht etwa, weil er außergewöhnlich spannend wäre. Viel mehr zeigt er Gewalt als das, was sie ist: ungemein verstörend. Wer hier getötet wird, schreit davor, leidet. Wer verprügelt wird, weint, wimmert, jammert.

Immer mittendrin: Misel Maticevic als Roman Eggers. "Der Mann agiert mit dermaßen viel Wucht und Vehemenz, dass ich abends nach den Dreh immer total erschöpft ins Bett gefallen bin", sagt der Schauspieler über seine Rolle, und das glaubt man sofort. Gleich zu Beginn sucht er überraschend seine Ex-Frau und die beiden Kinder auf. Es folgt kein Streit im TV-bekannten Sinne, bei dem lautstark brav hintereinander argumentiert wird. Hier wird ekstatisch durcheinandergebrüllt. Das Leben des Roman Eggers ist aus den Fugen, das ist klar. Die Frage nach dem Warum wird in der Folge jedoch nur ansatzweise erklärt. Der Film stürzt sich mitten hinein in dieses Chaos eines Mannes, aus dem es natürlich keinen Ausweg mehr geben wird.

Borowski und Brandt befragen den ehemaligen Personalchef von Roman. © NDR / Christine Schroeder

Die artifizielle Darstellung dieses Dilemmas beschränkt sich jedoch nicht auf den Täter. Jan Bonny zeigt auch seine Hauptfigur so. Klaus Borowski war vor Jahren noch ein in sich gekehrter, mürrischer Grantler mit menschenfeindlichen Zügen. Dann wurde er mehrheitsfähig, liebte sogar und war eigentlich ein netter Kerl. Hier nun ist er einigermaßen irre. Er haut sich Wein in Massen rein, trägt asiatische Bedienungen auf seinen Schultern durch Kiel und sagt über den Täter Sätze wie: "Er ist vor schon vor Jahren gestorben, aber er weiß es nicht oder er will es nicht wahrhaben. Er ist ein Geist." Das klingt schön, ist kriminalpsychologisch aber mindestens forsch. Wie dieser verquere Polizist jemals eines Verbrechers habhaft werden konnte, fragt man sich dann schon irgendwann. Immerhin: Seine Kollegin Sarah Brandt bleibt auf dem Boden der Tatsachen und ist in diesem Film der einzige halbwegs normale Mensch.

Es ist übrigens ihr letzter Auftritt. Auf eigenen Wunsch verlässt Sibel Kekilli den Kieler TATORT. Einen expliziten Abschied gibt es nicht, was daran liegt, dass der Film bereits Mitte 2015 gedreht wurde, seither aber auf Eis lag. Der NDR suchte zur Ausstrahlung die zeitliche Nähe zur realen Kieler Woche (17. bis 25. Juni), auch wenn dieses Ereignis eigentlich nur eine kleine Nebenrolle spielt.

Eine Prognose: Die einen werden es loben, dieses cineastische Wagnis, das Grenzen der Sehgewohnheiten am Sonntagabend mutig überschreitet. Die anderen werden weg- oder gar nicht erst einschalten bei diesem stilistisch extrem polarisierenden Film. Es ist der vorerst letzte TATORT, danach beginnt die Sommerpause mit Wiederholungen.

Kai-Oliver Derks
Teleschau Mediendienst
 
 


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3