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Heute ist der: 22.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Der Tod ist unser ganzes Leben

Ein einziger großer Fehler

Wenn Kriminalpolizisten ins Philosophieren geraten, wird es selten erbaulich. "Jemand hat mal gesagt, unser Beruf ist ein einziger großer Fehler. Und das warst du!", knurrt ein aschfahler Ivo Batic aus dem Krankenbett. "Wir waren beide besoffen", windet sich der zitierte Franz Leitmayr. Aber keine Chance! Der abtrünnige Kollege Carlo, vor einiger Zeit nach Thailand ausgewandert, wie man weiß, habe seine Frau und sein Leben, stöhnt Batic. "Und wir? Keine Frau und kein Leben. Nur Leichen. Der Tod ist unser ganzes Leben."

Spurensuche am Ort des Geschehens. © BR / X Filme / Hagen Keller

Das ist natürlich ein klangvoller Satz: "Der Tod ist unser ganzes Leben." Er ist zugleich der Titel dieser leichenbitteren TATORT-Folge, die eine Fortsetzung des vorletzten Sonntagskrimis aus München ist. In der verstörend guten Episode "Die Wahrheit", gesendet im Oktober 2016, konnten die beiden Kommissare den Mörder eines Zufallsopfers nicht ermitteln. Das wird nun geradegerückt. Allerdings zu einem hohen Preis.

Über Monate hatten sich Batic und Leitmayr durch fruchtlose Ermittlungen gequält. Am Ende wären sie fast dem Wahnsinn und dem Alkohol anheimgefallen. Und den Täter hatten sie beim Abspann immer noch nicht. Wer hat den Familienvater Ben Schröder am helllichten Tag vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes offenbar aus purer Mordlust erstochen?

Jetzt kann Leitmayr den Fall endlich zu den Akten legen. © BR / X Filme / Hagen Keller

"Die Wahrheit" hieß diese aufwühlend kluge Meditation darüber, dass "Wahrheit" im kriminalistischen Sinn nicht immer mit mathematischer Präzision festzustellen ist. Fraglos ein Ausnahme-Krimi, lose angelehnt an den authentischen und nach wie vor nicht aufgeklärten "Isar-Mord" vom Mai 2013. Gerade weil entgegen der TATORT-Tradition einmal darauf verzichtet wurde, Recht und Ordnung zur Beruhigung des Publikums wiederherzustellen.

So lange war der Killer ein Phantom, doch nun ist er da. "Einfach so", wie Batic ungläubig aus dem Off bemerkt. Der Messerstecher von damals hat wieder zugeschlagen, wieder an einem belebten Platz mitten am Tage, wieder gibt es ein Zufallsopfer (das mit knapper Not überlebt). Doch diesmal wurde die Wahnsinnstat von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Als Batic und Leitmayr den Museumswärter Thomas Barthold an seiner Arbeitsstelle antreffen, streckt er seine Hände bereitwillig den Handschellen entgegen. Mit einem aufreizenden Grinsen im Gesicht.

Batic wurde von einer Kugel an der Hüfte getroffen. © BR / X Filme / Hagen Keller

Im Grunde ist dieser TATORT also zu Ende, bevor er so richtig begonnen hat. Doch dann gibt es einen Zeitsprung vor und einen zurück. Leitmayr humpelt an der Krücke am Krankenzimmer des Kollegen Batic vorbei, der mit einer Schussverletzung an Kabeln und Schläuchen hängt. Ein interner Untersuchungsausschuss vernimmt den weniger schwer lädierten der beiden zu den folgenreichen Vorfällen, die in Rückblenden aufgedröselt werden.

Was war also geschehen? Batic und Leitmayr haben auf eigenes Bestreben den Transport des mutmaßlichen Täters Barthold von der Untersuchungshaft nach Stadelheim begleitet. Doch unterwegs ging einiges schief. Eine vorgetäuschte Panne, eine Flucht in Richtung einer Industrieruine. Am Ende sind zwei Justizbeamte und Thomas Barthold tot, die Kommissare verwundet und viele Fragen offen. Auch weil Batic dem Freund und Kollegen offenbar nicht in allen Punkten die Wahrheit erzählt hat ...

Speziell die Szenen des Gefangenentransports entwickeln einen beachtlichen Suspense. Der 34-jährige Regisseur Philip Koch, bekannt geworden mit dem Jugendknastdrama "Picco" (2010), lässt hier im Sinne eines existenzialistisch angehauchten Cop-Thrillers die Muskeln spielen. Die Filmmusik dröhnt unheilvoll. Und doch beraubt sich der Film der Autoren Holger Joos und Erol Yesilkaya einer produktiven Leerstelle: Gerhard Liebmann ist als Psychokiller ein maliziöses Abziehbild ohne Tiefenschärfe. Noch dazu ein biederer Museumswärter mit Halbglatze und Zahlentick, der verblüffenderweise gestandene bayrische Kriminalbeamte überwältigen kann.

So entlädt sich die mit Händen greifbare Melancholie, die den Vorgängerfilm ausgezeichnet hatte, in wilder Action, handlungslogischen Schwächen und etwas aufgesetzt artikulierter Seelenpein. Überhaupt: "Vorgängerfilm"! Dass man davon sprechen muss im Zusammenhang mit dem TATORT, ist kein so günstiges Zeichen. Die reflexhafte Masche, Erfolgsfilme bis zum Erbrechen fortzusetzen, legt dieser Tage das Hollywoodkino zu beträchtlichen Teilen künstlerisch lahm. Beim TATORT, der seit jeher die Kraft aus dem Einzelstück zieht, sollten die Macher der Versuchung vielleicht besser widerstehen.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 
 


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