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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Sturm

Der kalte Wind der Wirklichkeit

Wenn in diesen unsicheren Zeiten auf eines Verlass ist, dann auf die medialen Empörungsreflexe. Nachdem sich ein großes deutsches Nachrichtenportal aus Gründen seelischer Fürsorge, wie man annehmen mag, schon zwei Wochen vor der geplanten Ausstrahlung bemüßigt fühlte, das Ende des Dortmunder Neujahrs-TATORTs en detail seinen Lesern zu schildern, war natürlich kein Halten mehr.

Zwei Kollegen wurden in der Dortmunder Innenstadt erschossen. © WDR / Frank Dicks

Dominoartig ereiferten sich verschiedenste Medien darüber, dass die ARD nach dem Berliner Anschlag vom 19. Dezember daran festhalte, einen Krimi zu senden, in dem Dschihadisten einen Kleinlaster zweckentfremden. Dass von einem Weihnachtsmarkt nichts zu sehen ist im Film von Richard Huber, dass auch niemand überfahren wird und dass man aus Gründen so streng verstandener "Pietät" eigentlich gleich das deutsche Fernsehen abschalten müsste ... keine Rede davon. Differenzierung und Einordnung sind nicht eben die Haupttugenden dieser Tage.

Beim Ersten Deutschen Fernsehen sah man sich schließlich doch zum Handeln gezwungen. Der ARD-Programmdirektor räumte ein, ein TATORT müsse "nah an gesellschaftlichen Realitäten" sein, aber so nah nun offenbar auch nicht, und so entschied er, aus "Rücksicht auf die Opfer, ihre Angehörigen, Betroffene und das Empfinden von Zuschauern" den Film aus dem Neujahrsprogramm zu nehmen. Nun weht der Dortmunder "Sturm", viereinhalb Monate später als geplant, durch den Ostermontag. Wenngleich auch dieser Sendetermin nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hinterfragt wurde. Doch der TATORT-Koordinator Gebhard Henke beschied auf "Bild"-Nachfrage diesmal, man könne "der Realität nicht ständig ausweichen".

Der Konvertit Muhammad Hövermann. © WDR / Frank Dicks

Es ist ein ziemlich vertrackter Raub- und Terrorplot, den Richard Huber nach einem Buch von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler in Szene setzte. Er beginnt mit einem Doppelmord an Streifenpolizisten. Nächtens in der Innenstadt werden die beiden Beamten in ihrem Dienstwagen erschossen. Nachdem Faber, Bönisch, Dalay und Kossik am Tatort eingetroffen sind, fällt dem Chef des notorisch zerstrittenen Kripoquartetts ein Mann auf, der in einer zugesperrten Bank am Computer hockt.

Als sich Faber gewaltsam Zutritt verschafft, eröffnet sich ihm Schreckliches: Muhamad Hövermann, ein wichtiger Mitarbeiter des Geldinstituts, wie sich zeigt, trägt eine Sprengstoffweste und droht, den Auslöser zu betätigen, sollte ihn irgendwer von seinen Überweisungsgeschäften abhalten. Zig-Millionen verschiebt der deutsche Islamkonvertit auf Konten, die einem ägyptischen Geschäftsmann zugeordnet werden können. Soll so der Dschihad finanziert werden?

Peter Faber, ein Mann ohne Nerven, wie man weiß, wird dem angespannten Banker nahezu 90 Thrillerminuten lang nicht von der Seite weichen. Todesmutig traktiert er den mit einer Syrerin in zweiter Ehe verheirateten Familienvater mit Sprüchen, auch der SEK-Einsatzleiter vor der Tür wird lässig abgewimmelt ("Bombenstimmung hier! Wir haben einen super Draht zueinander.").

Letzter Fall für Daniel Kossik. © WDR / Frank Dicks

Der Rest vom Team versucht unter Zeitdruck, die Hintermänner zu enttarnen. Ganz besonders engagiert ist Fabers Intimfeind Daniel Kossik, der sich zum LKA nach Düsseldorf versetzen lassen will. Keine Überraschung freilich: Dass der Schauspieler Stefan Konarske den Dortmunder TATORT nach dieser Folge verlassen würde, ist seit einiger Zeit bekannt. Über das Wie herrscht am denkwürdigen Ende der "Sturm"-Episode dann aber doch einige Ungewissheit.

Auch wenn sich unter den Eindrücken des Berliner Anschlags vom 19.12. nicht alle Medien dran halten wollten: Viel mehr dürfte man eigentlich nicht vorab verraten über einen wendungsreichen Hochspannungs-TATORT, der schon vorab für viel Gesprächsstoff gesorgt hat. Als Meisterstück der Faber-Ära wird "Sturm" dennoch nicht in die Annalen eingehen. Etwas zu forsch und konstruiert wurde die soziale Gefährdungslage mit den Motiven des Heist-Movies gekreuzt. Dabei leidet allerdings nicht die Pietät, sondern allein die filmische Qualität.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 
 


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