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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Am Ende geht man nackt

Allein unter Flüchtlingen

"Hammsiewasgsäng?" - Der fränkische Stoiker Sebastian Fleischer schüttelt ungläubig den Kopf. Der Kommissar, der sonst durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, ist in dieser Nacht der Verzweiflung nah. Denn: "Eigentlich hat ja immer irgendjemand irgendwo was gsäng - aber heit ned!" Nach einem Brandanschlag auf eine Bamberger Flüchtlingsunterkunft versucht Fleischer in einer ersten Befragung etwas über die Hintergründe herauszufinden. Doch keiner will etwas mitbekommen haben. Die Nachbarn schweigen, und auch die Bewohner des Heimes haben nichts zur Aufklärung beizutragen. Niemand der aus aller Herren Länder stammenden Asylsuchenden weiß, warum nun einer der ihren schwerverletzt im Krankenhaus liegt und eine hübsche Afrikanerin ihr Leben lassen musste. Fakt ist allerdings: Neyla Mafany war durch eine augenscheinlich von außen verschlossene Tür an der Flucht aus einer Vorratskammer gehindert worden. Die Ermittler sind sich sicher: Mord!

Der dritte Franken-TATORT. © BR / Rat Pack Fimproduktion GmbH / Bernd Schuller

Schon nach wenigen Minuten wäre das also geklärt: Der erste TATORT-Krimi aus Bamberg ist keiner dieser Provinzkrimis, die mit Postkartenmotiven und einem gewissen Wohlfühlfaktor aufwarten. "Bambärcha" Lokalkolorit wird, wenn überhaupt, nicht in Bildern, sondern dezent über den Dialekt und die Mentalität vermittelt. Der dritte Fall des neuen Franken-Teams erzählt vom Ankommen als Flüchtling in Deutschland und setzt sich mit dem Alltag in einem Übergangsheim auseinander. Der Stoff ist hart, emotional und brisant.

Ankommen - daran arbeitet auch der aus Hamburg nach Nordbayern versetzte Hauptkommissar Felix Voss. Er fremdelt immer noch ein bisschen mit den Franken. "Nürnberg", so wundert sich der gebürtige Itzehoer nach der Rückkehr von einem mehrwöchigen Urlaub, "ist manchmal wie eine Zeitschleife". Dabei rast in der Metropole die Zeit nur so dahin - jedenfalls, wenn man aus der oberfränkischen Provinz auf die dann doch ziemlich hektisch erscheinende Großstadt schaut. In Bamberg ticken die Uhren nochmals ganz anders. Touristen schätzen das Gemütliche an der 73.000-Einwohner-Stadt an der Regnitz, freuen sich über freundliche Gastgeber und eine einzigartige Dreifaltigkeit aus Bier, Dom und Altstadt.

Unter Flüchtlingen. © BR / Rat Pack Fimproduktion GmbH / Bernd Schuller

Immerhin ist Bamberg seit 1993 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Doch der vom Schweizer Markus Imboden inszenierte Film öffnet den Blick auf jene Neuankömmlinge, die mit dem touristischen Flair der Stadt, in die sie das Schicksal von Flucht und Asylsuche verschlagen hat, absolut nichts zu tun haben. Für die Menschen im Wohnheim geht es im krassen Gegensatz zum Fachwerkidyll um nichts als die pure Existenz: um die Bewältigung der deutschen Bürokratie, die nächsten Schritte auf dem Weg zu Anerkennung, um ein paar Euro mehr für Lebensmittel oder Alkohol, um den Kontakt zur Familie in der Heimat, manchmal auch nur darum, die Zeit irgendwie totzuschlagen.

Voss, der sich mit einer Legende als Tschetschenien-Flüchtling ausgestattet undercover einschleusen lässt, stößt im bedrückend engen Mikrokosmos einer umfunktionierten alten Produktionshalle auf Menschen im Wartestand. Wohin er auch tastet, überall fühlt er Ohnmacht, Angst, Druck und Misstrauen. "Wir wollen keine Juden oder Christen hier", schlägt es ihm entgegen - auch in einer solchen Unterkunft prallen die Ethnien und Religionen hart aufeinander.

Dennoch freundet sich der Kommissar mit dem jungen Syrer Basem an und gewinnt das Vertrauen von Said Gashi. Dieser hat unter den Flüchtlingen das Sagen, er weiß offenbar als Einziger mehr über Neyla. Parallel ermitteln Paula Ringelhahn, Wanda Goldwasser und Fleischer "draußen" insbesondere im Umfeld des reichen Unternehmers Benedikt, bei dem die Fäden in diesem Fall zusammenzulaufen scheinen.

Voss freundet sich mit dem Flüchtlingsjungen Basem an. © BR / Rat Pack Fimproduktion GmbH / Bernd Schuller

Mord im Flüchtlingsheim! Mal was ganz anderes, werden böse Zungen nun nicht ganz zu Unrecht zischen. Man kann sich des Eindrucks tatsächlich kaum erwehren, dass wieder mal ein Kriminalfall konstruiert wurde, nur um ein gesellschaftlich relevantes Thema zu deklinieren. Immerhin wurde in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Porträtiert wird nicht nur das Leben in der Unterkunft, sondern auch das komplette Umfeld.

Der Film erzählt von Flüchtlingen, die der Bombenkrieg in Albträumen heimsucht, von Männern, die in ihrer Heimat Arzt waren und sich nun für 6,50 Euro die Stunde auf dem schwarzen Arbeitsmarkt als Putzkraft verdingen, von selbstlosen Helfern, genauso wie von dumpfen rechten Schlägern und Geschäftemachern, die sich auf den Rücken der Flüchtlinge bereichern. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt erklärt: "Sowohl in meinem Bekanntenkreis als auch in den sozialen Netzwerken sprang mir ins Auge, dass diejenigen, die Flüchtlingen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, stets dieselben sind, die nie den persönlichen Kontakt, das persönliche Gespräch mit einem Betroffenen gesucht haben." Also bitte hinschauen, dieser Film erzeugt trotz der überstrapazierten Didaktik und eines ziemlich plump aufgesetzten Showdowns Empathie, und das kann in diesen Tagen gewiss nicht schaden.

Warum sie sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert, wird eine Helferin von den Kommissaren gefragt. "Weil es unanständig wäre, es ned zu tun", lautet die trockene Antwort. So sind sie, die Franken. Würde man jetzt jedenfalls gerne behaupten.

Frank Rauscher
Teleschau Mediendienst
 
 


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