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Heute ist der: 27.05.2018. --> Bis heute wurden 1072 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Der treue Roy

Die Ballade von Siegrid und Roy und anderen Nieten

Gut möglich, dass sie nur erfunden wurde, um einen kleinen Mythos zu konstruieren, doch man will den Autoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger die Geschichte, wie sie auf die Idee zu ihrem dritten Weimar-TATORT gekommen sind, gerne abkaufen: Es geschah, erinnert sich Clausen, "als wir uns in Weimar verfahren haben und plötzlich zwischen Plattenbauten standen". Da "parkte ein Wohnwagen, offenbar gewerblich, wie wir aus dem roten Neonherz schlossen, das in der Nähe leuchtete", ergänzt sein Kompagnon. "Ganz in der Nähe wurde gegrillt"...

 

Da manifestiert sich direkt das passende Bild von der Grundstimmung des unkonventionellen Milieukrimis: Der treue Roy ist ein Film, in dem von der gediegenen Kulturstadt, durch deren Gassen die Touristen flanieren, nichts mehr zu sehen ist. Doch auch wenn die Dichter und Denker weit weg sind, hat die Story des traurigen Titelhelden Roy Weischlitz die Essenzen eines großen Dramas aus der Sturm-und-Drang-Epoche.

Es geht auch hier um die große, wahre Liebe, die, versteht sich, ohne Chance ist. Nur so viel sei verraten: Am Ende könnte einen die schräge Loser-Ballade um Roy, den von Schauspieler Florian Lukas preiswürdig verkörperten Titelhelden, fast ergriffen zurücklassen, wäre da nicht das kongeniale Kommissarspaar Kira Dorn und Lessing, das stoisch durch Mordfall und Babystress marschiert und den Thüringer TATORT wieder mit einer ordentlichen Prise trockenen Humors verschärft.

 

Dabei steht der Haussegen bei den jungen Eltern gerade schief: Lessing will Fachwerk - er sucht ein Haus und will endlich aus der gemeinsamen Wohnung raus. Die frischgebackene Mama hingegen will "einfach mal kurz die Augen zu" machen. Zoff liegt in der Luft. Keine gute Voraussetzung, um den nächsten Mord aufzuklären. Doch Dorn und Lessing sind ein Paar, das an der Herausforderung wächst und offenbar die Abgründe der anderen braucht, um zur eigenen Harmonie zu finden. Am Tatort, einem Stahlwerk in der Nähe Weimars, angekommen, offeriert ihnen der neue KT-Beamte Johann Ganser, vom Kollegen schon zu Recht als "Arschkrampe wie sie im Buche steht" angekündigt, ein groteskes Bild: In der abgekühlten Schlacke liegen nur noch verkohlte Knochen - jemand wurde bei 800 Grad gegrillt. "So muss es in Pompeji gewesen sein", sagt einer.

Offenbar handelt es sich um die Überreste von Roy Weischlitz. Im Spind des Schichtarbeiters findet sich der pointierteste Abschiedsbrief aller Zeiten: "Ich kann nicht mehr, es tut mir leid. Liebe Grüße, euer Roy". Wenn aber jemandem so viel Lakonie zuzutrauen ist, dann diesem Opfer. Roys Lebensgeschichte ist gezeichnet von Pleiten, Pech und Pannen. Die Ermittlungen führen von seiner Schwester Siegrid, mit der er nur scheinbar in Eintracht zusammenlebte, zu einem ehemaligen Kollegen, der fast noch mehr Unglück hatte als Roy: Siegrids Ex-Verlobter Karsten alias "Flamingo" verlor durch Roys Schuld ein Bein und haust jetzt als Alkoholiker in einer verlassenen Tankstelle ...

 

Die Motivlage scheint also klar. Doch, Vorsicht, kaum etwas ist in diesem Krimi von Regisseur Gregor Schnitzler so, wie es scheint. Die vertrackte und dank der kunstvollen Kamera von Ralf Noack beinahe manipulative Inszenierung zieht den Vorhang auf zu einem Leben, dessen Kuriosität man sich nicht entziehen kann. Florian Lukas nutzt die Bühne zur großen Show und fährt mit dem Zuschauer auf einer Achterbahn zwischen Leben und Tod. Während man sich mit ihm in die Loopings drückt und vorbeirast an pfiffigen Ideen und schrägen Episodenrollen (zuvorderst sind hier Nadine Boske als durchtriebene Wohnwagennutte und Sebastian Hülk als deren idiotischer Zuhälter zu nennen), quält man sich auch mit der Frage, wie ernst man das Ganze nehmen kann. Denn so schlimm Roys persönliches Drama ist, so leidenschaftlich die cineastischen Bemühungen der oft herrlich von der Grasnarbe gen Himmel filmenden Coen-Brüder-Fans auch sind: Der absonderliche Fall an sich ist ein schlechter Witz. Der Balanceakt zwischen Krimi und Klamauk gelingt nicht über die vollen 90 Minuten.

Der treue Roy wird wieder zwiespältige Reaktionen hervorrufen. Aber das tun die Fälle aus Münster auch jedesmal. Tatsächlich ist in Weimar mit viel Mut und noch mehr Liebe in kurzer Zeit eine echte Marke erschaffen worden. Die beiden Kommissare können es schon mit den angestammten Humor-Platzhirschen Thiel und Boerne aufnehmen. Apropos Boerne: Auch Lessing spricht ein betörend wohlfeiles Deutsch, und er weiß, ganz den Ahnen seiner Stadt verpflichtet, auch mit einem umfassenden Zitateschatz umzugehen. "Intelligenz ist die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren", sagt er. Nicht Goethe, William Faulkner! Passt zu einem Thüringen-TATORT, durch den ein Hauch von Südstaaten-Noir weht.

Frank Rauscher
Teleschau Mediendienst


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