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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Ätzend

Ätzende Hauptstadt

Auf der Großbaustelle Treptower Park stoßen die Arbeiter auf ein Fass, das mit dem schweren Gerät versehentlich beschädigt wird. Sein Inhalt ist reichlich „ätzend“ – so auch der Folgentitel. Denn das Behältnis war voll mit Säure – samt darin eingelegter Leichenteile. Allerdings eher dilettantisch, unterm Strich ist halt noch eine Menge übrig vom Leichnam. Unter anderem ein Herzschrittmacher, der helfen sollte, die Identität des Toten zu klären.

Karow und Rubin wurden zu einem Säurefass gerufen, in der eine halb zersetzte Leiche schwimmt. © RBB / Volker Roloff

Das gestaltet sich dann überraschenderweise als doch nicht so einfach, da der offizielle Herzschrittmacherbesitzer, ein ehemaliger iranischer Flüchtling, noch putzmunter ein gut gehendes Dentallabor betreibt. Erheblich weniger lebendig hingegen ist die nächste Person, die beim Treptower Buddeln zutage tritt. In ihr tummeln sich noch fröhlich die Maden. Die Berliner Kommissare Nina Rubin und Robert Karow haben also gut zu tun, zumal sie in der Hauptsache eigentlich mehr mit sich selbst beschäftigt sind, denn immer noch versucht Karow, das Rätsel um seinen erschossenen Ex-Polizei-Partner zu ermitteln, während Rubin wiederum versucht, das Rätsel um ihren neuen Kollegen Karow zu ermitteln und nebenbei ihre Familie zu kitten.

Nahtloser Anschluss

Da sind sie also wieder, die neuen Berliner. Endgültig vorbei die gemütlichen Zeiten, als Knuddelkommissar Stark mit seinem Best Buddy Ritter durch ein einigermaßen aufgeräumtes und sortiertes Post-Wende-Berlin ermittelte. Der neue Ton bei Rubin und Karow ist härter, kälter, rauer. Schon die Auftaktfolge hinterließ viele Zuschauer einigermaßen verstört, das war wohl doch etwas zu viel Großstadtrealität für manchen: eine jüdische Kommissarin mit einer Vorliebe für Fremdgehen und Vergewaltigungs-Sexspiele samt kaputtem Familienleben im Ringen mit einem einzelgängerischen, arroganten neuen Kollegen, der gleich im erste Fall durch seine hochriskanten Methoden Leute über die Klinge springen ließ.

Der iranische Zahntechniker Merizadi lebt illegal in Berlin. © RBB / Volker Roloff

Und so geht das in Folge zwei nahtlos weiter. Nahtlos nicht nur im Stil, sondern weil nun auch in Berlin der Trend „horizontales Erzählen“ angekommen ist, in verschärfter Form gar. Angesichts der geringen Folgenfrequenz dürfte das für die Zukunft einige Herausforderungen für TATORT-Stammzuschauer bereithalten, alle Details der diversen Teams immer parat zu haben. In Berlin aber ist die konsequente Weitererzählung erst einmal zu begrüßen, denn Karows Alleingang mit Todesfolge aus dem Piloten bleibt nicht einfach stehen, gegen den Oberunsympathen wird intern ermittelt und er muss sich in psychologische Behandlung begeben. Wovon er erwartungsgemäß wenig begeistert ist, zumal er weiterhin alle Kräfte darauf fokussiert, herauszufinden, wer denn nun seinen Ex-Partner auf dem Gewissen hat. Während manche Kollegen offenbar recht fest davon überzeugt sind, dass Karow selbst es ist.

Endgültig Schluss mit Gemütlich

Es ist schon allerhand, was der RBB hier auffährt. Mit aller Gewalt will man offenbar gleich zu Beginn klarmachen, dass Schluss ist mit Gemütlichkeit in der Hauptstadt. So bescheren uns die ersten Minuten von „Ätzend“ einen der unappetitlichsten Einstiege der TATORT-Ära, sodass man sich kurz wundert, wie die das eigentlich am Jugendschutz vorbeibekommen haben. Wer keine Körperteile in diversen Verwesungs-, Verätzungs- und sonstigen Auflösungsstadien sehen mag, sollte vielleicht erst etwas später zuschalten. Wobei er dann allerdings Gefahr läuft, den Anschluss an die ziemlich kompakte und ineinander verschachtelte Handlung zu verlieren – das kann allerdings problemlos auch passieren, wenn man von Anfang an dabei ist. Weihnachtsschmuckbastler also aufgepasst: Wer hier mal einen Moment zu lang auf das Faltpapier schaut, ist fix verloren im Strudel der Handlungsstränge.

Es ist einsam geworden um den Berliner Polizisten Robert Karow. © RBB / Volker Roloff

So entspinnt sich eine Geschichte, in der wirklich alles drin ist: Gentrifizierung und Flüchtlinge, kriminelle Ausländer-Clans und korrupte Behörden, ein Liebes- und ein Baby-Drama gibt es auch noch, vor allem aber einander feindselig gegenüberstehende Ermittler, gegen die die Dortmunder Truppe fast wie eine bekiffte Hippie-Kommune wirkt. Das könnte man alles leicht überfrachtet und überzogen finden, aber tatsächlich gelingt es den Filmemachern, es zu einem stimmigen Gesamtbild zu fügen, bei dem man als langjähriger Bewohner eines Berliner Innenstadtbezirks erstmals das Gefühl hat, dass der Film tatsächlich in der Realität der Stadt und auf der Höhe der Zeit spielt. Und immerhin: eine kleine Reminiszenz an das gute alte Berlin erlaubt sich der Streifen dann doch noch in Gestalt des Herz-und-Schnauze-Boxtrainers, der beides am rechten Fleck hat. Wie überhaupt in all der modernen Härte trotzdem überraschend viel Emotionales in die Handlung hineinmenschelt und selbst Karow hier und da menschliche Züge zeigt (die allerdings vermutlich gleich die nächsten Schnappatmungen beim konservativen Krimipublikum auslösen dürften, falls das überhaupt so lange durchhält).

Wenn der RBB bei dieser Linie bleibt, überlegt der ein oder andere Mittelstadt-Reihenhausbewohner vielleicht doch noch, ob Berlin wirklich das coole, hippe Ding ist, wo der eigene Nachwuchs unbedingt hinziehen muss. Das Berliner Stadtmarketing jedenfalls dürfte das neue Konzept eher nicht gefördert haben. Angesichts des zunehmend angespannten Wohnungsmarktes in der Stadt ist das vielleicht ja die eigentlich Intention des RBB. Damit nicht auch noch die letzten Laubenpieperplätzchen irgendwelchen Großbauprojekten weichen müssen. Man weiß ja auch nie, was man da dann so alles findet, wenn man den Untergrund mal richtig durchwühlt.

Heiko Werning
 


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