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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwanensee

Mollath in Münster

Ein Mann zieht in einem Schwimmbad seine Bahnen, konzentriert, ruhig, gleichmäßig. Wir sehen seine Silhouette von unten gegen das Licht. Die Kamera führt den Blick nun unter Wasser – wo etwas überraschend eine Frauenleiche treibt. Den Schwimmer scheint es nicht zu stören, er kreist weiter über ihr, verlässt schließlich das Becken und trocknet sich ab. Erst die nächste Besucherin reagiert leichenadäquat und kreischt ordentlich vor Entsetzen.

Andreas Kullmann (Robert Gwisdek, links) geht jeden Morgen im Schwimmbad des Therapiezentrums „Haus Schwanensee“ schwimmen. Professor Boerne (Jan Josef Liefers) spricht mit ihm. © WDR/ Willi Weber

Mord in einer exklusiven psychiatrischen Einrichtung. Hier sind die Patienten keine Patienten, sondern Kunden, und natürlich vollkommen freiwillig zu Gast in dem schönen Haus mit dem schicken Blick über Münsters Aasee. Sie haben halt so ihre Eigenheiten. Der eine ist Zwangsneurotiker und kann es nicht ertragen, wenn ein Handy nicht exakt parallel zur Tischkante liegt, der Nächste ist inselbegabter Autist, die wiederum Nächste hat ihre Libido nicht unter Kontrolle, ein anderer schimpft unkontrolliert vor sich hin. Gesellschaftlich wenig angepasstes Verhalten also, aber der Psychiatrie-Professor, seine Psychotherapeutin und der diensthabende Bufdi (die modernen Zivis vom Bundesfreiwilligendienst) helfen ihnen, sich im Leben zurechtzufinden. Bis auf eben jene Psycho-Kundin, die mit Gewichten beschwert im hauseigenen Pool dümpelte.

Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann, l.) im Präsidium mit Frank Thiel (Axel Prahl, M) und Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter, r.).© WDR/ Willi Weber

Wer ist hier irre?

Gesellschaftlich nicht angepasst allerdings ist auch Kommissar Thiel unterwegs, der seine grundsätzliche Übellaunigkeit in neue Höhen treibt und reihenweise die Kollegen anpöbelt, sodass einem der Tourette-Rufer geradezu freundlich-milde erscheint. Sein geliebter Feind Professor Boerne ist ja nun ohnehin verhaltensauffällig, was nicht erst dadurch unterstrichen werden muss, dass er zu Musikklängen im Taucheranzug für den geplanten Malediven-Trip durch die Wohnung tanzt.

Der Grat zwischen therapiebedürftiger Psychose und normalem Irrsinn, er ist halt manchmal schmal. So schmal, dass es oft nur eine Frage eines einzelnen Gutachtens sein mag, ob jemand mit seinen besonderen Eigenschaften erfolgreich im Beruf steht wie Thiel und Boerne oder als Kunde beim Psycho-Professor landet wie der Autist Andreas Kullmann. Der Fall Mollath lässt grüßen. Womit Schwanensee eine durchaus ernste Grundierung bekommt: Wer ist denn hier irre, bitte schön? 

Silke „Alberich“ Haller (ChrisTine Urspruch, l.) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers, r.) wissen nach der Obduktion mehr. © WDR/ Willi Weber,

Was die Münsteraner aber natürlich nicht davon abhält, auch als Comedy-TATORT zu fungieren. In ihren stärksten Momenten fügen sich in der nunmehr über zehnjährigen Tradition der Filme diese beiden Elemente zu einer gelungenen Einheit. Diesmal will das nur bedingt klappen. Zu aufgesetzt wirkt ein Teil der Scherze und Running Gags, zu sehr vermitteln sie den Eindruck, dass unbedingt noch für die regelmäßig über zehn Millionen Zuschauer die erwartete Witzproduktion abgeliefert werden muss. Wenn aber am Tatort alle nur über das Gewicht stolpern, das der Leiche zur Beschwerung umgebunden ward, dann ist das nur sehr mäßig komisch, wirkt unnötig aufgepfropft und zerfasert den Film. Gerade in der ersten Hälfte kommt man nur mühsam in die Handlung hinein, weil sich kein rechter Fluss ergeben mag zwischen der eigentlichen Story und den routiniert eingestreuten Skurrilitäten und Slapstick-Einlagen.

Ausgetretene Pfade

Was nicht heißen soll, dass nicht auch vieles sehr lustig ist. Das Team ist spielfreudig wie eh und je, vor allem Staatsanwältin Klemm glänzt durch einen furiosen Auftritt. Das am TATORT wahrlich totgerittene Motiv, dass einer der Ermittler in den Urlaub will und aufgrund des aktuellen Mordes nicht kann, wird hübsch verdreht in der Figur Boerne, die einfach nicht losfahren will, aber von allen in den Urlaub gewünscht wird. Die Dialoge zwischen ihm und Alerich einerseits und Thiel andererseits sind gewohnt geschmeidig-bösartig, die Situationskomik kommt nicht zu kurz, ohne dass es zu klamottig würde

Olli Gärtner (Andreas Helgi Schmidt, r) flieht vor Professor Boerne (Jan Josef Liefers, l): Der junge Mann, der seinen Bundesfreiwilligendienst im Haus „Schwanensee“ absolviert, macht sich verdächtig. © WDR/ Willi Weber

Und auch der Fall selbst wird nicht vernachlässigt. Dankenswerterweise auch wird die nächstliegende Falle, platte Witzeleien mit den psychisch Kranken zu veranstalten, geschickt umschifft zugunsten tatsächlicher Komik, die nun einmal in dieser Konstellation liegt. Geradezu aufklärerisch wird der Film bei der Zeichnung des Autisten Kullmann, der einst ein ganz normales, sogar erfolgreiches Berufsleben führte, bevor er vom Steuerfahnder zum Therapiezentrum-Kunden wurde, und damit auch einem breiten Publikum vor Augen führt, dass Autisten ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben führen können. (Wobei natürlich andererseits das Rainman-Klischee des Zahlen-Genies einmal mehr zementiert wird, obschon es nur auf eine kleine Minderheit der Autisten zutrifft.) Ebenfalls auf der Haben-Seite steht die elegante Bildgestaltung des Films. Schließlich ist das Lokalkolorit mit dem Aasee als zentralen Ort gut eingefangen, sodass diesmal sogar auf die obligatorische Fahrt über den Prinzipalmarkt verzichtet werden kann. Und nicht zuletzt kommt die schöne Geschichte um den Schwan Petra und sein Schwanen-Tretboot, die vor ein paar Jahren weltweite Schlagzeilen und Münster zum Spielort einer ungewöhnlichen Tier-Romanze machte, bestens zur Geltung.

Dass der Film trotzdem nur mäßig funktioniert, liegt zum einen an der etwas überfrachteten Geschichte, die ihren Figuren oft nicht genug Raum gibt, sich zu entfalten. Und eben an den unpassend eingebauten Witz-Standards. Ein Jammer, dass der WDR sich offenbar nicht mehr traut, sich einfach auf die vorzüglichen Qualitäten seines Teams zu verlassen; viel zu stark spürbar ist die Vorgabe, unbedingt alles erfüllen zu müssen, was diese Filme zu den beliebtesten im deutschen Fernsehen gemacht hat. Wenn das mal auf Dauer nicht schiefgeht und eines Tages totläuft. Man wünschte dieser einzigartigen Figuren- und nicht zuletzt Schauspieler-Konstellation den Mut der Verantwortlichen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und in der Hauptsache einen wirklich ernsten oder dramatischen Ton anzuschlagen. Welche Wirkung der Münsteraner Humor dabei dann entfalten könnte!

Heiko Werning
 


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