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Heute ist der: 20.04.2018. --> Bis heute wurden 1068 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT-Gespräch mit Brigitte Dithard

"Wir führen Kommissar Bootz in den maximalen Konflikt"

Brigitte Dithard ist Redakteurin in der Hauptabteilung "Film und Kultur" beim Südwestrundfunk (SWR) in Baden-Baden. Seit 1998 verantwortet sie die Stuttgarter TATORTe des Senders. Wir sprachen auf dem SWR-Sommerfest 2015 mit ihr u.a. über den neuen TATORT "Preis des Lebens", das Alleinstellungsmerkmal der Stuttgarter TATORT-Ausgabe und über die Bedeutung der Einschaltquote.

Brigitte Dithard ist Fernsehspielredakteurin beim SWR und auch für alle Stuttgarter TATORTe verantwortlich. Bild:SWR

Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal des Stuttgarter TATORTs innerhalb der ARD?

Das Charakteristische des Stuttgarter TATORTs aus meiner Sicht: er ist aktional und emotional. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Action ist spannend, gilt aber gemeinhin als Emotionskiller, weil sie eher etwas Äußerliches hat. In Stuttgart kommen dennoch beide Elemente zu ihrem Recht, denn die beiden Kommissare sind in schnellen aktionalen Szenen glaubhaft und können es sich dank ihrer lakonischen Schnörkellosigkeit leisten, Gefühle zuzulassen, ohne kitschig zu werden. Diesen Ton hat der Erfinder des Stuttgarter TATORTs, Holger Karsten Schmidt gesetzt.  Auch orientiert sich der Stuttgarter TATORT eher am Thriller als am klassischen Krimi und involviert damit die Kommissare immer wieder in die Fälle. Vor allem in den letzten drei Jahren hat sich dieses  Merkmal des Stuttgarter TATORTs heraus kristallisiert. Das gibt es in dieser Konsequenz bei anderen TATORTen aus meiner Sicht nicht.

Sie gestalten seit fast 20 Jahren den Stuttgarter TATORT. Gibt es etwas, was von der Stadt noch nicht erzählt oder gezeigt wurde?

Bei den Bienzle-TATORTen haben wir uns immer wieder mit markanten Schauplätzen beschäftigt: der Markthalle, der Oper, der Messe-Baustelle. Die Orte wollen wir auch weiter zeigen. Die Verankerung  des TATORTs in Stuttgart suchen wir heute aber mehr im Inhaltlichen, in dem, was in Stuttgart geschieht, was die Stuttgarter bewegt. Da ist Der Inder, in dem es um Stuttgart 21 geht, ein besonders auffallendes Beispiel. Von solchen Themen wird es in Zukunft mehr geben, was genau, kann ich aber noch nicht verraten. Auch wird der Stuttgarter TATORT noch mehr als bisher Themen aufgreifen, die uns nicht nur hier sondern auch bundesweit bewegen, wie z.B. die Flüchtlingskrise. Dazu haben wir letztes Jahr einen Stoff angestoßen, den wir als nächsten drehen.

Maja Bootz (Miriam Joy Jung) nutzt die günstige Gelegenheit, um ihren Vater zu fragen, ob sie zu einer Übernachtungsparty darf. Wird er es der kleinen Dame erlauben? © SWR/ Stephanie Schweigert

In "Preis des Lebens" ist überdurchschnittlich viel von Stuttgart zu sehen - oder täuscht das?

Die Stuttgarter TATORTe werden wie die anderen vom SWR auch, von Baden-Baden aus gedreht. Jeder Tag, den wir in Stuttgart drehen, ist ein Reisetag, also teuer. Trotz der Kosten versuchen wir aber, so viel wie möglich in Stuttgart zu drehen, weil es ein Merkmal des TATORTs ist, dass er die Stadt, in der er spielt, erkennbar zeigt. Roland Suso Richter, der Regisseur von Preis des Lebens hat schon in Spiel auf Zeit die Bahnhofsbaustelle von damals sehr prominent in Szene gesetzt. Das hat er hier wieder aufgenommen. Und er hat mit der neuen Stadtbibliothek und dem aktuellen Stand des Stuttgarter Bahnhofs unmittelbar an Niki Steins Der Inder angeknüpft, der schon aufgrund der Thematik "Stuttgart 21" sehr viel Stuttgart gezeigt hat. Damit bieten die TATORTe der letzten drei Jahre fast eine kleine Baugeschichte der wichtigsten Stuttgarter Baustelle.

"Preis des Lebens" fällt unter den Lannert-/Bootz-TATORTen heraus: die offene Täterführung und Erzählweise, aber auch Bootz´sehr persönliche Betroffenheit. Warum müssen Ermittler eigentlich immer wieder so stark in die Fälle involviert sein?

Preis des Lebens ist sicher besonders, weil Kommissar Bootz hier selbst zum Teil des Falls wird. Das haben wir in diesem Maß selten. Wie ich aber schon sagte, ist die andere Erzählweise, wenn Sie damit meinen, dass es sich nicht um einen klassischen Ermittler-Krimi handelt, für die Stuttgarter TATORTe geradezu konstitutiv geworden. Seit Spiel auf Zeit, wo Lannert seinem Erzfeind aus der Vergangenheit wieder begegnet und mit dem wir wieder an die Anfänge anknüpfen, haben sich die meisten Fälle jenseits dieses Schemas bewegt: z.B. Freigang, wo der Täter fast von der ersten Minute bekannt war oder  Eine Frage des Gewissens, wo zwar ein Täter gefunden werden musste, wo es aber viel mehr um den tödlichen Schuss ging, den Lannert in einem Supermarkt abgefeuert hat.  Viel wichtiger als die Frage, "Wer war's?" ist mir persönlich das how-dunit oder das why-dunit. Ich bin überzeugt, dass man damit über Figuren und auch über Themen viel mehr und viel differenzierter erzählen kann, als wenn man zig falsche Spuren abklappert, was oft darauf hinaus läuft, einen Pappkameraden aufzubauen, nur um ihn alsbald mit viel Getöse wieder einzureißen. 

Thorsten Lannert (Richy Müller) versucht im Verhör, dem Verdächtigen ein Geständnis zu entlocken, während Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera), Kriminaltechniker Nica Banovic (Mimi Fiedler) und Sebastian Bootz (Felix Klare) das Verhör beobachten. © SWR/ Stephanie Schweigert,

Freilich gibt es bei uns auch Fälle, in denen die Kommissare einfach nur ermitteln. Das war bei  Happy birthday, Sarah so oder bei Der Inder, zwei Fälle, die ihre Kraft u.a. aus einer genauen Analyse von Milieu und Menschen ziehen. Dass es im Umgang mit Mördern für Kommissare aber auch Konflikte und brenzlige Situationen geben kann, scheint mir völlig naheliegend und auch erzählenswert, wenn man den Beruf des Polizisten ernst nimmt.

Ist das etwas, was Sie Ihren Drehbuchautoren immer wieder einbläuen?

Nicht immer. Oft kommt die Idee von den Autoren, etwas über die Kommissare erzählen zu wollen. Wenn sich das mit der bisherigen Biografie vereinbaren lässt und die Figuren nicht komplett umkrempelt, lasse ich mich darauf gern ein. Das zeigt ja, dass die beiden Figuren die Phantasie der Autoren anregen, was ich als Kompliment für die beiden Schauspieler verstehe. Und es gibt den Figuren mehr Geschichte und mehr Tiefe. Fans des Stuttgarter TATORTs kennen Lannerts Erzfeind, Victor de Man, wenn er erneut auftaucht und sie erinnern sich an die Auseinandersetzung von Bootz mit dem neuen Lover seiner Frau, der im Rollstuhl saß. Sie nehmen so am Leben und der weiteren Entwicklung der Figuren teil. Ist es nicht das, was wir in ausländischen Serien immer bewundern: Dass die Figuren durch das, was sie tun, in Konflikte geraten?

Das Verhältnis von Lannert und Bootz wird in Preis des Lebens auf eine harte Probe gestellt © SWR/Stephanie Schweigert

Wie kam es zur Stoffentwicklung von "Preis des Lebens"?

Holger Karsten Schmidt hat für beide Kommissare vor einiger Zeit eine Linie für die Weiterentwicklung der Figuren geschrieben und dabei auch mögliche Fälle skizziert. Letzten Sommer habe ich ihn auf einen davon angesprochen und gefragt, ob er Lust hätte, den selbst zu schreiben. Das hatte er und daraus wurde nun dieser Film. Die Ausgangsidee ist, Kommissar Bootz in den maximalen Konflikt, zu führen, in den ein Mensch geraten kann: dass er über Leben und Tod anderer entscheiden muss. Die Frage, wie die Geschichte enden sollte, stand dann im Mittelpunkt der Diskussionen. Das kann ich hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Es war uns wichtig, Bootz als Vater und als Polizist ernst zu nehmen und die Frage der Moral nicht allzu wohlfeil von dem, was Gesetz ist, abzukoppeln. Diese Trennung empfinde ich in letzter Zeit als eine gewisse erzählerische Mode. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die Reaktionen.

Wie wichtig ist die Einschaltquote für eine TATORT-Redakteurin und welche Rolle spielt bei der Auswahl von Themen, Milieus und Geschichten etc.?

Wir befinden uns beim TATORT in der komfortablen Situation, dass die Quote immer sehr hoch ist. Und natürlich ist es schöner, mit dem eigenen TATORT dazu beizutragen, dass sie noch ein bisschen höher geht als den Durchschnitt zu senken. Aber die Auswahl der Stoffe an einer Spekulation über ihre Akzeptanz auszurichten, hielte ich besonders im TATORT für eine Bankrotterklärung. Der hohe Zuspruch der Zuschauer kann nur Verpflichtung sein, in diesem Vehikel auch immer wieder Risiken einzugehen, auf jeden Fall sich nicht durch Sicherheitsdenken leiten zu lassen. Im übrigen glaube ich, dass die hohe Quote nur dadurch zu halten sein wird, dass man versucht, kompromisslos das Beste zu machen.

Felix Klare als Sebastian Bootz in einer schwierigen Situation. © SWR/ Stephanie Schweigert

Als letztes noch: Was ist eigentlich mit dem Gerichtsmediziner los - der zitiert jetzt Goethe…..?! 

Ja, unser Gerichtsmediziner hatte schon immer einen Hang zum Höheren. Sei es der Basketball oder sein Buch "Mein Dialog mit den Toten" oder seine spontane Goethe-Assoziation in Der Inder. Der Gag kam bei den Kollegen gut an, daher probiert er es in Preis des Lebens gleich noch einmal. Mal sehen, wie das weiter geht. Der Grat zwischen Running gag und Marotte ist ja schmal.

Das Gespräch mit Brigitte Dithard fand am 22. Mai 2015 in Stuttgart bei der öffentlichen Premiere von "Preis des Lebens" statt; die Fragen stellte François Werner.


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