Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 27.05.2018. --> Bis heute wurden 1072 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Preis des Lebens

"Haben Sie Kinder?“ - "Nicht mehr."

Das Familienleben war von Anfang an ständig präsenter Hintergrund der Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz. Hier, beim zugereisten Lannert eine zunächst nur geraunt angedeutete, schon bald aber ("Tödliche Tarnung") durch Lannerts Nemesis Victor de Man auch persönlich zurückkehrende Tragödie; dort, bei Bootz, ein zunächst scheinbar perfektes, harmonisches Kleinfamilienleben. Mittlerweile sind beide Singles, sowohl der fast liebenswürdig jede weibliche Annäherung ignorierende Lannert als auch der durch das völlig unerwartete Ende seiner Ehe in seinem Selbstbild völlig aus dem Lot gebrachte Bootz.

Der Tag der Rache. © SWR / Stephanie Schweigert

Einen Ermittler persönlich in den Fall zu verwickeln, ist ein beliebtes und oft effektives Element diverser TATORTe der vergangenen Jahre, gnadenlos auf die Spitze getrieben in den Frankfurter Fällen der Ermittler Dellwo und Sänger ("Das Böse", "Am Ende des Tages"), die für eine Zeitenwende im TATORT standen. Auch "Preis des Lebens" bedient sich dieses Motivs, nicht jedoch, ohne zunächst eine Rahmenhandlung um einen verzweifelten Racheplan der Opfereltern Mendt aufzubauen, die die erste Hälfte des Filmes einnimmt. So wollen sie den aus der Haft entlassenen Jörg Albrecht gewaltsam zur Preisgabe seines bislang verschwiegenen Mordkomplizen zwingen und verfolgen ihren Racheplan ohne jede Bereitschaft zu Kompromissen.

Staatsanwältin Álvarez tröstet Kommissar Bootz. © SWR / Stephanie Schweigert

Zunächst und durchaus diskussionswürdig scheint "Preis des Lebens" weit verbreitete Instinkte der Selbstjustiz zu befriedigen. Auch die allmählich nachgelieferte Schilderung der Umstände der zurückliegenden Tat weckt tendenziell Verständnis für die Verzweiflung der Eltern. Doch eine Prise Zweifel einzustreuen obliegt dann vor allem mit seinem herausragenden Spiel Robert Hunger-Bühler als unterdrückt ambivalenter Opfer-Vater-Täter. Die mahnende Ablehnung der Selbstjustiz durch Kommissar Lannert verhallt demgegenüber fast als Pflichtübung.

Zunehmend tritt die elterliche Rache dann jedoch in den Hintergrund zugunsten des Motivs "Kommissar in Extremsituation", als die Mendts Kommissar Bootz erpressen, ihnen den zweiten Täter quasi auf dem Silbertablett auszuliefern. Entfernt erinnernt die Konstellation an den reißerischen Abgang des Hamburger Verdeckten Ermittlers Batu ("Die Ballade von Cenk und Valerie"). Bootz wird so in der zweiten Hälfte des Films zur Hauptfigur des Geschehens.

Lannert und Bootz werden zu einem Leichenfund gerufen. © SWR / Stephanie Schweigert

Roland Suso Richters durch die Handlungsfülle geradezu unausweichliche rasante Inszenierung sorgt durchaus für Spannung, lässt kaum Raum zum Verschnaufen, Innehalten und inszenatorischen Auskosten dramatischer Höhepunkte. Es muss immer sofort weitergehen. Ermittlungsarbeit, die sich in anderen TATORTen vielleicht über Tage erstreckt hätte, muss hier auf wenige Stunden komprimiert werden. Durch diese Atemlosigkeit der zwei in einem TATORT abgehandelten "Fälle" – auch der erste wird noch en passant restlos aufgeklärt – fehlt unweigerlich wenig Zeit für emotionale Intensität, die der unmittelbaren Betroffenheit von Bootz angemessen wäre. Und so wirken auch die anderen Akteure der Stuttgarter Polizei fast wie ungläubig außenstehende, emotional recht ungerührte Beobachter ihres Kollegen. In dieser Hinsicht kann "Preis des Lebens" nicht an den jeweiligen Ermittlern ähnlich nahegehende Fälle wie die Frankfurter oder den Münchner "Am Ende des Flurs" heranreichen. Selbst Bootz’ dramatischer Verzweiflungsakt am Ende gelingt dies nicht mehr, kurz darauf ist er bereits vergessen. "Preis des Lebens" wäre womöglich die Aufteilung des Geschehens in eine Doppelfolge besser bekommen, um nachhaltigeren Eindruck zu hinterlassen.

So professionell, ja distanziert das Team den Entführungsfall Bootz bearbeitet, so geschäftsmäßig be(ur)kunden die Ermittler am Ende auch die vermeintlich bleibende Belastung ihres Verhältnisses. Zu hoffen bleibt, dass im kommenden Stuttgarter TATORT in dieser Hinsicht nicht – wie im Münchner TATORT – nahtlos zur Tagesordnung und kommentarlos wiederhergestellter Kumpelei übergegangen wird.

Urs Lesse
 


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3