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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Verbrannt

Deutschland in Dunkel

Als Studenten-Oscar Gewinner Thomas Stuber ("Von Hunden und Pferden") seinen ersten TATORT drehte, wanderten in Deutschland noch keine Flüchtlingstrecks die Autobahn entlang. Heute wissen wir: Die Welt - auch unsere gesellschaftlich stabil erscheinende - kann sich innerhalb weniger Monate sichtbar verändern. In der langen Geschichte des TATORTs gab es selten Filme, die mehr politische Aktualität mitbrachten als "Verbrannt".

Tag der Deutschen Einheit: Lorenz ist zum Grillfest der Polizei eingeladen. © NDR / Alexander Fischerkoesen

Dabei hat die Geschichte, die erzählt wird, bereits ein Jahrzehnt auf dem Buckel. Damals verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Dessauer Gefängniszelle. Ein an Händen und Füßen gefesselter Mann soll sich selbst angezündet haben, sagen die Beamten. Bis heute wurde nur einer von ihnen zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt.

Der Film beginnt mit scheinbar flüchtig aus dem Autofenster gefilmten Szenen deutscher Provinzialität: herbstlich braune Äcker, Industrieschlote, verstreute Einfamilienhäuser. Vor zweien baumelt die schwarz-rot-goldene Fahne am Mast. Zu diesen Bildern trister Mittelmäßigkeit erklingt ein zartes Deutschlandlied aus den Bögen eines kleinen Streicherensembles. Die erste Langfilm-Fernseharbeit von Thomas Stuber hat ihre Stimmung schnell gesetzt. Fast schon dokumentarisch sind die Bilder, melancholisch und dunkel. Die Handlung rankt sich um den Tag der Deutschen Einheit herum. "Was machen Sie am langen Wochenende", fragt Ermittlerin Lorenz ihren Kollegen Falke. "Hamburch", sagt der knapp. "Ich fahr nach Schwerin zu meinen Eltern", lautet die Gegenantwort.

Nach dem Tod des Schwarzafrikaners in der Gefängniszelle eskaliert die Situation vor einem Asylbewerberheim. © NDR / Alexander Fischerkoesen

Das potenziell so begabte Ermittlerduo, welches mit dem Ausstieg Petra Schmidt-Schallers nach dieser Folge schon wieder Geschichte ist, hatte in sechs gemeinsamen Fällen sehr starke Szenen, darunter ebenso sinnlichen wie originell inszenierten Sex. Leider gab es aber auch viele maue bis überladene Drehbücher zu bespielen. Diesmal, zum Ende, wird alles gut. Der hochdekorierte Drehbuchautor Stefan Kolditz schrieb die Geschichte des Oury Jalloh auf. Dabei orientierte er sich an vielen Fakten, nahm sich aber auch Freiheiten, dessen Geschichte in dramaturgischer Hinsicht zu verdichten, ohne dass dabei die Details der eigentlichen Tat angefasst wurden. Diese sind ohnehin so unglaublich, dass man sie einem Fiction-Autor normalerweise als unrealistisch um die Ohren hauen würde

Einer der dramaturgischen Tricks des Autors ist, dass er die Ermittler persönlich in den Fall hineinholt. Lorenz' und Falkes Anfangsdialog ist der Langeweile einer nächtlichen Observation geschuldet. Man beobachtet aus dem Auto heraus zwei Schwarzafrikaner in der niedersächsischen Provinz. Der Fall wurde von Dessau nach Salzgitter verlegt, sicher auch um gängige Ostklischees in Sachen Fremdenfeindlichkeit zu meiden. Die Bundespolizisten verdächtigen einen der beiden Männer, für eine Schleuserbande mit gefälschten Pässen zu handeln.

Kommissar Falke untersucht das Zimmer des Toten. © NDR / Alexander Fischerkoesen

Während der folgenden Festnahme kommt es zu einer wilden Schlägerei zwischen Falke und dem Verdächtigen. Der Polizist flippt aus, der Afrikaner kommt über Nacht in eine örtliche Polizeizelle. Danach passiert das Bekannte, Unglaubliche. Falke erfährt am Morgen: Der Asylbewerber ist tot, er soll sich in seiner Zelle - obwohl gefesselt - selbst angezündet haben. Quälend lange Minuten brauchten die diensthabenden Beamten, ehe sie auf den Feueralarm reagierten. Wie betäubt beginnen Falke und Lorenz mit ihren Ermittlungen. Sie führen das Duo in die Welt der Asylbewerberheime und jener Fremdenfeindlichkeit, die hinter vorgehaltener Hand gelebt wird.

Autor Kolditz, Regisseur Stuber und auch die großartige Kamera von Alexander Fischerkoesen, der viele realistisch wirkende Polizeifilme für Dominik Graf drehte, haben alles richtig gemacht. Der Film bleibt konzentriert bei seiner Geschichte, nämlich der Frage: Wie konnte diese Nacht nur so ablaufen? Dazu werden zwei geschlossene Welten präzise und angenehm unprätentiös gezeichnet: die der Polizei mit ihrem verschwiegenen Korpsgeist und jene der Asylanten, zu der auch die Ermittler keinen Zugang finden. Einerseits erzählt "Verbrannt" von institutionellem Rassismus in Deutschland. Nicht jedem, der es mit der Polizei hält, wird der Film gefallen. Andererseits hebt der bislang mit Abstand beste Möhring-TATORT die Diskussion auf subtile Weise auf eine persönlichere Ebene: Wieviel Fremdes sind wir bereit, in unserer Nähe zu dulden? Ein wirklich starker TATORT, der für viel Diskussion sorgen wird.

Eric Leimann
Teleschau Mediendienst
 


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