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Heute ist der: 16.12.2019. --> Bis heute wurden 1125 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schutzlos

Es ist nicht egal

Nur gut, dass der Luzerner Kommissar Reto Flückiger ein Hausboot auf dem Vierwaldstättersee bewohnt. Wie es da so sacht vor sich hinschuckelt vor dem atemberaubenden Panorama der Stadt, darf man kurz schwelgen in einem Film, dem ansonsten wenig Schönes eigen ist. Das Heimelige ist aus den entsättigten Bildern gleichsam mit der Farbe entwichen. Flückiger und seine Kollegin Liz Ritschard sollen den Mord an einem afrikanischen Einwanderer aufklären, für den sich außer ihnen kaum jemand groß zu interessieren scheint.

Die beiden Jugendlichen Navid und Jola sind in die Schweiz geflüchtet. © ARD / Degeto / SRF / Daniel Winkler

Viel Elend bricht sich Bahn in den Altstadtschluchten. Nicht gerade ein Stimmungsaufheller, dieser Schlussakkord der aktuellen TATORT-Saison: Auf die Episode Schutzlos folgt die gefürchtete mehrwöchige TATORT-Sommerpause, die wie jedes Jahr mit Wiederholungen bestritten wird. Nach jetzigem Planungsstand gibt es den ersten neuen TATORT danach am 6. September.

Selbstverständlich ist es zu loben, dass ausgerechnet aus der latent unter Abschottungsverdacht stehenden Schweiz ein forscher, kritischer und meinungsstarker TATORT-Wurf zur prekären Flüchtlings- und Asyllage kommt. "Wir haben da einen Programmplatz, auf dem wir potenziell zwölf Millionen Menschen erreichen", gab unlängst der Filmemacher Niki Stein, der mit seinem Stuttgart-21-TATORT Der Inder viel Furore machte, im Interview zu Protokoll: "Wenn ich das nicht nutze, um eine Geschichte zu erzählen, die etwas mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat, ist das für mich Verschwendung von Ressourcen."

Eine Razzia im Drogenmilieu. © ARD / Degeto / SRF / Daniel Winkler

Zwar waren die Schweizer Beiträge zur ARD-Krimireihe von Zwölf-Millionen-Sehbeteiligungen bislang so weit entfernt wie die Alpen vom Münsterland, aber mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat diese traurige Geschichte ohne Frage zu tun. Zwei Jahre, nachdem ein junger Asylsuchender aus Nigeria in der Schweiz vorsprach, findet man ihn erstochen unter einer Flussbrücke. In der Zwischenzeit, so stellt sich heraus, war er vor allem damit beschäftigt, in den Straßen von Luzern Drogen für eine Bande Nigerianer zu verticken.

Ein Mord im Drogenmilieu? Schwierig, da an belastbare Informationen zu kommen, wo doch der genervte Kollege von der Drogenfahndung beteuert, die Westafrikaner blieben konsequent unter sich. Tatsächlich reiben sich Flückiger und Ritschard die meiste Zeit des Films auf mit ihren Bemühungen, Licht ins Dunkel zu bringen. Es gehört zu den Kollateralschäden dieser Erzählweise, dass sich das Ganze über zahllose dolmetschergestützte Befragungen fruchtlos und auch für den Zuschauer enervierend gestaltet. Und es gehört zu den Stärken dieser Folge, dass das immer wieder offenkundige Desinteresse der Schweizer Behörden an einem tragischen Asylantenschicksal kritisch ausgeleuchtet wird.

Migräne- und Schwindelanfälle machen Flückiger zu schaffen. © ARD / Degeto / SRF / Daniel Winkler

Die von Delia Mayer gespielte Liz Ritschard verkörpert in diesem doch sehr spröden und seltsam verhärteten Sozialkrimi das empörte Gewissen in Stellvertretung der Zuschauer, wie man zumindest hoffen möchte. Sie wird auf das Schicksal der 16-jährigen Jola aufmerksam, die in einem Flüchtlingslager haust, traumatische Erlebnisse mit sich trägt und wohl der Schlüssel zur Klärung des Falls wäre, wenn sie denn nur mit sich reden ließe.

Kollege Flückiger hingegen steht über weite Strecken mit mysteriösen Migräneanfallen schachmatt, die seine Fähigkeit einschränken, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Wenn das als Allegorie auf politische Orientierungslosigkeit in Flüchtlingsfragen gemeint war, möchte man zu dem Einfall gratulieren.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 


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