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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Der Inder

Stuttgart, ein Drecksloch

Wenn der TATORT sich an politische Themen wagt, wird er oft zur bemühten „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene oder verhebt sich am Thema und wirkt furchtbar provinziell.  Ausgerechnet der brave SWR legt nun einen Film vor zum heikelsten Thema, dass das Ländle zu bieten hat, nämlich zum völlig aus dem Ruder gelaufenen Bahn- und Städtebau-Großprojekt Stuttgart 21. Man könnte Schlimmes befürchten, auch angesichts der Statements, die Autor und Regisseur Niki Stein im Vorfeld verbreitet hat. Aber das Werk ist größer als sein Schöpfer – es ist ein TATORT gelungen, der vor allem eines ist: ein richtig guter Film, außergewöhnlich erzählt, mit dichter Atmosphäre, hoch konzentriert, merkwürdig bedrohlich und ganz und gar nicht: provinziell.

Kommissar Lannert ist in eine Demonstration geraten. © SWR / Alexander Kluge

Warum hat „Stuttgart 21“ derartige Wellen geschlagen, tatsächlich ja ein ganzes Land aufgerüttelt, wie Nikki Stein in Interviews vorher richtig feststellt? Diese Frage habe er sich gestellt, als er für seinen S21-TATORT Der Inder recherchierte. Und gibt als seine „Message“ an: „Ganz klar: „Wir dürfen nicht aufhören, uns weiterzuentwickeln!“ Das ist für mich ganz entscheidend bei diesem Film, denn eine Gesellschaft, die Angst vor der Zukunft hat, ist verloren.“

Och nö, denkt da der Rezensent, also ich, und habe praktisch schon keine Lust mehr. Als ob es bei Stuttgart 21 je um „die Zukunft“ gegangen wäre. Jedenfalls nicht die der Gesellschaft, sondern eher von ein paar Großinvestoren, die sich schamlos die Taschen vollstopfen wollten, indem sie die Filetstücke der Innenstadt neu verschachern konnten. Das war selbst den verschnarchten Stuttgartern zu dreist – und der Autor glaubt ernsthaft, der Widerstand dagegen rühre aus einer diffusen Zukunftsangst her?

Bootz und Álvarez erkundigen sich nach ersten Fakten zum Mord. © SWR / Johannes Krieg

Seltsamerweise aber vermittelt der Film dann gar nicht diese „Message“, die Stein ankündigt. Mir jedenfalls nicht. Vielleicht habe ich ihn auch einfach nur nicht richtig verstanden. Vielleicht ist Stein letztlich doch instinktsicher gelungen, das Knäuel an Interessen und Motivationen aufzudröseln, ohne sich von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Vielleicht ist es gerade diese Distanz, die er zu allen Parteien hält, die den Film vor dem Abrutschen in die gängige Propaganda bewahrt. Vor allem aber hat Stein nicht aus den Augen verloren, was seine eigentliche Aufgabe war: einen funktionierenden Krimi abzuliefern. Bis auf die etwas absehbar und in der Filmlogik auch kaum nachvollziehbare Schlusspointe, die hier natürlich nicht verraten werden soll, ist ihm das auch tadellos gelungen. Wenn auch die verschachtelte Erzählstruktur, die ziemlich komplizierte Handlung und die langen Dialoge sicherlich bei manchem Zuschauer auf wenig Gegenliebe stoßen werden. Ein TATORT von der Stange ist Der Inder zweifellos nicht, auch keiner, bei dem man sich am Sonntagabend sanft aus dem Wochenende herausbedöseln lassen kann.

Welche Rolle spielt die Tschechin Mira? © SWR / Alexander Kluge

Worum geht es eigentlich? Also, außer um Stuttgart 21? Auf der Kern-Ebene, die sozusagen in der Rückblende  erzählt wird (zuvor haben wir schon etwas verwirrende „Zukunftsfragmente“ gesehen) darum: Der ehemalige Staatssekretär der Vorgänger-Landesregierung muss vor dem Untersuchungsausschuss des neu gewählten Landtags aussagen, wegen einer Korruptionsaffäre um eines der Bauprojekte, die auf den durch die Bahnhofsversenkung neu entstehenden Flächen entstehen sollten. Natürlich schön mit öffentlichen Bürgschaften, die nun alle verloren zu gehen drohen. Wie ein Aal windet er sich aus den Anschuldigungen heraus, ein aufgebrachter S21-Gegner bewirft ihn anschließend mit einem Farbbeutel. Darauf geht der Ex-Staatssekretär erst mal eine Runde joggen, wird aber beim Schuhezubinden auf einem Waldparkplatz von einem Profi-Killer erschossen. Ein Attentat wegen S21? Durchgedrehte Juchtenkäferfreunde? Oder wusste der Mann zu viel über die Machenschaften hinter dem angeblichen Verkehrsinfrastrukturprojekt und musste zum Schweigen gebracht werden? Der gewaltsame Tod einer Schlüsselfigur des Bahnhofsstreits lässt in Stuttgart jedenfalls die nur mühsam nach dem Regierungswechsel beruhigte Lage wieder aufflammen. „Kommt diese Stadt denn nie zur Ruhe?“, fragt der Moderator im Lokalfernsehen, während auf einer Demo ein Polizeiwagen in Flammen aufgeht und der neue Innenminister auf die Ermittler einteufelt, die Stimmung bloß ja nicht weiter anzuheizen. Indem man beispielsweise bekanntgibt, dass der Joggingpartner des final am Laufen Gehinderte der ehemalige Ministerpräsident sein sollte.

Die "Wutbürger" machen Stuttgar unsicher.

Während Lannert und Bootz im Dauerstau wegen der Bauarbeiten zum Bahnhofsprojekt stehen, lernen wir die aktuellen politischen Entscheidungsträger kennen, die, obschon gegen S21 angetreten, das Projekt jetzt möglichst rasch durchzuwinken und dennoch Kapital aus ihrer ehemaligen Gegnerschaft zu schlagen versuchen. Wir sehen den ehemaligen Ministerpräsidenten, der verbittert über seine Abwahl die Welt nicht mehr versteht. Und wir folgen einem ehemaligen Star-Architekten, der im Zuge der Korruptionsaffäre als einziger „großer Fisch“ verurteilt worden ist, der aber trotzdem immer noch felsenfest von der Richtigkeit des ganzen Wahnsinns überzeugt ist. Schließlich wäre Köln heute auch nur ein rheinisches Provinznest, hätten visionäre Bauherren nicht einst den Dom errichtet. Und ohne S21, da ist der Mann sicher, bliebe Stuttgart nun einmal nur das Drecksloch, das es heute nun mal sei. Stuttgart-Bashing macht ja immer Spaß, da ist man fast geneigt, dem Mann Sympathien zu schenken, der sich ansonsten aber vor allem über die Grünen aufregt, die wegen ein paar Eidechsen, die hier nicht mal hingehörten, alle visionären Pläne torpedieren: „Es sind diese Leute, die alles kaputt machen.“ (Und, möchte man angesichts der jüngsten Nachrichten anfügen, die Eidechsen sind trotzdem auch noch kaputtgemacht worden. Es gibt keine Hoffnung in Schwaben.) Zwischen allem fährt der Killer schwer verletzt durch die Gegend und würde selbst gern wissen, warum er den Mann eigentlich umgenietet hat, ist vorerst aber vor allem mit Überleben beschäftigt.

Es ist durchaus bemerkenswert, wie Stein die Figuren in der Waage hält, wie er die üblichen allzu billigen Klischees über „die da oben“ umschifft, wie er, wie er selbst sagt, „depressive Stimmung“ mit „einer Anmutung des film noir“ schafft. Besonders reizvoll ist neben dem großartig dargestellten kultivierten Architekten mit Sinn für städtebauliche Utopien, der sich in einem Verhör-Katz-und-Maus-Spiel mit Lannert befindet, auch der Ex-Ministerpräsident und die (nicht als grüne benannte) grüne Ausschussvorsitzende. Ambivalente Figuren, bei denen auf die Standard-Zuschreibungen verzichtet wird, die auch deshalb glaubwürdig und im Zusammenhang mit dem großen Spiel der Investoren fast tragisch wirken. Angenehm auch, dass die Ermittler hier mal einfach nur ermitteln, nichts Privates stört sie dabei, außer dass Lannert zwischendurch mal drei Stunden schlafen muss. Es sei ihm gegönnt. Der Zuschauer dagegen muss hellwach bleiben, um die recht komplizierte Story zu verstehen. Und darf sich am Ende selbst fragen, ob es wirklich nur die Zukunftsangst ist, die die biederen Stuttgarter in den Widerstand trieb, oder nicht doch vielleicht das abstoßende Ausplündern von Gemeingütern durch einige wenige Finanzhirsche.

Heiko Werning


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