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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT-Gespräch mit Niki Stein

"Ich ersetze die Chronologie durch die Assoziation"

Als die SWR-Filmchefin Martina Zöllner und Redakteurin Brigitte Dithard auf den Autor und Regisseur Niki Stein zukamen und von ihm einen TATORT zum Thema Stuttgart 21 wollten, habe er erst mal mit Unbehagen reagiert. Zugesagt hat er trotzdem - im TATORT-Gespräch erklärt er die Hintergründe.

Regisseur und Autor Niki Stein © HR/ Renate von Forster

Warum hat Sie das Thema Stuttgart 21 für den TATORT als Nicht-Stuttgarter so gereizt?

Weil es so schwierig war - das hat mich einfach herausgefordert. Und mich hat besonders das Irrationale daran interessiert. Da ist ein Bauprojekt, das auf den ersten Blick ganz vernünftig ist, da ist eine grüne Technologie, die Bahn, und es wird dem Verkehrschaos in Stuttgart ein bisschen Herr, es löst auch städtebauliche Probleme  - eigentlich spricht also vieles dafür. Also warum haben die Leute plötzlich Angst vor Fortschritt und einem neuen Bahnhof? Und warum gibt es dann solche Gegenstimmen, so einen immensen Widerstand? Das hat mich soziopathologisch interessiert, dem wollte ich auf den Grund gehen.

Das Irrationale, was Sie ansprechen, ist die Zukunftsangst der Menschen, von der Sie im Vorgespräch erzählt haben?

Das ist das Thema, was ich darin gefunden habe. Es geht bei S21 um Zukunftsangst. 

.... die für mich im Film nicht unbedingt spürbar war - jedenfalls nicht vordergründig.

Das ist mehr so eine Hintergrundspannung. Jeder ist extrem genervt, sei es der Wasserschützer aus dem Thermalbad, sei es die Grünen-Politikerin im Untersuchungsausschuss, die auch nicht so recht weiß, wie sie das alles einordnen soll. Und dann der völlig überforderte Ministerpräsident, der beleidigt ist, dass er abgewählt wurde, aber die Welt auch nicht mehr versteht.  Und dann ist da natürlich das Verbrechen, das von außen hineinkommt, der Tropfen, der das Fass komplett zum Überlaufen bringt, damit sich die Sozialhysterie komplett ausbreiten kann. Das ist natürlich auch  das Kalkül unseres Täters gewesen, diese Dinge heraus zu kitzeln, zu provozieren.

Sie fokussieren in „Der Inder“  nicht so sehr auf die Ermittler, die haben z.B. kein ausgebreitetes Privatleben und sind nicht persönlich betroffen, wie oft in anderen Fällen.

Nein, aber es ist schon aus der Sicht der Ermittler erzählt, sie sind der rote Faden und haben ja auch einiges zu ermitteln. Aber der Film bedient sich des Kunstgriffs, dass er komplett die Chronologie der Erzählung aufhebt. Da sind die Gespräche von Lannert mit einem Erzähler - eigentlich mehr einem „Erklärer “ - und der Film wird komplett aus einer Rückblende heraus erzählt.  Ich ersetze die Chronologie durch die Assoziation. Mein Erzählstil ist, dass ich einen Faden spinne und frage „Wer hat es gemacht?“ und dann sehe ich den Täter, aber weiß noch nicht, warum hat er es gemacht hat. Das nenne ich das assoziative Erzählen. Ich finde das sehr spannend. Die Technik ist nicht neu, aber im Film noch nicht so weit verbreitet. 

Tukurs Wunde in Das Böse verwirrte viele Zuschauer und auch die Redakteure der BILD. Doch die Aufhebung der Chronologie war schon damals vom Regisseur so gewollt, wie jetzt auch bei Der Inder, Bild: HR/ Bettina Müller

Die Chronologie haben Sie schon 2003 in Ihrem Frankfurter TATORT „Das Böse“ aufgehoben. Das hatte sehr viele Zuschauer verwirrt. Tukur lief mit einer Wunde herum, und in der nächsten Szene war die dann weg…

Ja, der Zwang des Films zum Anschluss - es wäre ohne sicher einfacher gewesen <lacht>. Aber das fand ich auch spannend. Ich weiß damals, als wir den Film machten, hat die BILD-Zeitung gesagt „Ihr habt den Akt vertauscht!“, die hatten das auch nicht verstanden. Und heute wird das als Vorbild für modernes Erzählen genommen, da bin ich natürlich auch ein wenig stolz drauf.

Vor den Dreharbeiten zu „Der Inder“ war von verschiedenen Drehbuchvarianten zu lesen und abenteuerlichen Vermutungen. Viele fragten: kann, darf oder muss man S21 so kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg im TATORT zeigen? Und darf man auch die Figur eines Ministerpräsidenten so stark in den Vordergrund eines TATORTs stellen, darf dieser womöglich der Täter sein?

Ja, es gab da einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung, der mich sehr erstaunt hatte. Ich kann das auch nicht richtig erklären, weil da muss viel mehr spekuliert worden sein, was denn im Buch stehen könnte als was da tatsächlich drin stand. Aber das hat uns natürlich gezeigt, wie aufgeregt da die Gemengelage war. Nur: was überhaupt nicht stimmte war, dass wir einen Ministerpräsidenten als Täter hatten – das hat es nie gegeben. Das Buch war immer in diesem Zustand, da gab es keine wesentlichen Änderungen dran. Ich war natürlich durchaus beglückt, dass die Sorge und Aufmerksamkeit schon so groß war. 

Regisseur Niki Stein mit Felix Klare und Richy Müller beim Dreh vor der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek.© SWR/ Alexander Kluge

Hat „Der Inder“ eine „Message“ - Was wollen Sie dem Zuschauer zurufen? 

Ganz klar: „Wir dürfen nicht aufhören, uns weiterzuentwickeln!“ Das ist für mich ganz entscheidend bei diesem Film, denn eine Gesellschaft, die Angst vor der Zukunft hat, ist verloren. Deshalb ist in dem Film ja auch eine depressive Stimmung zu spüren, Der Inder hat so eine Anmutung des „film noir“. Und da kommen wir auch wieder zu den Ermittlerfiguren zurück, die auch stellvertretend für den Zuschauer stehen, für den gesundenden Menschenverstand. Sie stiften Identifikation, ordnen das alles.

Das Gespräch mit Niki Stein fand am 9. Juni 2015 in Stuttgart statt, die Fragen stellte François Werner


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