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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Erkläre Chimäre

Gewitzt und zugenäht

Wetten werden bestimmt noch irgendwo angenommen, wie viele Zuschauer es wohl diesmal sein werden. Zehn Millionen mindestens, wahrscheinlich sogar über elf oder zwölf. Wenn's gut läuft, und das ist beim TATORT dieser Tage ja meistens der Fall, könnten die Münsteraner Publikumslieblinge Boerne und Thiel in die Regionen selbst aufgestellter Rekorde vorstoßen - die Latte liegt seit September 2014 ("Mord ist die beste Medizin") bei 13,22 Millionen.

Die Weinhändler Isolde und Ewald Schosser. © WDR / Martin Valentin Menke

Schön für die beiden, dieser Höhenflug. Noch schöner wär's allerdings, wenn der zugehörige Krimi nicht derart hemmungslos unter dem Qualitätsradar segeln würden wie diesmal. Man weiß ja, dass beim Münster-TATORT der verbrämteste Quatsch nicht der Quote schadet. Ärgerlich ist es dennoch, wenn sich so ein Film geriert wie ein schlampiges Genie.

Natürlich ist das neckische Pingpong zwischen dem blasierten Rechtsmediziner und dem tapsigen Kommissar noch immer eine Bank. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn im Drehbuch darüber hinaus auch ein Mindestmaß an inhaltlicher Kohärenz und Schlüssigkeit gewährleistet wäre.

Thiel und Boerne. © WDR / Martin Valentin Menke

Erkläre Chimäre kalauert der Titel, den man wörtlich nehmen muss. Denn die Erklärdialoge sprießen aus diesem Humorstück wie Unkraut aus Betonritzen. Ständig müssen die ermittelnden Spaßvögel umständlich nacherzählen, was sich die Autoren alles ausgedacht haben. Dass da ein junger Brasilianer vor den Toren der Stadt mit aufgeschlitzter Kehle im Kühlhaus liegt und zuletzt lebend in einer Weinhandlung gesehen wurde. Dass das Weinhändlerehepaar einen verkorksten, drogenabhängigen Sohn hat, der tatverdächtig ist. Dass der tote Brasilianer der Liebhaber von Boernes schwulem Onkel aus Übersee war, der ebenfalls rein zufällig in Münster weilt. Ferner funken eine Taxlerin, eine Hilfsorganisation und ein Krankenhausarzt in den Fall. Irgendwann doziert Boerne dann auch über die titelgebende Chimäre. Bis dahin dürften aber nur noch Zuschauer mit allerhöchstem Konzentrationsvermögen den Faden nicht verloren haben.

Der reiche Erbonkel Gustav von Elst sitzt nun im Taxi von Herbert Thiel. © WDR / Martin Valentin Menke

Am schlimmsten wirkt sich aus, dass der obligatorische Humor auf Pubertierendenniveau daherkommt. Ein schwuler Onkel! Hihi. Weil sich Boerne beim vermögenden Verwandten im Hinblick aufs erhoffte Erbe einschleimen will, zwingt er Thiel, dass die beiden dem Homo-Onkel ein schwules Ehepaar vorspielen. "Fränkie" steht in Boernes Schuld: Der Gerichtsmediziner hatte den Kommissar eingangs per Luftröhrenschnitt vor dem Erstickungstod gerettet, was zur Folge hat, dass der eh schon kurzatmige Polizist für den Rest der Folge unangenehm kehlig röchelt. Man denkt bei der unwirklichen Szene mit dem im Hals feststeckenden Häppchen, dem Messer und dem Kugelschreiber unweigerlich an eine Albtraumsequenz und wartet aufs Erwachen. Aber vergebens. Die Sache mit dem Humor nehmen sie in Münster bitter ernst.

Erstaunlicherweise kann man dieses TATORT-Missgeschick keinen überdrehten Nachwuchskräften ankreiden. Das Drehbuch, ihr zehntes für die Reihe, schrieben die Boerne-Thiel-Erfinder Stefan Cantz und Jan Hinter, Regie führte der Routinier Kaspar Heidelbach, der schon für etliche deutlich stärkere Auftritte des Münster-Duos verantwortlich zeichnete. Den aufs zänkische Ermittlerpaar gemünzten Schlusssatz legten die Autoren der Frau Staatsanwältin in den Mund, er klingt wie ein Naturgesetz: "Was zusammengehört, muss auch zusammenbleiben." Unter Vorzeichen wie diesen ist man sich da nicht mehr so sicher.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 


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