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Heute ist der: 20.11.2019. --> Bis heute wurden 1122 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Kälter als der Tod

Überraschung!

Eine Einfamilienhaussiedlung in Frankfurt ist zum Schauplatz eines furchtbaren Massakers geworden. Eine ganze Familie ist beim Frühstück ausgelöscht worden, Vater, Mutter und der kleine Sohn liegen in ihrem Blut am Küchentisch oder im vergeblichen Schrank-Versteck. Nur die Tochter des Hauses ist verschwunden. Die herbeigerufenen Kommissare sind alarmiert. Ist wenigstens dieses Kind noch zu retten? 

Paul Brix und Annaj Janneke lernen sich kennen © HR

Wenn Sie einigermaßen TATORT-affin sind und nicht nur hin und wieder einen der Filme am Sonntagabend angucken, sondern auch die Diskussionen um diese zunehmend mit der Bedeutung und Rezeption eines sehr vielköpfigen Königshauses aufgeladenen Reihe verfolgen,  dann reicht es vollkommen, den Teaser hier zu kennen und das Folgende zu wissen: Die Startfolge des neuen Frankfurter Ermittler-Teams ist unbedingt sehenswert.

Der Pilotfilm wurde ersonnen und umgesetzt von Florian Schwarz (Regie) und Michael Proehl (Buch), die gerade erst im letzten Jahr mit der spektakulären Murot-Folge „Im Schmerz geboren“, ebenfalls für den Hessischen Rundfunk produziert, TATORT-Geschichte geschrieben haben. Und damit sollten Sie, lieber Leser, es bewenden lassen, wenn Sie sich alle Überraschungen erhalten wollen – es folgt nämlich über die Laufzeit des Films eine sehr liebevolle solche, die hier leider verraten werden muss, weil man sonst gar nicht über den Streifen sprechen kann. Also gut, Sie waren gewarnt.

Denn was ist über die letzten TATORT-Team-Neustarts nicht alles debattiert worden! Zu psychotisch seien die Kommissare, zu sehr belastet mit ihrer Vergangenheit, ihrer Sexualität, ihrer Religion. Zu depressiv, zu sehr mit Besonderheiten vollgepackt. Oder: zu lustig, zu skurril. Ach, wie wünschte man sich doch mal einfach wieder ganz normale Kommissare, so sprachen und twitterten viele im Fernsehvolk. Und nun der Hessische Rundfunk, der uns nach den bleiernen Brinkmann-Jahren der gepflegten Bräsigkeit ja plötzlich ein Psycho-Team nach dem anderen angeboten hat. Erst die immer am Rande des Zusammenbruchs tänzelnde Kommissarin Sänger, dann der soziopathische Alkoholiker Steier und der extravagante Tumorflüsterer Murot. Was mag da jetzt wohl kommen mit dem neuen Team Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch)?

Anna Janneke (Margarita Broich), Paul Brix (Wolfram Koch) und Lydia Sanders (Olga Lisitsyna) © HR / Benjamin Knabe

Alles ganz normal

Und gleich geht’s los: In den ersten fünf Minuten des Films könnte man sicherlich manch herzhaften Biss in die Wohnzimmertischkante oder Klatschgeräusche von den Stirnen eben jener Zuschauer vernehmen, denen die ganzen gebrochenen oder schwierigen Kommissars-Charaktere auf die Nerven gehen. Denn Brix wird uns gleich als solcher vorgestellt: Er wohnt in eher bizarrem Untermietsverhältnis bei einer ziemlich exaltierten älteren Dame,  die irgendwas Transsexuelles ausstrahlt und ansonsten mit ihren Blumen spricht, mit Brix dagegen via Megaphon. Und dieser so also per Megaphon aus dem Gewächshaus geweckte Brix schlurft missmutig in die Küche, wo die neue Kollegin auf ihn wartet, und gibt gleich die noch übellaunigere Borowski-Variante. Spätestens hier dürfte der Blutdruck manches Komissare-mit-seltsamen-Marotten-Beklagers in bedenkliche Höhen schießen.

Was für ein schöner Scherz, den sich das Filmemacher-Duo da ausgedacht hat! Denn das hier groß aufgebaute Versprechen eines weiteren Kauz-Kommissars, es zerplatzt wie eine Seifenblase. Man will es bis zum Ende des Films nicht glauben und lauert quasi die ganze Zeit darauf, dass sich doch noch herausstellt, dass Brix früher Massenmörder oder drogenabhängig war, oder dass er in seiner Kindheit doch zumindest sein Meerschweinchen durch Unachtsamkeit zu Tode brachte – aber nichts. Wir erleben das normalste Kommissars-Team, das man sich denken kann.

Die beiden verhalten sich vernünftig, ihr Privatleben spielt keine Rolle (na ja, kaum eine Rolle – die nette Vermieterin immerhin wird zwischenzeitlich zur Opfer-Betreuerin), sie müssen keine Reibungen aneinander durchexerzieren, keine Machtkämpfe führen, sie sind sogar ausnehmend nett. Zu sich selbst, zum Vorgesetzten, zu den Verdächtigen, zu den Opfern. Und immer denkt man: Da kommt doch noch was? Da kommt aber nichts, außer einem souverän ermittelnden neuen Ermittler-Paar und einer bemerkenswert normalen, fast unaufregenden, aber handwerklich perfekt umgesetzten Geschichte. Ein ganz normaler Krimi. Auch so kann man inzwischen also ziemlich überraschen. 

Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) im Gespräch mit ihrem Chef, den Brix später intern "Leni" nennen wird.... © HR / Benjamin Knabe

Nach dem ebenfalls schon verdächtig verhaltensunauffälligen Franken-Team scheint nun also auch Frankfurt den Weg zurück zum Normalo-Ermittler zu gehen, der nicht aufgrund seiner psychischen Defekte oder seiner skurrilen Vorlieben im Mittelpunkt steht, sondern weil er einen interessanten Kriminalfall zu klären hat. Das ist eine gute Entwicklung. Denn so interessant die gebrochenen oder bizarren Kommissars-Charaktere der letzten Jahre auch zweifellos sind, so absehbar und ausgetreten drohte dieser Weg, dessen Höhepunkt vielleicht das neue Berliner Team markiert, dann eben doch irgendwann zu werden. Denn der Ausnahmecharakter ist eben vor allem dann interessant, wenn er  eine Ausnahme ist. Sind alle so, wird’s fad. Das gleiche gilt für die Fälle: Wenn überall nur noch besonders aufregende Sonder-Fälle behandelt werden (Weltrettung, eigene Tochter/Mutter/Topfpflanze in Gefahr etc.), ist das nichts Besonderes mehr. 

Auf der Höhe der Zeit

Trotz dieses „back to the roots”-Gestus aber zeigt sich Frankfurt filmisch voll auf der Höhe der Zeit. Und irritiert dabei eben nicht mit unmotiviertem Kameragewackel oder hektischen Schnitten, vermeidet also Effekthascherei, sondern setzt moderne Mittel ein, wo sie sinnvoll sind: Split-Screens, wo eben zwei Seiten des Telefons gezeigt werden, Text-Nachrichten wie beim modernen Sherlock Holmes, wo sie im Film eine Rolle spielen, und die besonders hübsche Idee, Tathergänge in der Rückschau nicht einfach nur als Rückblende zu inszenieren, sondern die Kommissare darin mitspielen zu lassen. Ein einfacher, kleiner Trick mit bemerkenswerter Wirkung.

Hinzu kommt, dass der Fall selbst eben auch ohne Polit-Story oder persönlicher Betroffenheit interessant und glaubwürdig ist, die Psychologie der Figuren (wichtig bei diesem Thema) ist glaubhaft, der Handlungsverlauf weitgehend plausibel. Dass am Ende der ein oder andere Zufall zu viel benötigt wird, um die Dramaturgie auf den gewünschten Schluss zu zielen – geschenkt.

Insgesamt ein überraschender Einstieg eines zunächst noch eher im Hintergrund bleibenden neuen Teams, das Lust auf mehr macht. Vielleicht erfahren wir ja doch noch was über Brix` Meerschweinchen aus der Kindheit.

Heiko Werning


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