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Heute ist der: 12.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwerelos

Männer, die auf Schirme starren – Dortmunder TATORT alles andere als "Schwerelos"

Vor der Rettungsstelle einer Dortmunder Klinik wird ein Mann abgelegt, der einerseits jung und gut gebaut, andererseits so gut wie tot ist. Die herbeigeeilte Gerichtsmedizinerin stellt schon beim Hereinkommen ein irreversibles Koma bei dem Opfer fest – er wird es nicht überleben. Das Dortmunder TATORT-Team nimmt die Ermittlungen auf.

Vier Dortmunder Kommissare und der Himmel. © WDR / Thomas Kost

Dabei stellen sie fest, dass der junge Mann sein Leben nicht nur mit seiner schönen Frau und seinem netten Sohn in seiner riesigen Villa verbrachte, sondern dass der Investmentbanker in seiner Freizeit gern aus großen Höhen mit einem Fallschirm auf dem Rücken nach unten sprang. Teilweise tat er das legal aus Flugzeugen heraus, teilweise suchte er aber auch den Kick als Basejumper, indem er mit seinem Schwager, einem alten Freund und einer Frau gemeinsam von allerlei Brücken, Klippen und Türmen sprang. Die dabei erstellten Videos schauen sich die Kommissare im Internet an und kommen so der Gruppe auf die Spur.

Zum Broterwerb betreibt der Schwager einen angesagten Club in einem Industriegebiet, der alte Freund Jules verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Tandemsprüngen und die gute Freundin schaut lieb oder sauer, sie ist eh nur die Quotenfrau im Team. Die jungen Kommissare Nora Dalay und Daniel Kossik sind den Basejumpern bald auf der Spur, unter anderem wird Kossiks Interesse dadurch geweckt, dass er raue Mengen Blut im Kofferraum des Springers Jules findet, das vom Labor dem Opfer zugeordnet werden kann. Doch weil er keinen Durchsuchungsbeschluss dabei hatte, erweckt das den Unmut seiner älteren Kollegen Martina Bönisch und Peter Faber. Wenn die wüssten, dass Kossik und Dalay nicht nur miteinander, sondern Dalay auch noch mit dem Hauptverdächtigen ins Bett geht, wären sie vermutlich erst richtig sauer. Aber Hauptkommissar Peter Faber kümmert sich schwerpunktmäßig um die Familie des Opfers. So ist er dabei, als die Familie die lebenserhaltenden Gerätschaften auf der Intensivstation abschaltet und verbringt dann auch noch die Nacht bei der Familie, damit die Witwe nicht allein einschlafen muss. Der Fallschirm des Opfers wird in einem Industriegebiet gefunden, wir erfahren, dass eine wichtige Leine dieses Fallschirms durch „ein Messer oder ein anderes scharfes Instrument“ durchgeschnitten worden ist. „Aha“, sagt der Kommissar, „mit einem Messer also?“

Die Familie muss sich von Leo Janek verabschieden. © WDR / Thomas Kost

„Oder einem anderen scharfen Instrument“, unterstreicht der Forensik-Experte nochmals, der seine Ausbildung wahrscheinlich bei Oberinspektor Stephan Derrick gemacht hat und daher gewohnt ist, alles mindestens zweimal zu erklären. Diese klassische Ausbildung würde auch erklären, warum es ihn nicht stört, dass die Kommissare den Fallschirm als zentrales Beweisstück in einem Mordfall mit bloßen Händen ausgegraben haben. Als sie ihn nach Fingerabdrücken auf dem Schirm fragen, hat er nur solche vom Verdächtigen gefunden, die von Kollegen verschweigt er wahrscheinlich gewohnheitsmäßig.

Schwerelos ist vermutlich bestens geeignet für vorweihnachtliche Stunden in einer Polizeischule. Nun ist die echte Polizeiarbeit sicher oft alles andere als filmreif. Stundenlange Verhöre, optisch langweilige Recherchen im Internet und am Ende sind ja die überwiegende Mehrzahl der Fälle doch Beziehungstaten im engeren Umfeld. Aber was uns in diesem Dortmunder Fall an Ungereimtheiten und augenfälligen Ermittlungsfehlern serviert wird, das ist schon zuviel des Guten. Beim Grundkurs „Sichern von Tatorten“ hat das gesamte Team geschwänzt, das außerdem dringend mal in einer gruppentherapeutischen Sitzung klären sollte, wie man einen professionellen Umgang mit Kollegen und Menschen pflegt, die man im Rahmen seiner Polizeiarbeit kennenlernt. Natürlich ist es spannend, wenn der eine oder andere Kommissar mal einer Tatverdächtigen emotional etwas zu nah kommt, spätestens seit „Basic Instinct“ überrascht uns das nicht mehr.

Kommissarin Nora Dalay wagt ihren ersten Fallschirmsprung. © WDR / Thomas Kost

Aber dass eine ermittelnde Kommissarin mit dem Haupt-Tatverdächtigen mehrfach ebenso illegale wie lebensgefährliche Fallschirmsprünge macht und zum krönenden Abschluss noch mit ihm in der Luftaufsichtsbaracke Liebe macht – das schlägt dem Fass den Boden aus. Wenn Nora Dalay nicht gerade mit dieser Art der Ermittlungsarbeit beschäftigt ist, spielt sie übrigens mit einem Kranich, den sie aus dem Ultraschallbild ihres abgetriebenen Kindes gefaltet hat, das sie wiederum vom Kollegen Kossik hatte. Der wiederum entwickelt aus der tragisch gescheiterten Beziehung geradezu seherische Kräft, schon bevor er das Blut im Kofferraum von Jules findet, nennt er ihn einen „Verdächtigen“. Wir Zuschauer hatten bis dahin keine Ahnung. Aber gerade auch Hauptkommissar Faber benimmt sich unangemessen und grenzüberschreitend gegenüber dem Sohn des Opfers, als er einfach gegen den Willen der Mutter entscheidet, was besser für den kleinen Martin ist. Und Hauptkommissarin Bönisch brüllt zwar immer wieder „Kindergarten!“ ins Büro hinein, ist aber innerlich vor allem damit beschäftigt, ihren Sohn zu suchen, der offensichtlich verschwunden ist.

Die Springerfreunde feiern nachts in einem Club. © WDR / Thomas Kost

Nein, Schwerelos ist keine Höhepunkt der TATORT-Reihe. Die Handlung scheppert oft richtungslos dahin, über Ungereimtheiten wird einfach hinweg gegangen. So fragt der Anwalt von Jules zwar nach dem Durchsuchungsbeschluss und auch Hauptkommissarin Bönisch mahnt das Problem an, wie das Ganze ausgeht, wird uns Zuschauern aber nicht erzählt. Ebensowenig sehen wir, wie Bönisch ihren Sohn wiederfindet, sie erfährt telefonisch, dass man ihn gefunden hat. Da das aber zumindest die emotionale Klammer des Films sein sollte, hätten wir uns doch gefreut, dazu vielleicht sogar ein Bild sehen zu dürfen.

Der Film ist ebenso unentschlossen wie bedeutungsschwer. Ständig schauen Menschen einander an oder Menschen schauen Architektur an oder Menschen schauen Fallschirme an. Das gibt der Kamera die Gelegenheit für spektakuläre Aufnahmen von Industriearchitektur des Ruhrgebiets und weniger spektakuläre Aufnahmen von Fallschirmsprüngen und lange Schwenks über schauende Menschen. Es tut fast schmerzlich leid, wenn man großartigen Schaupielerinnen wie Anna Schudt und Aylin Tezel zusehen muss, wie sie gleichzeitig unterfordert und überfordert durch diesen Film stolpern. Denn einerseits sind sie in den einzelnen Szenen simpel gestrickt, sollen aber in dem Film gleichzeitig rational handelnde, bestens ausgebildete Powerfrauen darstellen, die sich vom Hauptverdächtigen in einen Strudel der Leidenschaften und dann einfach mal von einer Brücke springen. Mehr Leichtigkeit hätte Schwerelos gut getan.

Jakob Hein
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/
 


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