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Heute ist der: 11.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Niedere Instinkte

Medea in Leipzig

Warum denn bloß erst jetzt? 20 lange Folgen lang ließ der MDR sein Ermittlerteam Saalfeld/ Keppler häufig mehr oder selten weniger uninspiriert durch Leipzig treiben und mehrheitlich Fälle aus dem Krimi-Baukasten lösen. Zum letzten der Fall der beiden traut man sich nun plötzlich was im Osten, verlässt die ausgetretenen Pfade und nutzt einfach mal das bereitstehende Potenzial – und schon steht da zum Abschied ein vielschichtiger, spannender und teils sogar verstörender Film, an den man sich noch eine Weile erinnern wird.

Ihr letzter Fall: Keppler und Saalfeld. © MDR / Saxonia Media / Junghans

Es beginnt mit dem Alptraum aller Eltern: Die achtjährige Magdalena wird auf dem Weg zur Schule entführt. Erst einen Tag später fällt das den Eltern überhaupt auf. Das Leipziger Kommissarsteam fühlt sich besonders betroffen von dem Geschehen – schließlich hatten Saalfeld und Keppler einst, als sie noch ein Paar waren, selbst eine Tochter, die als Kind zu Tode kam. Sie können die Panik der Eltern also nachvollziehen. Genau genommen: Sie könnten die Panik der Eltern also nachvollziehen, doch die verhalten sich gänzlich anders als erwartet. Als Teil einer christlichen Fundamentalistengruppe vertrauen sie darauf, dass Gott ihnen nur eine Prüfung auferlegt hat und ihrer Tochter schon nichts tun wird.

Kantinen-Katharsis

Auf der anderen Seite steht dagegen ein verhindertes Elternpaar, dass sich nicht abfinden kann, kinderlos zu bleiben, und also recht handfest für Abhilfe gesorgt hat. Das entführte Kind soll den fehlenden eigenen Nachwuchs ersetzen. Eher nur für kurze Zeit, quasi zum Reinschmecken, wie Wolfgang Prickel meint, der zuständig war für die Kindsbeschaffung. Doch wohl eher für immer, wie seine offenkundig psychotische Frau Monika recht schnell klarmacht.

Der Vater des vermissten Mädchens. © MDR / Saxonia Media / Junghans

Ein TATORT mit offener Täterführung also, der uns drei Paare und ihr unübliches Verhältnis zum eigenen Nachwuchs präsentiert. Unüblich ist auch die gesamte Inszenierung: Zum zweiten Mal in recht kurzer Zeit wird nach Murots Vater-Sohn-Gemetzel der TATORT zum klassischen Drama. Diesmal ist die verworrene Weltliteraturgeschichte um Medea das Leitbild, jene männerverschlingende und kindertötende Figur aus der griechischen Mythologie. Theatermann Wuttke ist erstmals auf ureigenem Terrain, wenn er nicht nur die Hauptrolle, sondern auch dem Zuschauer gegenüber den Erzähler gibt. So wie auch manche der Szenen absichtsvoll theaterhaft wirken, etwa in einer als Kantinen-Katharsis überhöhten Streitszene zwischen Saalfeld und Keppler.

Eine grausige Entsprechung findet der Verweis auf die griechische Tragödie im Entführerpaar, die optisch durch ihre Auftritte mit Masken unterstrichen wird. Die dienen allerdings dem Ziel, dass die kleine Magdalena sie nicht erkennen möge. Überhaupt, Magdalena. An bedeutungsschwangeren Anspielungen mangelt es wahrlich nicht: So wie Magdalena einst Zeugin der Auferstehung von Jesus wurde, so wird Keppler im Lauf dieses Falls gar selbst zum Messias.

Die Entführer. © MDR / Saxonia Media / Junghans

Auflösungen für alle Beteiligten

Dass der Film trotz dieser metaphorischen Bürden nicht zusammenbricht, sondern vielmehr sogar ausnehmend spannend ist, liegt an der atmosphärischen Inszenierung ebenso wie an den ungewöhnlichen Figuren, die sich den üblichen Einordnungen weitgehend entziehen und auch im Lauf des Films im Ungeklärten gelassen werden. So wenig, wie die wahnhafte Wunschmutter sich in die Karten schauen lässt, weder von ihrem Komplizengatten noch vom Zuschauer, so wenig greifbar wird auch die Opferfamilie, was den Zuschauer in ein merkwürdiges Dilemma stürzt: Die frommen Leute haben ja gar nichts getan, sie sind wahrhaftige Opfer, und doch wird die Identifizierung mit ihnen fast verunmöglicht, weil sie so gar nicht der Norm entsprechen.

So bleibt vieles in der Schwebe, die emotionalen Routinen greifen nicht, beim Publikum ebenso wenig wie bei den Ermittlern, was bei Letzteren zum Aufbrechen auch ihrer ungeklärten Gefühle führt. Am Ende stehen, ganz traditionsbewusst, Auflösungen für alle Beteiligten.

Keppler flirtet mit seiner Nachbarin. © MDR / Saxonia Media / Junghans

Einfachen Erklärungsmustern entzieht dieser ungewöhnliche TATORT sich, eine wohltuende Abwechslung zu vielen Filmen der Reihe, bei denen die unterschiedlichen Handlungsebenen leicht interpretierbar verschiedene Facetten eines Themas ausleuchten. Die Niederen Instinkte (ein merkwürdig banal-beliebiger Titel für diese außergewöhnliche Geschichte) erschließen sich nicht so ohne Weiteres, trotz eines recht handfesten Falls und klaren Endes. Das trägt zur nachhaltigen Wirkung übrigens erheblich bei.

Nicht zuletzt aber ist es vor allem der Tatsache geschuldet, dass Wuttke ganz am Ende seiner TATORT-Exkursion endlich mal zumindest in Ansätzen zeigen darf, was er eigentlich kann, dass das Ende dieser nie ganz ausgegorenen MDR-Zwischenära gut in Erinnerung bleiben wird. Wehmut überfällt einen dennoch nicht ob des Abschieds, dafür waren die vorangegangenen Jahre einfach zu unambitioniert. Gut also, dass es vorbei ist. Aber schön auch, dass diese glücklose Phase zumindest etwas versöhnlich endet. Man hat als TATORT-Konsument ja eben doch ein paar Jahre gemeinsam mit den beiden verbracht.

Dass man sich nicht zu sehr von plötzlicher Endzeit-Nostalgie einlullen lässt, dafür sorgt allerdings schon die Skepsis gegenüber dem MDR. Denn die Hoffnung auf einen Neuanfang wird getrübt durch die Erinnerung an das Erfurt-Desaster. Aber halten wir es einfach mit den Eltern der kleinen Magdalena und hoffen auf die Einsicht höherer Mächte – und auf echte Erlösung.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/
 


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