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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und die Kinder von Gaarden

Ohne Perspektive

"Borowski und die Kinder von Gaarden" ist in erster Linie ein Sozialdrama. Und nur in zweiter ein Krimi. Wieder einmal sahen sich die Verantwortlichen des TATORTs in der vermeintlichen Pflicht, vor allem gesellschaftspolitische Missstände zu thematisieren. Sicher aus gutem Grund: Nirgendwo schauen verlässlich mehr Menschen hin im Fernsehen. Nirgendwo sind so viele bereit, sich auf schmerzliche Geschichten aus diesem Land einzulassen. Der Mordfall als das Trojanische Pferd. Und drin ein Stück Deutschland, meistens kein freudvolles. Diesmal geht es um das Schicksal von Jugendlichen in Problembezirken einer Stadt.

Borowski findet Leon in seinem Versteck. © NDR / Christine Schroeder

Borowski ermittelt in Kiel. Kaum jemand weiß, dass die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins mit 28,7 Prozent Kinderarmut weit über dem Bundesdurchschnitt liegt (15,2 Prozent). Der Stadtteil, der am meisten betroffen ist, ist das titelgebende Gaarden, in dem 58,4 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in "einkommensarmen" Familien leben. Einer der Gründe ist der Wegfall von Arbeitsplätzen bei den großen Arbeitgebern an der Ostsee, etwa den Werften oder der Fischerei.

In Gaarden wohnt auch der 60-jährige Otto Steinhaus, ein ehemals verurteilter Kinderschänder. Nun, nach seiner Haftstrafe, ist er von Hamburg nach Kiel gezogen und lebt dort reichlich verwahrlost von Hartz IV. Die Kinder des Stadtteils gehen bei ihm ein und aus - es fließt Alkohol, Pornos werden angeschaut. Eines Tages liegt Steinhaus erschlagen in seinem Blut. Bald schon stellt Borowski fest, dass die Nachbarn sehr wohl alle wussten von den wilden Partys bei Steinhaus, doch eingeschritten ist niemand. Nur um den Hund des Toten machen sie sich Sorgen: "Was soll denn aus ihm werden? Er kann doch nichts dafür."

Thorsten Rausch und Sarah Brandt kennen sich von früher. © NDR / Christine Schroeder

Die Kinder sind auf sich allein gestellt in dieser Gegend, in der jeder um seine eigene Existenz kämpft. Borowski lernt sie nach und nach kennen. Vor allem den jungen Timo Scholz. Von ihm gibt es ein Video, das ihn in einer verfänglichen Situation mit dem Opfer zeigt. Doch er bestreitet einen Missbrauch. Und mit dem Mord will er ohnehin nichts zu tun haben. Derweil kümmert sich Timos kleiner Bruder Leon rührend um den Hund des Toten. Dass er etwas Wichtiges gesehen hat, verschweigt er zunächst.

Während sich Borowski vor allem mit den rebellischen und frustrierten Kindern und Jugendlichen konfrontiert sieht, begegnet seine Kollegin Sarah Brandt dem Polizisten Thorsten Rausch und damit auch ihrer eigenen Vergangenheit. Denn Rausch, der nun eine Art Dorfpolizist in Gaarden ist, kennt Sarah als "kleine Nachbarin" von früher. Sie entwickelt ein persönliches Interesse an ihrem "Helden" von einst, doch der erfahrene TATORT-Zuschauer ahnt bereits: Wenn sich plötzlich und unerwartet lokale Polizisten in einen Fall einmischen, sind die meist auch selbst nicht ganz unbeteiligt.

Timo Scholz ist verzweifelt. © NDR / Christine Schroeder

Nach Komödien für Privatsender und der Siegfried-Lenz-Verfilmung "Das Feuerschiff" ist Borowski und die Kinder von Gaarden der erste TATORT des 1968 geborenen Regisseurs Florian Gärtner. Er habe sich, betont er, gefreut, dass er die Chance erhielt, einen Film mit dem Kieler Ermittler Borowski in Szene zu setzen. Das Duo Milberg und Kekilli sei immer wieder neu und spannend. "Da kann ich mehr beitragen, als einen weiteren Fall von zwei Herren zu bebildern, die ihre Witze machen und nebenbei einen Fall aufklären." Mit seinem Debüt ist fraglos aufrüttelndes und höchst relevantes Fernsehen gelungen, in dem jedoch nur nebenbei ein Fall aufgeklärt wird. Denn wer nun am Ende der Täter war, spielt in dieser Sozialstudie nur eine untergeordnete Rolle.

Auffällig gut gelungen ist die Auswahl der jungen Darsteller, allen voran Bruno Alexander und Amar Saaifan. Das Drehbuch von Eva und Volker A. Zahn legt ihnen zwar den einen oder anderen etwas überkandidelten Satz in den Mund. Doch vermitteln sie dem Betrachter, der solcherlei gesellschaftliche Milieus nicht unbedingt kennt, einen glaubwürdigen Einblick, ohne vordergründig schlicht Mitleid erzeugen zu wollen.

Kai-Oliver Derks - Teleschau Mediendienst


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