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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das Muli

Es ist nicht Fernsehen, es ist TATORT

Alles neu? Das mittlerweile etwas angestrengte „Bäumchen-wechsle-dich-Phänomen“ in TATORT-Deutschland hat bekanntermaßen auch das langjährige Berlin-Team Ritter und Stark ereilt. Nun dürfen  die Neuen erstmals ihr Glück versuchen.

Eine junge Frau wurde am Tatort in Stücke geschnitten. © RBB / Frédéric Batier

Irgendwie geht es schon ein wenig hektisch zu beim Quotenrenner der Republik. Seit einiger Zeit erinnern die immer rasanteren Schauspieler-Austauschverfahren verantwortlicher Sendeanstalten zunehmend den Beschäftigungsbedingungen der Fußball-Bundesliga. Wenigstens denen derer, die sich auf den Abstiegsplätzen tummeln. Ein TATORT-Quotentief - aus was für Gründen auch immer - mag sich kein Sender erlauben. Warum so nervös? Das ist doch eigentlich alles gebührend abgesichert!

Auf Nummer sicher!

Nach dem etwas holprigen Abgang der Veteranen Dominic Raacke und Boris Aljinovic, dürfen also zwei neue Hochkaräter der deutschen Schauspiellandschaft, Meret Becker und Mark Waschke, die Berliner Tatortgeschichte erfolgreich weiter schreiben. Der RBB geht dabei mit dem neuen TATORT Das Muli auf Nummer sicher. Becker und Waschke dürfen unter der Regie des dreifachen Grimme-Preisträgers Stephan Wagner zeigen, was sie können. Regisseur Wagner hatte bereits 2013 mit dem TATORT Gegen den Kopf - nach der Allzeit-Bestenliste des Tatort-Fundus einen der beliebtesten Tatorte überhaupt - abgeliefert. Damals auch verantwortlich für den Inhalt, setzt er dieses Mal, beim ersten Fall von Rubin und Karow allerdings in erster Linie das Skript von Drehbuchautor Stefan Kolditz ("Unsere Mütter, unsere Väter") um. Vielleicht gelingt es ja das „Boulevardtheater TATORT“ (Meret Becker) ein wenig aufzumischen!

Die Ermittler sind bei ihrem TATORT-Debüt gleich voll gefordert. © RBB / Frédéric Batier

Der Fall

Ein jugendliches Mädchen (Emma Bading) irrt blutverschmiert durch Berlin. Niemand hilft ihr. Völlig verzweifelt ruft sie ihren alteren Bruder Ronny (Theo Trebs) in einer geschlossenen Einrichtung fur straffällige Jugendliche an. Ronny folgt dem panischen Anruf seiner Schwester obwohl er kurz vor der Entlassung steht, und bricht aus um ihr zu helfen.

Während Ronny und Jo vor mysteriösen und brutalen Verfolgern fliehen müssen, beginnt gleichzeitig für Neuling Robert Karow der erste Arbeitstag in der Mordkommission, an einem extrem blutigen Tatort. Das Badezimmer einer leeren Ferienwohnung - die lokalpolitisch formvollendet ironisch einem Schwaben gehört - ähnelt einem Schlachthaus. Von der Leiche fehlt jede Spur und das mit Spannung erwartete Zusammentreffen des neuen TATORT-Teams beginnt bezeichnenderweise in egalitären Sci-Fi-Ganzkörperschutzanzügen. Hier haben die Verantwortlichen nette Bilder gefunden, um den Schlagwörtern der Presseberichte über das neue Team wenigstens etwas Wind aus den Segeln zu nehmen. Männlein, Weiblein, Ost und West, emotional oder analytisch ... die erste gemeinsame Kameraeinstellung und der Dienst an der Sache eliminiert für den Anfang die Unterschiede.

Die verzweifelte Jo hat ihren Bruder Ronny herbeigerufen. © RBB / Frédéric Batier

„Gut Anna, holn se mir nen Kaffee“  (Karow)

Selbstverständlich dürfen die Zuschauer im Folgenden trotzdem genießen was die Weddinger Kodderschnauze und der verhinderte Pankower Jurist an menschlichen Reibereien zu bieten haben. Besonderes Augenmerk gilt in diesem Einstiegstatort der lebenshungrigen Nina Rubin. Ihr geht es um höchstmögliche Intensität in ihrem Leben. Ob das der leidenschaftliche Quickie mit einem Kollegen nach einer durchtanzten Nacht ist oder eine Mordermittlung für die sie ihren Urlaubstag opfert, scheint dabei austauschbar. Kolditz und Wagner finden spannende und vielschichtige Wege das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu beleuchten, ganz Abseits von Klischees. Das alles macht gründlich Spaß! Gerne folgt der Zuschauer dieser Darstellung von herrlich politisch unkorrektem Polizeialltag und untypischer Lebensführung.

Leider ist das gleichzeitig das Problem des Einstands. Das Muli ist etwas lau geraten.  So spannend, facettenreich und interessant die privaten Hintergründe der neuen Ermittler, insbesondere die von Nina Rubin, auch sein mögen, sie überschatten und verdrängen den Fall. Das Schicksal von Brüderchen und Schwesterchen, allein im trostlosen Flughafen BER - dem Berliner Synonym für Scheitern - berührt wenig. Die überzeichneten Drogenbosse die irgendwo zwischen "The Wire" und "Im Angesicht des Verbrechens" anzusiedeln sind, wirken wenig glaubhaft und sogar ein wenig lächerlich. Auch das Berlin in diesem TATORTt, die dritte Hauptfigur sein soll, bleibt ein werbetauglicher Slogan. Trotz der vielen unterschiedlichen Drehorte wird hier jedenfalls keine erkennbar neue Sicht auf die Stadt präsentiert. Soziale Härte, Vogelperspektiven, Fernsehturm, Autofahrten durch das Pallasseum und markante Bauruinen, all das hat es auch mit Ritter und Stark schon gegeben.

"Heutzutage denkt ihr kleinen Pisser das es einfach darum geht gierig zu sein, dass es keine Regeln mehr gibt." (Andi Berger)

Stephan Wagner selbst hat in einem Interview die Ingredienzien seines gelungenen TATORTs, von 2013, benannt. Während Gegen den Kopf als ein rein fallbezogener TATORT, den privaten Hintergründen der Ermittler keinen Raum gab, fragt man sich bei diesem TATORT jedoch mitunter, warum es überhaupt einen Fall geben muss. So sehr ist die Dynamik der Ermittler in Szene gesetzt.

Aber die Dinge werden sich wohl ähnlich wie in Dortmund entwickeln. Wenn Nina Rubin und Robert Karow erst mal als Gesichter des Berliner TATORTs akzeptiert sind, haben gute kriminelle Fallgeschichten auch wieder ordentlich Platz. Dann schaffen Waschke und Becker es vielleicht sogar ihre Vorlieben durchzusetzen und der TATORT-Reihe, ähnlich wie der Kollege Tukur in Wiesbaden, auch mal unerwartetes abzuverlangen. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem ungeklärten Fall? Oder gar ein offenes Ende? Traditionsbrüche? Das jedenfalls hatte sich Mark Waschke in einem Interview mit der Berliner Morgenpost gewünscht. Und auch Meret Becker mag es lieber „offen und uneindeutig“.

Bleibt zu hoffen, dass uns dieses vielversprechende Team trotz grassierender tatörtlicher Gefallsucht, für längere Zeit spannende Sonntage beschert.

Nadja Israel


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