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Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und der Himmel über Kiel

Schonungslos ehrlich

Wenn es denn auch eine Aufgabe des TATORTs ist, ein Stück der Wirklichkeit Deutschlands abzubilden, dann war dieser Film hier überfällig. Viel zu selten wird das Thema "Drogen" im Fernsehen thematisiert. Was sowohl für fiktionale Filme als auch für Dokumentationen und Reportagen gilt. Und wenn, dann geht es in vielen Krimis meist um die Dealer oder um kriminelle Organisationen, die eine anonyme Masse mit Drogen versorgen.

Mike mit seiner Freundin Rita Holbeck. © NDR / Christine Schröder

Im neuen TATORT aus Kiel ist das anders. Hier bekommen die Menschen, die auf Droge sind, ein Gesicht. Und nein, kein klischeehaft gezeichnetes. Sondern ein schönes, sympathisches, sehnsuchtsvolles. Borowski und der Himmel über Kiel ist ein außergewöhnlich mutiger TATORT. Ein Film, der seinen Mut nicht wie zuletzt viele vor ihm durch eine gewagte Inszenierung beweisen will, sondern durch eine schonungslose Ehrlichkeit, mit der er sich eines brisanten Themas annimmt.

Der Regisseur Christian Schwochow hat gerade mal eine einzige Folge der erfolgreichen US-Serie "Breaking Bad" gesehen. Was gut so ist. Hier wie dort geht es um die Modedroge Crystal Meth. Nur dass Schwochow, der zuletzt für seinen Grenzöffnungsfilm "Bornholmer Straße" gefeiert wurde, nicht die Herstellung und der Handel, sondern einzig und allein den Konsum in den Mittelpunkt stellt. Aber ganz am Anfang steht, wie es sich für einen TATORT ja gehört, ein Mord. Es ist ein ausnehmend brutaler.

Klaus Borowski will mehr über das Leben des Ermordeten herausfinden. © NDR / Christine Schröder

Mit dem Beil trennt ein Unbekannter dem da wohl bereits toten Mike den Kopf ab. Und nur der wird zunächst auch gefunden in einem Fluss nahe Mundsforde, einem kleinen Dorf bei Kiel. Borowski und seine Kollegin Sarah Brandt nehmen die Ermittlungen auf und stellen bald fest: Mike, 20 Jahre jung, war abhängig von Crystal. Den entscheidenden Hinweis zu seiner Identität, die lange unklar bleibt, erhalten sie schließlich von der jungen Rita, die bis vor einer Weile eine Beziehung zu Mike unterhielt. Eine, die auf den Drogen fußte. Rita, das weiß der Zuschauer früh, wird offensichtlich von den Dealern unter Druck gesetzt, der Polizei keine Auskunft zu geben. Das Mädchen wird es trotzdem tun. Und sie wird dafür gleich mehrfach bezahlen.

Natürlich geht es am Ende um die Suche nach Mikes Mörder und nach dessen Motiv. Aber wirklich im Mittelpunkt des Films steht sie nicht. Borowski und der Himmel über Kiel ist sicher kein neuer "Christiane F.", aber auch nicht so weit davon entfernt: Es ist ein Film über Drogen, über ihre Folgen und über die Menschen, die sie nehmen. Warum es die junge Rita tut, die bald schon im Zentrum aller Ermittlungen steht? "Es ist einfach das geilste Gefühl der Welt", sagt sie auch dann noch, als sie den ersten Entzug schon hinter sich hat. Der Autor Rolf Basedow lässt sie freimütig erzählen, ja schwärmen von den Gefühlen, die Crystal Meth heraufbeschwört.

Borowski fühlt sich bald schon in gewisser Weise verantwortlich für die junge Rita. © NDR / Christine Schröder

"Wenn man Menschen davor bewahren will, dass sie eine so gefährliche Droge wie Crystal Meth nehmen - und das ist wirklich ein Dreckszeug -, dann muss man sich mit der Faszination beschäftigen, die die Droge ausstrahlt. Man muss verstehen, worum es geht", sagt Christian Schwochow und erklärt so die mutige Strategie des Films. In Rückblenden wird gezeigt, wie Rita, ein ganz normales Abi-Mädchen aus solidem Haus, in Kontakt mit den Drogen gerät. Es geschieht einfach so. Eben weil es auch Mike nimmt. Und weil das Leben danach eine einzige Party ist, die niemals aufzuhören scheint. Alles wird intensiver erlebt - die Musik, der Sex und das, was man als Liebe zu fühlen glaubt.

Die vermeintliche Leistungssteigerung, die immer wieder in den Medien im Zusammenhang mit Crystal angeführt wird, spielt keine Rolle, was Uwe Wicha, Leiter einer Fachklinik für Drogenrehabilitation und beratend bei diesem TATORT tätig, unterstützt. Kein einziger seiner Patienten habe diesen Grund als Anfangsmotivation genannt: "Wir müssen damit aufhören, die Droge zu mystifizieren und den Leuten zu erzählen, dass sie leistungssteigernd ist." Tatsächlich berichtet er von einem Zimmermädchen unter seinen Patienten, die auf Crystal acht Stunden ohne Pause putzte "wie eine Weltmeisterin". Aber es war acht Stunden lang das gleiche Zimmer. Dass sie irgendwann ins nächste hätte gehen müssen, war ihr nicht mehr klar.

Sarah Brandt ermittelt in der Kieler Drogenszene. © NDR / Christine Schröder

Dass der neue Kieler TATORT zu einem der bisher besten Borowski-Krimis gehört, liegt zum einen an seiner uneitlen und sich allein dem Thema verpflichtenden Inszenierung. Zum anderen an Axel Milberg und Sibel Kekilli, die sich völlig in den Dienst der Sache stellen und ihre Figuren nicht wichtiger nehmen als den Film als Ganzes. Vor allem aber fußt die Nachhaltigkeit des Krimis auf der schauspielerischen Leistung der jungen und bislang recht unbekannten Darstellerin Elisa Schlott, der das Kunststück gelingt, die junge Rita so zu spielen, dass man sie nicht mehr vergisst.

Mitleid, Wut, Euphorie, Ärger, Trauer und noch mehr - all das fühlt der Zuschauer bei dieser kurzen Reise durch ein verpfuschtes Leben. Elisa Schlott weckt gleich zu Beginn das Interesse für dieses Mädchen und entlässt den Betrachter keine Sekunde mehr aus dieser Magie. Bis hin zur letzten Szene, die den Titel des Films passend zu Drogenkonsum auf kitschige Weise erklärt. Ein kluges Drama, das weiß, dass die Gefahr von Drogen nur zu vermitteln ist, wenn man zumindest versucht, ihre Faszination zu erklären.

Kai-Oliver Derks - Teleschau Mediendienst


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