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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Hydra

Von rechts in die Mitte

Alle mal den Arm heben, wer gegen den Globalisierungswahn ist! Und gegen Mietwucher oder den Bürokratismus aus Brügge! Und dagegen, dass die kleinen Läden alle kaputtgehen, weil sich die großen Ketten in den deutschen Innenstädten breitmachen! Wer will mehr Kitas, mehr Schulen? Soweit d'accord? Herzlichen Glückwunsch, kann man da nur sagen, mit solchen Ansichten befindet man sich in feiner Gesellschaft. Alles politische Standpunkte der Rechtsextremen, so doziert es der erstaunlich klarsichtige Kommissar Faber in einem Schlüsselmoment eines beachtlichen Films.

Bönisch und Faber versuchen mittels eines Rollenspiels zu ergründen, was das Opfer am Tatort wollte. © WDR / Thomas Kost

So klug, schmutzig und wuchtig wie der neue Ruhrpott-Fall hat wohl noch kein TATORT die gesellschaftlichen Unschärfen ums Thema Rechtsextremismus ausgeleuchtet. Dass die Macher das Ekelsujet überhaupt aufgegriffen haben, ist mutig, aber auch schlüssig. Dortmund gilt als notorische Neonazihochburg, die Grenzen zwischen Rechtsextremismus und der gesellschaftlichen Mitte verschwimmen bedrohlich. Die aktuellen Demonstrationen der Pegida-Bewegung sind ein trefflicher, beschämender Beleg, wie sehr Ausgrenzung und Minderheitenbashing wieder gesellschaftsfähig geworden sind in Deutschland.

In den Krimi mit dem sinnbildlichen Titel Hydra hat der Autor Jürgen Werner entsprechend viele Knotenpunkte zwischen den Milieus geflochten. Der Jungermittler Daniel Kossik wird verdächtigt, Informationen an Neonazikreise durchsickern zu lassen, weil sich in denen sein Bruder Tobias seit Neustem herumtreibt. Tobias hat seine neuen "Freunde" im Stadion kennengelernt, in der BVB-Fankneipe tummeln sich viele Glatzen unter Kloppos Pöhlerkäppie - von wegen "echte Vaterlandsliebe".

Kossiks Bruder Tobias ist in die rechte Szene gerutscht. © WDR / Thomas Kost

Ein andermal stellt sich ein führender rechter Kader als Student der Germanistik vor, die hochschwangere Ehefrau seines ermordeten Rivalen ist Kindergärtnerin - auch sie teilt das braune Gedankengut. Um im Bild zu bleiben: So viele kahlrasierte Köpfe kann man gar nicht abschlagen, wie sie in die gesellschaftliche Mitte reinwuchern. Na Prost Mahlzeit!

Was diesen Krimi vor der ehrbaren, aber unergiebigen Empörhaltung der political correctness bewahrt, ist aber in erster Linie der immer famoser agierende Hauptkommissar. Faber geht es einzig darum, einen Mord aufzuklären. Dass das Opfer der Anführer einer Neonaziorganisiation war, scheint ihm schnuppe. Während die angewiderte türkischstämmige Kollegin Nora Dalay viel Porzellan zerschlägt (wofür sie teuer bezahlt), entlockt der verwahrloste Exzentriker den Befragten manch wichtige Information durch reaktionäre Kumpanei. Was ein echter Zyniker ist, hat keinen Anlass, die Welt in gut und böse zu trennen. Bei Faber ist eh alles am Arsch. So sieht er ja auch aus.

Nora Dalay hat sich mitten in der Nacht in eine Falle locken lassen. © WDR / Thomas Kost

Nicht nur der Faber läuft zur Hochform auf. Der ganze Dortmund-TATORT steht mit Fall Nummer fünf voll im Saft, wie man sich das von Anfang an gewünscht hätte. Das Team gewinnt an Schärfe, die Charaktere an Profil, die Rädchen greifen immer besser ineinander, wenn auch nur erzählerisch. Im offenbar von den Rechten unterwanderten Kommissariat wird nicht immer mit-, sondern bisweilen auch gegeneinander gearbeitet. Immerhin schwingt sich die tapfere Martina Bönisch zur Mutter der Kompanie auf, während ihr eigentlicher Chef im abgeranzten Parka seinen Idiosynkrasien frönt.

Dass Kommissar Faber der rechtmäßige Erbe der Duisburger TATORT-Legende Schimanski sein soll, lässt sich mittlerweile übrigens als Mythos entlarven. Schimi war Bauchmensch mit Gerechtigkeitskompass. Der Faber ist hingegen voll und ganz Kopfmensch, allerdings einer, der berechtigte Angst äußert, den Verstand zu verlieren. Was längst kein Nachteil ist. In Zeiten des Wahnsinns ist der Irre ein König.

Jens Szameit - Teleschau Mediendienst


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