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Heute ist der: 18.12.2018. --> Bis heute wurden 1087 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Peter Espeloer

"Du bisch awwa ah net vun do"

Im Rahmen des SWR-Sommerfestivals 2014 konnten rund 1.000 Fans den 60. Ludwigshafener TATORT "Blackout" vorab in Mainz sehen. Kurz vor der Premiere sprach der Tatort-Fundus mit Peter Espeloer über kurpfälzisch-babylonisches Sprachgewirr, revolutionäre Tatortideen und rausgeschnittene Mutproben.

Peter Espeloer in "Der Präsident". Bild: SWR

Wie sind Sie zum TATORT gekommen? Wie und wann wurden Sie Peter Becker?

Das war 1998 in Engelchen flieg. Ich hatte vorher mit Hartmut Griesmayr, der diesen TATORT gedreht hat, bei einem Vierteiler mitgemacht. Der hieß Kinderärztin Leah mit Frau Thomalla. Er hat mir erzählt, dass er diesen nächsten TATORT macht und dass sie die Absicht haben das Ganze ein bisschen lokalkoloristisch aufzuhübschen. Er wusste, dass ich diesen Dialekt kann, weil die Rolle, die ich bei Kinderärztin Leah gespielt habe so fad war, dass ich gesagt habe, lass' es uns doch im Dialekt machen. Er fand das nett, deswegen hat er mich vorgeschlagen und gesagt "ich kenn da einen der kann diesen Dialekt" und so kam das.

Haben Sie die Figur selbst mitentwickelt?

Ich hab gar nichts entwickelt - da stand irgendwann "Becker". Ich übersetze jedoch immer die Drehbücher an den entscheidenden Stellen. Die kommen immer in Hochdeutsch, d.h. im Konjunktiv, Dativ und die ganzen Dinger, die es im Kurpfälzischen gar nicht gibt. Dann steht man manchmal da und versucht etwas zu übersetzen und sagt dann: Na, geht halt doch nicht. Wenn da Bonbon steht müsste man eigentlich Gutsel sagen, aber das weiß dann wieder keiner und dann hofft man auf den Regisseur, der die Zeit und die Lust dazu hat - manche Regisseure haben da eher Lust drauf, manche weniger.

Ich habe die Figur durch meine Anwesenheit beeinflusst. Ich kann sie aber auch nur soweit beeinflussen, wie sie vorhanden ist. Das kommt halt drauf an - je nach Drehbuchautor oder je nach Regisseur hat man daran einfach mehr oder weniger Interesse.

Aber es macht mir große Freude und viel Spaß mit dem Team, was auch eigentlich als befreundet betrachtet werden kann. Wenn wir uns treffen gehen wir auch alle zusammen essen und haben es nett. Das ist wirklich schön. Ich bin froh, dass ich dabei sein darf.

Siegel aus Ludwigshafen. Bild: SWR

Kennzeichen Dialekt: Den Dialekt, den Sie sprechen is awwa ah net uuubedingt vuuun Ludwigshaafe?!?

Okay erwischt! (lacht)

Zunächst gibt es nicht DEN kurpfälzischen Dialekt. Das genaue Ohr hört einen Unterschied auf 100 Meter. "Du bisch awwa ah net vun do? - Näää, vun da Vogelstang" - oder so. Ob jetzt Innenstadt Mannheim, Vogelstang oder Hemshof oder oder... da sind leichte Veränderungen. Ja, also auch wenn man jetzt Frau Keller nimmt: ihr kurpfälzisch changiert eher nach Worms - aber das ist ja natürlich auch noch Kurpfalz - das rutscht da so'n bisschen ins hessische. Wobei man denen des net sagen darf, sonst schimpfen die! (lacht)

Mein Dialekt ist eher Richtung Heidelberg. Ich bin auch in Heidelberg geboren - das ist quasi meine Muttersprache. Ich versuch' das so abzumildern, dass man es vielleicht auch außerhalb der Kurpfalz noch versteht. Wobei der Bayer an sich, sich darüber zum Beispiel auch keine Gedanken macht. Also hier in der Kurpfalz denkt man, das muss immer in hochdeutsch sein, sonst glauben die, du bist behindert. Und in Österreich oder Bayern ist das denen völlig egal. Ich bin ein echter Dialekt-Fan. Ich finde Dialekt toll. Damit kann man Sachen machen - Sachen sagen, die man im hochdeutschen gar nicht hinkriegt - umgekehrt allerdings auch.

Privat sprechen Sie keinen Dialekt?

Es ist meine Muttersprache, ich habe bis zu einem gewissen Alter nicht gewusst, dass es noch andere Sprachen gibt. Später habe ich es dann erfahren und dachte - ups. Privat spreche ich mit meinen Eltern, wenn ich die besuche, natürlich diesen Dialekt. Allerdings auch nur, wenn Leute dabei sind, die diesen Dialekt auch sprechen. Unter Freunden jetzt nicht unbedingt. Die kommen auch aus verschiedenen Ecken. Ich kann auch hochdeutsch, das ist mein Beruf.

Immer mehr Nebenfiguren dürfen mittlerweile einen TATORT tragen - mehr in die Handlung reinkommen, mal persönlich involviert sein, d. h. eine größere Rolle einzunehmen. Wäre das auch denkbar für Sie oder die Figur?

Für mich und die Figur ist auf jeden Fall alles denkbar. Siehe CSI Miami, wo Beckers Fachbereich ausschließlich als thematischer Krimibereich behandelt wird. So gesehen ist der Ludwigshafen-TATORT eher dünn, was die neuen Methoden der Ermittlungen betrifft. Natürlich ist es denkbar - dazu bräuchte es ein Buch und das Interesse der Redaktion oder eines Autors oder so. Dass diese Nebenfiguren tatsächlich auch ein hohes komödiantisches Potenzial hätten da gibt es auch Beispiele im Verlauf dieser 17 Jahre. Aber dazu muss man, also auf berufener Ebene, Lust haben. Ich hab Lust.

Viele TATORT-Zuschauer sehen Sie ja schon so als heimlicher Star der Ludwigshafener Ausgabe...

Peter Espeloer als Peter Becker in "Der Wald steht schwarz und schweiget". Bild: SWR

Naja, heimlicher Star ist sicherlich übertrieben (lacht). Ich danke für die freundlichen Worte. Nein - ich weiß aber schon auf Grund von Zuschriften, dass die Rolle wahrgenommen wird. Dass das auch geschätzt wird und ich hör dann manchmal, z.B. bei der Wald steht schwarz und schweiget, "da warst du irgendwie besser oder besser als sonst". Ich war nicht besser, es war nur einfach mehr, d. h. ich wurde wahrgenommen und es braucht ein gewisses Maß an Wahrnehmung, um zur Kenntnis genommen zu werden.

Aus unserer Sicht wird es ruhig mal Zeit, dass Ihre Figur mit einer Leiche aufwacht und das er mal ein bisschen in die Ermittlungen mit einbezogen wird...

Sehrsehr gerne - sehr gerne auch mit Frau Schmidt... Keller.

Gibt es einen Lieblings-TATORT?

Mein Lieblings-TATORT, was die Lena Odenthal-TATORTe betrifft, ist Flashback von Herrn Glasner. Den finde ich in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Der ist vom Buch her sehr anders. Und man selbst schaut dann so einen Film natürlich auch anders als ein ‚einfacher’ Zuschauer - man weiß, was man an Material gedreht hat, man interessiert sich dafür, was ist tatsächlich drin, wo sind die Schnitte.

Es ist ja oft so, dass man in einem TATORT so einen persönlichen Liebling hat - so eine Szene oder sowas. Ich erinnere mich z. B. bei der Wald steht schwarz und schweiget - da haben sie mich mal irgendwo oben angebunden, weil es so hoch war und man durfte eigentlich gar nicht hoch auf dieses Plateau - das war meine persönliche Mutprobe. Und am Ende ist diese Sequenz im Film so im Gegenlicht und farblich so diffus und so weit weg, dass man gar nicht sieht, dass ich das bin. Und das obwohl ich soooo tapfer war (lacht).

An solche Sachen erinnert man sich dann beim Schauen. Aber mein persönlicher Odenthal-Favorit ist definitiv Flashback.

Und außerhalb von Odenthal TATORTen?

Weil sie böse sind find ich sehr gut. Der ist einfach klasse gebaut und super gespielt, ganz wunderbar. Ich mag auch nach wie vor Taxi nach Leipzig. Ich mag den Hans-Peter Korff in den zwei Folgen Sterne für den Orient und Gefährliche Träume als SFB Kriminalhauptkommissar Matthias Behnke. Ich mochte Frau Heesters, die erste TATORT-Ermittlerin überhaupt; nicht nur deswegen, weil sie meine Rollenlehrerin auf der Schauspielschule war

Kai Tobie vom Tatort-Fundus mit Peter Espeloer. Bild: Kai Tobie

Wie sieht es mit der Weiterentwicklung aus? Im aktuellen TATORT Blackout wird eine neue Profilerin eingeführt. Ist dies eine Konkurrenzsituation?

Nein - im Prinzip eher nicht.  Es kommt drauf an, in welche Richtung die Geschichte jetzt weitererzählt werden soll. Da habe ich keine Ahnung, was geplant ist. Die Profilerin und der Kriminaltechniker Becker haben ja im Grunde einen ähnlichen Ansatz, im analytischen Sinne; bestenfalls wird da in Zukunft der beruflich/wissenschaftliche Eros eine Rolle spielen. Ich dachte, dass das vielleicht so in Richtung CSI oder so gehen soll. Im Moment sieht es eher nicht so aus. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, daß Becker ein Privatleben hat. 

Viele Zuschauer wünschen sich mehr Dialekt im TATORT!

In diesem Zusammenhang würde ich empfehlen: Schreibt den Redaktionen Emails oder Briefe. Mischt euch ein, wenn ihr dies wünscht. An den Dialektfiguren - wenn ich den fertigen TATORT dann gesehen habe - kann ich feststellen, dass an diesen Figuren meist gekürzt wurde.

Ich finde auch,  dass man dieses Format mal langsam auf den Kopf stellen muss - das ist aber mein persönliches Ding. Macht doch mal innerhalb dieses TATORT eine Kurzserie, erzählt mal eine Geschichte über fünf Teile, ein bisschen weitläufiger (wie z.B. bei der Serie Breaking Bad); die haben ja dadurch die Möglichkeit Dinge in die Breite zu erzählen, das ist eine Riesenchance. Dieses TATORT-Profil darf man nicht als Korsett betrachten.

Um nochmal auf einen meiner LieblingsTATORTe zu kommen: Weil sie böse sind, der ist u.A. deswegen so gut, weil er verschiedene Statuten bricht. Dass der Täter am Ende davonkommt, dass er sympathisch ist, dass diese Morde total bizarr sind. Das ist klasse, weil es anders ist. Oder der Berliner Gegen den Kopf - der war saugut, großartig gefilmt, toll montiert und ungeheuer aufwendig aufgelöst; toll. Da sieht man auch, dass das Sinn macht, wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt, beim Drehen. Z.B. unser Zirkuskind, den wir letztes Jahr gemacht haben: Wenn man genau schaut, sieht man, dass die technische, optische und darstellerische Aufarbeitung dieses Material um einiges besser ist, als die Basis. Das hätte man auch in den Sand setzen können.

Danke für das Gespräch Herr Espeloer!

Ich bin der Beschenkte, hat Spaß gemacht, Ihr macht eine tolle Seite.

 

Das Interview führte Kai Tobie am 30.Mai 2014 in Mainz


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