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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit einem Produzenten

"Ludwigshafen ist im Aufbruch!"

Nils Reinhardt ist Produzent bei der Maran Film GmbH, welche die TATORTe aus Ludwigshafen, Konstanz und Stuttgart für den SWR produziert. Wir sprachen im Zuge des 60. Lena Odenthal TATORTs mit ihm über die Produktion eines TATORTs, 25 Jahre Ludwigshafen-TATORT und was man machen müsste, um selbst einmal einen TATORT zu produzieren.

Nils Reinhardt im Interview. Bild: Maran Film

Wie können wir uns Ihre Arbeit vorstellen? Bekommen Sie ein Drehbuch auf den Tisch und dann "mach mal"? Was sind Ihre Kernaufgaben?

Die SWR TATORTe entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen Maran Film und dem SWR. Das heißt der Grundstein eines jeweiligen TATORTs wird bei einem Treffen mit dem Autor gemeinsam mit der Redaktion gelegt. Dabei kann zum Beispiel ein aktueller Zeitungsartikel ein Auslöser für einen Fall sein oder der Autor kommt mit einer interessanten Idee auf uns zu. Gemeinsam wird der Stoff dann bis zum Drehbuch entwickelt und der Regisseur hinzugezogen, um mit dessen Input den Stoff weiter zu verfeinern. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, zwischen den künstlerischen und dramaturgischen Ansprüchen sowie der Umsetzbarkeit zu vermitteln. Ziel ist es, den Film im Rahmen der vorhandenen finanziellen Möglichkeiten zu realisieren und dennoch dabei die große Vision nicht zu verlieren. Natürlich muss man da auch Kompromisse eingehen, aber Film ist immer Teamarbeit. Letztlich entstehen gute Filme nur, wenn man sein Gegenüber und dessen Anliegen ernst nimmt und versucht gemeinsam Lösungen zum Wohle des Films zu finden.

Sie produzieren auch die Ludwigshafener TATORTe, konnten Sie Ihre eigene Handschrift einbringen? Wenn ja, wie sieht diese aus?

Lena Odenthal und Mario Kopper. Bild: SWR

Mir ist in der kreativen Zusammenarbeit der Faktor Vertrauen sehr wichtig. Autor und Regisseur brauchen eine gewisse Luft zum kreativen Arbeiten. Ich versuche ihnen diesen Rückhalt zu geben und sie vertrauensvoll auf Augenhöhe zu begleiten. Was speziell den Odenthal-TATORT betrifft, steht die Figur Lena im emotionalen Zentrum. Über sie müssen wir den Fall erzählen und den TATORT zu einem "Lena-TATORT" machen. Der Zuschauer muss an Lena andocken können, Lust darauf haben, mit ihr durch diesen Fall zu gehen. Das betrifft aber auch das gesamte Ludwigshafener Ermittlerteam mit Kopper, Johanna, Becker und Frau Keller. Wir schalten den TATORT nicht nur ein, um einen spannenden Krimi zu sehen, sondern auch, um die uns vertrauten Kommissare am Sonntag Abend zu uns nach Hause einzuladen. Spannend wird es ja erst, wenn die Figuren interagieren und es zu Reibungen kommt! Wenn dann noch ein Fall dazukommt, der ein brisantes, kraftvolles Thema behandelt, umso besser!

Was unterscheidet die Arbeit an einem TATORT aus Ludwigshafen von Konstanz und Stuttgart konzeptionell?

Die jeweiligen TATORT-Formate sind natürlich sehr stark von den Kommissaren geprägt. Jeder Darsteller bringt da auch zwangsläufig etwas von seiner eigenen Persönlichkeit mit in die Rolle. Der Stuttgarter TATORT mit Richy Müller und Felix Klare ist beispielsweise aktionaler und urbaner angelegt als der Konstanzer TATORT, der eher von der analytischen Ruhe und Psychologie lebt, die von Eva Mattes ausgeht. Im Zentrum des Odenthal-Formats steht naturgemäß Ulrike Folkerts, die seit 25 Jahren Lena spielt und diese Figur dementsprechend stark geprägt hat. Lena Odenthal zeichnet sich durch ein großes persönliches Engagement aus. Ihre zupackende Art ist sicher charakteristisch für den TATORT Ludwigshafen. Da sind natürlich speziell Fälle oder Gegenspieler spannend, an denen sie sich aufreiben kann. Sie ist getrieben vom unbändigen Willen, den Täter zu überführen. Im Unterschied zu manch anderem TATORT-Kommissar gelingt ihr die professionelle Distanz zum Fall ganz bewusst nicht. Lena muss rennen, kämpfen, rennen, bis sie den Täter festgenommen hat. Oder bis sie selbst umfällt!

Setfoto zu "Hauch des Todes". Bild: SWR

Welcher Dreh ist Ihnen aus Ludwigshafen besonders in Erinnerung geblieben und warum?

Im aktuellen Jubiläums-TATORT Blackout spielt eine der für Ludwigshafen typischen Rhein-Brücken eine zentrale visuelle Rolle. Aufgrund der Windsituation über dem Wasser konnten wir hier keinen gängigen kleinen Oktokopter für den Anflug auf die Brücke benutzen, sondern es wurde mit einem richtigen Hubschrauber gedreht. Hier waren einige Abstimmungsprozesse zwischen dem Heli-Piloten und den Akteuren auf der Brücke nötig, damit am Ende Timing, Einstellung etc. stimmen. Aber der Aufwand hat sich gelohnt! Im fertigen Film gibt es nun einige Flugaufnahmen, die diesem TATORT noch mehr Atmosphäre und Größe verleihen.

Welcher TATORT mit Lena Odenthal ist Ihr Lieblings-Tatort und warum?

Das ist eine schwierige Frage, die man glaube ich gar nicht mit einem Film beantworten kann. Mit den 60 Odenthal TATORTen, die in den letzten 25 Jahren produziert wurden, könnte man ja quasi ein Jahr lang jeden Sonntag plus Feiertage mit einem Lena Odenthal TATORT bestücken. Wäre doch mal eine nette Idee für das Jubiläums-Jahr und sicher auch eine spannende Reise durch den deutschen Zeitgeist! Zu Lena Odenthal gehört natürlich auch immer eine Auseinandersetzung mit starken gesellschaftsrelevanten Themen. Wie zum Beispiel die Arbeitsbedingungen im Discounter-Milieu im TATORT Kassensturz. Für mich haben aber auch TATORTe ihren Reiz, die sich konsequent auf einen raffiniert konstruierten und spannend erzählten Krimi konzentrieren, wie beispielsweise Vermisst oder Kaltblütig. Und damit es nicht langweilig wird darf es gerne auch ab und zu etwas „abgehoben“ zugehen, wie bei Tod im All.

Drehplan zum TATORT "Die Neue". Bild: SWR

Was war Ihr persönliches Highlight beim aktuellen Odenthal-TATORT "Blackout"?

Für mich waren speziell die Szenen, in denen Lena Odenthal auf ihre neue Kollegin Johanna Stern trifft, sehr spannend! Wir haben in der Drehbucharbeit immer wieder über diese Situationen diskutiert und auch für das Casting der neuen Darstellerin im Vorfeld Schlüsselszenen ausgewählt. Den Autoren Eva und Volker Zahn ist da eine gute Tonalität gelungen - eine tolle Mischung aus Reibungen, unterschiedlichen Lebensanschauungen, aber auch Humor und ein unverhoffter Blick in die Seele des Gegenübers. Ulrike Folkerts und Lisa Bitter haben die beiden unterschiedlichen Frauentypen mit einer umwerfenden Energie interpretiert. Sehr spannend, wenn plötzlich die Szenen aus der Theorie zu leben beginnen und eine ganz eigene Dynamik entfachen! Ich glaube, hier findet sich auch für die Zukunft noch spannendes Entwicklungspotential!

Ulrike Folkerts erwähnte im Interview, dass sie sich vorstellen könnte ein Crossover mit den Kollegen aus Stuttgart zudrehen. Was halten Sie von dieser Idee? Was wäre die Herausforderung bei einer solchen Produktion?

Prinzipiell finde ich solche Ansätze interessant. Für den Zuschauer eröffnen sich ganz neue Situationen, wenn die ihm bekannten Kommissare plötzlich in einem anderen Umfeld auf Kollegen treffen. Allerdings müsste eine Zusammenarbeit auch homogen aus der Geschichte heraus erwachsen. Da muss der jeweilige Fall thematisch genug hergeben, um ein Crossover authentisch zu erzählen. Und mehr Kommissare bedeuten natürlich auch immer, dass mehr Figuren bedient werden müssen. Eine große aber spannende Herausforderung für einen Autor, mehrere Kommissare halbwegs gleichwertig durch einen komplexen Fall zu führen.

Wie lange dauert die Produktion eines TATORTs von der Idee bis zur Ausstrahlung in aller Regel - Welche Zeit muss man mindestens einrechnen?

Grob gesagt kann man von 1,5 bis 2 Jahren bis zur Ausstrahlung ausgehen. Für die Stoffentwicklung von der ersten Idee, über Exposé, Treatment bis zum fertigen Drehbuch muss man mit bis zu einem Jahr rechnen. Die eigentliche Produktionsphase umfasst dann ungefähr ein halbes Jahr, in dem der Film vorbereitet, gedreht, geschnitten und fertiggestellt wird. Der Dreh dauert dabei fünf Wochen. Das ist quasi die heiße Phase, auf die alles zuläuft und in der die Abstimmungsprozesse am kürzesten sind. Bei den Themen und der Stoffentwicklung kommt es also darauf an, mindestens ein Jahr im Voraus zu denken.

Lena Odenthal ist seit 25 Jahren Kommissarin in Ludwigshafen und ein Ende ist nicht in Sicht - alle Beteiligten erklären, weiter machen zu wollen. Wie wird sich der TATORT Ludwigshafen verändern und entwickeln - welche Rolle spielt dabei jetzt die Einführung der Profilerin?

Im Zentrum dieses Formats steht nach wie vor Lena Odenthal. Mit ihr wollen wir durch den jeweiligen Fall gehen. Sie ist eine starke erfahrene Kommissarin, die aber auch mal an ihre Grenzen stoßen und Fehler machen darf! Gerade das macht die Figur ja für den Zuschauer und letztlich auch für die Schauspielerin interessant. Ziel muss es sein, Fälle zu entwickeln, die den besonderen Geist der Stadt Ludwigshafen aufgreifen und eine große Fallhöhe haben. So dass Lena auch nach 25 Jahren Dienst- und Lebenserfahrung noch gefordert und manchmal auch überfordert ist. Die Figur der Fallanalytikerin Johanna Stern wird zunehmend fester Bestandteil des Ludwigshafener Teams werden. Gerade für das Spannungsverhältnis Lena / Johanna  sehe ich hier großes Potential. Lena emotional, mit Ermittler-Instinkt und Straßenerfahrung, jeder Fall eine persönliche Herausforderung - Johanna analytisch, auf die Fakten konzentriert und mit strikter Trennung von Beruf und Privatleben. Hier prallen unterschiedliche Ermittlungsansätze aufeinander, aber auch unterschiedliche Lebenskonzepte. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf das Dreieck Lena-Kopper-Johanna, das mit neuer Energie aufgeladen wird. Es entstehen neue Fronten und neue Blickwinkel auch auf die anderen Teammitglieder Peter Becker und Frau Keller. Das führt zu mehr Dynamik im Kommissariat! Die Ermittlungen lassen sich zeitgemäßer und weniger statisch erzählen. Ludwigshafen ist im Aufbruch!

Drehbuchausschnitt zu "Hauch des Todes". Bild: SWR

Was muss ein guter Krimi Ihrer Meinung nach leisten, welche “Inhaltsstoffe” muss er haben?

Ein guter Krimi muss in erster Linie spannend sein, den Zuschauer emotional packen, neugierig machen! Er muss überraschen, raffinierte Wendungen haben. Neben einem clever konstruierten Plot braucht es aber auch interessante Charaktere, die nicht nur eindimensional geführt sind. Der Täter, aber ebenso der Kommissar müssen etwas in uns auslösen. Sie müssen unsere Empathie wecken, eine Vergangenheit haben, Fragen oder auch Abscheu verursachen. Ich glaube letztlich ist es die Kombination zwischen vielschichtigen und faszinierenden Charakteren und einem raffinierten Plot, der immer wieder mit Krimi-Erwartungshaltungen spielt, aber dann mit einem überraschenden Ende überzeugt.

Ich bin großer TATORT-Fan und würde gerne ebenfalls TATORTe produzieren, welchen Bildungsgang bzw. beruflichen Werdegang müsste ich dafür einschlagen?

Da gibt es wahrscheinlich gar nicht den einen und einzigen Weg. Sicher ist ein Produktionsstudium an einer Filmhochschule sinnvoll oder ein entsprechender Aufbaustudiengang. Praktika helfen auf jeden Fall, um Erfahrungen zu sammeln, Leute kennenzulernen und um zu erfahren wie es in der Praxis so zugeht. Viel in der täglichen Projektarbeit läuft ja auch über Learning-by-doing und einen vertrauensvollen Umgang, den man mit der Zeit aufbauen muss. Aber die Anzahl der TATORTe und die Produktionsfirmen sind begrenzt, letztlich gehört natürlich immer ein wenig Glück dazu, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – fast wie bei Lena, die zwar immer am richtigen Ort ist, aber eben doch leider immer etwas zu spät kommt.

Die Fragen stellte Kai Tobie 



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