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Heute ist der: 22.07.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das Special zum TATORT "Im Schmerz geboren"

Im Schmerz geboren

Die Ausdehnung der Grenze

Zweifelsohne ist der TATORT mit Ulrich Tukur etwas Besonderes. Er ist verrückter, waghalsiger als der Rest. Nach zwei sehr unterschiedlichen, aber bärenstarken Auftaktfolgen ("Wie einst Lilly", "Das Dorf") war der Zirkusfilm "Schwindelfrei" zuletzt deutlich schwächer. Der eigentlich so genial ausgedachte, ohne Bindung ans Jetzt agierende LKA-Ermittler Felix Murot drohte zum Klischeeträger grotesker Attribute nach Münsteraner Vorbild zu verkommen.

Ermittler Felix Murot und sein Gegenspieler Richard Harloff. © HR / Philip Sichler

Diese Angst ist mit Im Schmerz geboren erst einmal passé. Auf einigen Festivals wurde der Film bereits ausgezeichnet. Die Quentin Tarantino-artige Rachegeschichte mit Ulrich Matthes als Tukurs Gegenspieler ist der vielleicht ambitionierteste Kunst-TATORT in der fast 44-jährigen Geschichte der Reihe. Dass der Film nicht an seiner Fülle scheitert, dafür sorgen ein wunderbar alberner Humor und die absolut kinoreife Bildsprache.

An die Grenzen des Genres

Wie viel kann ein TATORT sein? Die Frage, was das Format aushält, um trotz aller Herausforderung das anvisierte Millionenpublikum zur sonntäglichen Primetime anzulocken, wurde oft gestellt. Immer wieder - vielleicht sind es ein, zwei Filme pro Jahr - kommen als TATORT getarnte 90-Minüter, die die Grenzen des Genres und der "besten Sendezeit" austesten. Im Schmerz geboren tut dies auf so verschachtelte, kunstsinnige Weise, dass man zu sagen versucht ist: Selbst unter jenen TATORT-Grenzgängern nimmt der Film eine Sonderstellung ein.

Neuer Leichenrekord im TATORT. © HR / Philip Sichler

Am Anfang sieht man eine Wand mit zwei Gemälden. Erst am Ende wird man verstehen, was es damit auf sich hat. Bald taucht die Kamera in das eine Bild ein, macht es lebendig, um eine mehr als 30 Jahre alte Szene aus Südamerika zu beleuchten. Danach der Schnitt ins Heute, sofern man im stets (zeit)unwirklichen Tukur-TATORT davon reden kann: Drei junge Männer, enigmatische Killerfiguren wie aus einem Tarantino-Film, erwarten an einem kleinstädtischen Bahnhof den nächsten Zug. Ihm entsteigt ein schmaler Mann mittleren Alters, Ulrich Matthes spielt ihn. Bevor sie den Mann töten können, werden die drei Brüder, wie sich später herausstellt, von einem Unbekannten aus dem Off niedergestreckt.

Anleihen im Italo-Western, bei Shakespeare und Tarantino (?)

Felix Murot und seine Mitarbeiterin Magda Wächter kommen zum TATORT. Der schmale Mann aus dem Zug erweist sich als Murots ehemaliger bester Freund Richard Harloff. Als junge Männer besuchten sie gemeinsam die Polizeischule. Anfang der 80-er wurde Harloff vom Dienst suspendiert, es folgte eine Drogenbaron-Karriere in Südamerika. Jetzt kommt Harloff nach Hause, um alte Dinge zu regeln. Mit im Gepäck hat der Connaisseur von Kaffee- und Weinspezialitäten, auch sie werden in diesem Film gefeiert, seinen Sohn David, einen sensiblen Profikiller. Nicht vergessen sollte man im Rahmen dieser wunderbaren B-Movie-Hommage, dass Murot und Harloff einst in dasselbe Mädchen verliebt waren - wodurch Im Schmerz geboren neben Italo-Western, Tarantino und William Shakespeare gleich noch François Truffauts Film "Jules und Jim" ausgiebig durch die Zitatemangel schickt.

Magda Wächter und Felix Murot sind fassungslos am Ende des Falls. © HR / Philip Sichler

Irrwitziger Fernsehwahnsinn

Der Film des immer wieder beeindruckend mutigen Hessischen Rundfunks ist ein künstlerisch ebenso irrwitziger wie gnadenlos unterhaltender Fernsehwahnsinn. Michael Pröhl schrieb das Drehbuch dazu. Er erfand bereits den preisgekrönten HR-TATORT Weil sie böse sind mit Matthias Schweighöfer und Milan Peschel aus dem Jahr 2010. Regie führte damals wie heute Florian Schwarz, der mit Pröhl auch in weiteren Projekten wie dem ambitionierten SAT.1-Krimi "Hannah Mangold und Lucy Palm" zusammenarbeitete. Dass die beiden auch den ersten Fall des kommenden Frankfurter TATORT-Teams Margarita Broich und Wolfram Koch inszenieren, darauf darf man sich jetzt schon freuen.

Neuer TATORT-Leichenrekord

Nur noch zwei irritierende Informationen zum Schluss, die den ganzen Gegensatz dieses Nerd-Projekts formulieren: Im Schmerz geboren stellt mit mehr als 50 Toten einen neuen TATORT-Leichenrekord auf. Und: Der Film wurde mit einem echten Orchester-Filmscore bedacht. Das HR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Frank Strobel spielte Werke Ludwig van Beethovens, Edvard Griegs, Antonín Dvorák und natürlich des Soundtrack-Magier der Nouvelle Vague, Georges Delerue, live auf die Tonspur dieser TATORT-Bilder.

Eric Leimann - Teleschau Mediendienst
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TATORT - die Show - im Anschluss an die TV-Ausstrahlung des TATORTs


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