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Das Special zum TATORT "Im Schmerz geboren"

Das Stendhal-Syndrom

Manchmal ist Rache der einzige Grund zu leben

Der vierte TATORT mit Ulrich Tukur dichtet der rachsüchtigen Hauptfigur eine psychosomatische Störung an, das sog. Stendhal-Syndom. In der Nähe von Kunstwerken erleiden Patienten wie er oft Allmachtsphantasien, Herzrasen oder Panikattacken - oder geraten in Europhie. Mit Harloffs "Krankheit" versucht der Film das Motiv des ehemaligen Murot-Freundes zu erklären: Rache.

Wikipedia schreibt:
Als Stendhal-Syndrom werden gewisse psychosomatische Störungen bezeichnet, wenn diese im zeitlichen Zusammenhang mit einer kulturellen Reizüberflutung auftreten. Zu den Symptomen zählen Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhafte Bewusstseinsveränderungen.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde dieses nach dem französischen Schriftsteller Stendhal benannte Syndrom 1979 von der italienischen Psychologin Graziella Magherini. Eine von Magherini zehn Jahre später veröffentlichte Studie, in der sie mehr als 100 für das Stendhal-Syndrom typische Krankheitsfälle von Touristen in der Kunstmetropole Florenz beschrieb, machte das Syndrom international bekannt.

Richard Harloff - gespielt von Ulrich Matthes - leidet im TATORT Im Schmerz geboren unter dem Stendhal-Syndrom. © HR/ Philip Sichler

LKA-Ermittler Murot erklärt das Stendhal-Syndrom seiner reizenden Assistentin Magda Wächter so: "Stellen Sie sich vor - Sie stehen im Louvre vor der Mona Lisa und Sie drehen durch". Bösewicht Harloff selbst berichtet Murot von einem Zusammenbruch vor den Bauwerken von Oskar Niemeyer in der brasilianischen Hauptstadt vor 20 Jahren.

Museumsbesuch als Konfrontationstherapie

Nun ist Im Schmerz geboren kein Pariser oder brasilianischer TATORT, sondern ein hessischer und so steht die Hauptfigur Richard Harloff stattdessen im Frankfurter Städel-Museum vor einem Gemälde. Seine Blicke versinken im Bild und langsam erkennt er sich wieder, sein eigener Kopf blickt zu ihm hinauf, aus dem Gemälde heraus, die Blicke kreuzen sich und es wird klar, dass hier Gefahr droht....

Ebenso als der aus Bolivien zurückgekehrte Harloff in seinem Hotelzimmer bei bedrohlicher Musikkulisse erkennbar in ein sich bewegendes Gemälde von van Gogh ("Die Sternennacht") eintaucht, wendet er die Gefahr gerade noch rechtzeitig dadurch ab, dass er seinem Sohn befiehlt, sich nützlich zu machen und die Gemälde abzuhängen. Mittlerweile nehme Murots alter Freund Harloff Tabletten und begreife beispielsweise seine Museumsbesuche als "eigene Konfrontationstherapie", erzählt Harloff seinem Freund Murot später.

Das Filmposter zu Im Schmerz geboren: "Manchmal ist Rache der einzige Grund zu leben"

Das Motiv des Films

Harloffs Stendahl-Syndrom führt den Zuschauer zum eigentlichen Motiv des Krimis. Harloff erzählt Murot ganz nebenbei vom sog. "Paris-Syndrom", das - vorwiegend - japanische Touristen in Paris befällt, weil sie vor lauter Begeisterung, in Paris zu sein, buchstäblich durchdrehen. 

Harloff nun, der rachsüchtige ehemalige Freund von Murot, begreift sein Leben als ein Gemälde oder Kunstwerk. In den Gemälden von brutalen Morden und schrecklichen Kreuzigungen sieht Harloff für sich einen Trostspender, trotz seiner Erkrankung. Durch die Betrachtungen der Bilder und Gemälde erkennt Harloff, dass die Menschheit - und damit auch er - alle leidvollen Schicksalsschläge und Entwicklungen überleben kann. Das schlimme Leid in den Bildern und damit in seinem eigenen Leben ist ein Trigger und funktioniert als treibende Kraft für das Über- oder das Weiterlebens. Das ist Harloffs eigentliches Thema.

Harloff, der einen wahnsinnigen, ja teuflischen Plan erdacht hat, ist überzeugt, ja geradezu zuversichtlich, dass das Leben immer einen Sinn ergibt. Und wenn es nur Rache ist, die einen am Leben erhält. Als Harloff im Städel-Mmuseum vor den Gemälden doziert, erklärt er seinem ehemaligen Freund Murot die eigenen Beweggründe, verklausuliert natürlich, denn eine offene, direkte Kampfansage kann er nicht machen, das wäre zu plump, eine Spielverderberei. Dass er sich an Murot rächen will, wird ihm und dem Zuschauer spätestens in dieser Szene klar. Alles was passiere, habe mit Murot zu tun, eröffnet Harloff ihm.

Der TATORT als Gemälde

Nicht umsonst beginnt der Film mit der Sicht auf zwei Gemälde, eins links und eins rechts. In das linke tauchen die Zuschauer zu Beginn ein, aus dem rechten wird der Zuschauer am Ende des Films auftauchen. Im Städel-Museum in Frankfurt wünscht sich Harloff von seinem alten Freund Murot, sich das Leben als Gemälde vorzustellen. Sein Auftrag an Murot: wern er alles erkenne und verstehe, was mit ihnen geschehen ist, was damals in der gemeinsamen Zeit passiert ist, würden die beiden vereint in einem Gemälde enden - und dann würde er, Harloff, aufhören. Womit, bleibt da noch offen - aber es ist der teuflische, ja wahnsinnige Plan in Harloffs krankem Kopf. Für Murot ist der Wahnsinn in Harloffs Kopf spätestens jetzt grob erkennbar, aber - das ist das Wesen des Wahnsinns - nicht vorhersehbar. Im Gemälde dieses TATORTs muss es unweigerlich zu einer weiteren, schlimmen Katastrophe kommen. Doch: werden Murot und Harloff am Ende auch wirklich im gleichen Gemälde, nebeneinander stehend, zu sehen sein?

Francois Werner
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TATORT - die Show - im Anschluss an die TV-Ausstrahlung des TATORTs


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